15. August 1968: Aus Dreck wird Dampf

15.8.2018, 07:07 Uhr

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Es dauert voraussichtlich noch bis Oktober, dann vermodern die Abfälle, die täglich in der Stadt zusammengekarrt werden, nicht mehr nutzlos auf Halden, sondern verwandeln sich in Energie. Aus Dreck wird Dampf. Wie der riesige Ofen funktioniert, soll der städtischen Prominenz in drei Wochen vorgeführt werden. Um dem hohen Besuch ja keine „Schmankerln“ wegzuschnappen, wurde die Anlage gar zum „Geheimobjekt“ erklärt. Kein Außenstehender bekommt Zutritt.

Die Honoratioren brauchen sich freilich nicht auf Sensationen gefaßt zu machen, Ihnen bietet sich ein Schauspiel, das beispielsweise in der Landeshauptstadt seit einigen Jahren schon zum Alltag gehört: die ankommenden Müllfahrzeuge werden gewogen, fahren über die Rampe zur Plattform und kippen die Ladungen durch Einfüllöffnungen in den Müllbunker, der normalerweise 5400 Kubikmeter faßt, jedoch bis zu 8000 Kubikmeter aufnehmen kann, wenn der Unrat hinter einzelnen Toren hochgestapelt wird. Die Klapptore öffnen sich nur beim Füllen des Bunkers, der ständig unter leichtem Unterdruck steht. So dringt beim Öffnen der Tore die Luft nur von außen nach innen. Die Umgebung bleibt so mit Sicherheit von üblen Gerüchen verschont.

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Ein Greiferkran – ein zweiter steht in Reserve – befördert den Bunkerinhalt zu den Einfülltrichtern der Kessel, über die er auf den Vortrocknungsrost gelangt. Hier verdampft bereits ein großer Teil des Wassers im Müll, der auf dem zweiten Rost bei Temperaturen zwischen 800 und 1000 Grad verbrannt wird. Rückstände brennen auf dem Nachbrennrost vollends aus. Die Schlacke fällt in Wasserbehälter, kühlt ab und gelangt in den Schlackenbunker.

Drei Kessel – jeder rund 25 Meter hoch und mit 20 bis 25 Kilometer langen Rohrleitungen im Bauch – besitzt die Müllverbrennungsanlage. Zwei davon sind als Betriebskessel gedacht, der dritte steht in Reserve. Platz für einen vierten Kessel ist vorhanden. Die Leistungen eines einzigen Monstrums werden von der EWAG mit maximal 360 Tonnen Müll am Tag angegeben. Das entspricht einer Dampferzeugung von 37 Tonnen in der Stunde.

Die Abgase durchströmen große Elektrofilter mit darunter angeordneten Aschebunkern. So weit gereinigt, daß der Staubgehalt merklich unter den gesetzlichen Vorschriften liegt, gelangen sie schließlich über Saugzuggebläse in den 100 Meter hohen Schornstein, der beim Bau einige Sorgen bereitet hat. Zunächst nicht genügend fest, bekam er einen Innenmantel geschneidert. Mit diesem Korsett hält der Kamin, der sich ab einer Höhe von 85 Metern wie eine Tulpe öffnet.

Das alles werden der Oberbürgermeister und seine Begleiter in einigen Wochen zu sehen bekommen. Sie werden auch in das Sozialgebäude mit Wasch-, Umkleide- und Speiseräumen für 300 Beschäftigte blicken und das neue Werk gebührend loben, um so mehr, als die geschätzten Baukosten eingehalten werden können und die Nürnberger auf hygienische Weise ihren Abfall loswerden.

Für die 10 Prozent, auf die der Müll in der Verbrennungsanlage zusammenschrumpft, werden sich auch auf längere Sicht noch Lagerplätze finden lassen.

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