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18. April 1971: Neue Schlote am Birkensee

Der Staat gibt sich wenig Mühe, seine wahre Absicht zu verschleiern
- 18.04.2021 07:00 Uhr

Weiter von der Autobahn entfernt, als man es in München wahrhaben will: der Birkensee.

16.04.2021 © Kammler


Die Pläne zum Ausbau des Birkensee-Erholungszentrums nämlich, sollen laut Minister Streibl, „allein schon wegen des Autolärms und der Abgase“ aufgegeben werden, weil der Birkensee dicht beim Nürnberger Autobahn-Kreuz liegt. So dicht allerdings auch wieder nicht, daß der Lärm von der Autobahn das leise Plätschern der Wellen übertönen würde.

Genaugenommen hört man die Autos am 30 Meter tiefer liegenden See überhaupt nicht, und ein breiter Grüngürtel müßte überdies in der Lage sein, Abgase und Lärm vom Erholungsgebiet fernzuhalten.

Da sei manches zu klären, sagt die Regierung. Beispielsweise, ob der Röthenbach zur Speisung des Sees gebraucht wird und, wenn je, ob Quantität und Qualität des Röthenbach-Wassers ausreichen würden. Aber geklärt wird nichts. Das will man offenbar auch gar nicht: um die Dinge zu untersuchen, wäre ein Raumordnungsverfahren notwendig. Dieses hätte die Regierung von Mittelfranken durchzuführen, das Ministerium zunächst aber zu veranlassen.

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Aber die Regierung hat abgeraten, ein solches Verfahren einzuleiten: das Birkensee-Gelände sei für ein Erholungsgebiet nicht sehr glücklich gewählt. Wen wundert das? Sieht doch Landwirtschaftsminister Dr. Eisenmann eine Möglichkeit, eine 80 Hektar große Waldfläche gut verkaufen zu können. Und die Zusage ist der daran interessierten Nürnberger Firma Diehl bereits gegeben worden, weil Dr. Eisenmann vom Birkensee-Projekt keine Ahnung hatte.

Das läßt auf die Zusammenarbeit der einzelnen Münchener Ministerien schließen: im 1970 vom Umweltschutz-Ministerium herausgegebenen Programm „Freizeit und Erholung“ ist der Birkensee nämlich detailliert enthalten.

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Wenn hier die Linke nicht wußte, was die Rechte tat, so geht man die Dinge jetzt gemeinsam zielstrebig an. Und beschlossen scheint, den Ersatzanspruch der Firma Diehl (sie muß für den Bau der Schnellstraße Schwaig-Rückersdorf 1,8 Hektar von ihrem Grundbesitz abtreten) zu entsprechen. („Es wird nur noch um den Preis gefeilscht.“) Beschlossen scheint weiter, die aus dem Moritzberg-Gebiet „verbannte“ nordbayerische Erdgas-Konditionierungsanlage auf das Gelände des Sees zu stellen.

Derweil versucht München zu vertrösten: „Entschieden ist noch nichts; auch der Ausschuß des Landtages will erst noch unterrichtet werden.“ Sicher, man wird ihm einiges erzählen – aber manches wird er nicht zu hören bekommen. Beispielsweise, wie stark die Kohlenmonoxyd- und Schwefeldioxyd-Konzentration am Nürnberger Autobahn-Kreuz eigentlich ist, ob sie nämlich so groß ist, wie vorausgesetzt wird. Diese Untersuchung bleibt Privatleuten vorbehalten (sie soll in den nächsten Tagen erfolgen). Und man wird den Abgeordneten auch nicht vorrechnen können, das Projekt könne aus diesen und jenen Gründen nicht verwirklicht werden.

Das weiß die Regierung nicht, davon weiß der Staat nichts. Beide nehmen es nur an und geben sich nicht einmal rechtschaffen Mühe, ihre Absicht zu verbergen: daß der Birkensee-Plan Grundstücksinteressen geopfert wird.

Helmut Dirla

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