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18. Oktober 1961: König der Taschendiebe bestahl Polizisten und Richter

Lehrreiche Stunde im Revier in der Lenaustraße: "Borra" aus dem Zirkus beklaute Beamte - 18.10.2011 06:58 Uhr

Der Spaß für die Zuschauer wie für die „Betroffenen“ ist ebenso groß, wie für den Beamten, dem Borra den Hosenträger und einen 50-Mark-Schein gleichzeitig klaut. © Slevogt


„Borra“, der täglich im Zirkus Barum die Zuschauer zu Beifallsstürmen hinreißt, gab eine Instruktionsstunde im Stehlen, deckte die Tricks der Taschendiebe auf und bewies seine eigene Fingerfertigkeit. Er machte es so charmant, daß den Teilnehmern die zwei Stunden wie im Flug vergingen.

"Oha, ist das nicht ihre Armbanduhr?": Ein Diebstahl vor Publikum im Polizeirevier. © Slevogt


„Ich will niemanden lächerlich machen, oder vielleicht gar beklauen“, plauderte Borra, „aber es ist selten ein Polizist dabei, der sieht, wie ein Taschendieb arbeitet“. Es ist nicht das erstemal, daß er vor der Polizei die Arbeitsweise der Diebe demonstriert. Vor Scotland Yard allein absolvierte er 30 Stunden.

Borra zeigt in gemütlicher Skatrunde, wie man falsch mischt und Karten gibt. © Slevogt


An Beispielen ließ es Borra anschließend nicht fehlen: wie ein älterer Herr in die Straßenbahn einsteigt, wie er im Gedränge der Tram bestohlen wird oder auf dem Fußballplatz. Der Trick mit dem Mann, der „versehentlich“ mit seiner Zigarre einen Passanten anstößt und ihn dabei bestiehlt, war ebenso einfach wie wirkungsvoll. „Taschendiebe, die etwas können, arbeiten meistens mit Assistenten“, erläuterte Borra und führte es gleich praktisch mit seinem 16jährigen Sohn vor, der in wenigen Jahren schon die Fuß-, Pardon Fingerstapfen seines Vaters steigen wird und „der schon jetzt klauen kann wie ein Rabe“.

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Obwohl Borra oft „langsam zum Mitschauen“ Brieftaschen mauste oder den Geldbeutel aus der Gesäßtasche holte, so merkten die Opfer doch selten etwas von dem, was an ihrer Jacke oder Hose vorging. Fünfzig-Mark-Scheine wurden in die Geldbörse zurückgesteckt und blieben doch wie magisch in Borras Hand kleben, durch Ablenkungsmanöver verschwanden Hosenträger oder Krawatten und selbst gewiefte Sechsundsechzig-Spieler kamen bei den Falschspielertricks nicht mehr mit. Die gemütliche Skatrunde, die sich im Lehrsaal zusammensetzte, staunte ob er unbemerkten blitzschnellen Falschgeberei. „Neidisch könnte man werden“, seufzte einer.

Aber es war alles ernst und lehrreich für die Männer, die sich tagtäglich mit dieser Art von Straftaten bechäftigen müssen. „Ich habe schon öfters Angebote von Polizeistellen bekommen, für sie zu arbeiten, aber“, fügte Borra in schöner Offenheit hinzu, „ich verdiene jetzt als Artist etwas mehr. Später vielleicht“, tröstete er, verabschiedet sich von einem Beamten – und stahl ihm die Armbanduhr.

Aus den Nürnberger Nachrichten vom 18. Oktober 1961 

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Die Fotos des NN-Kalenderblatts vom Oktober 1961.



 

A.F.

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