21. Dezember 1968: Lohn für vorbildliche Männer

21.12.2018, 07:00 Uhr

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Dr. Georg Gustav Wieszner dankte in ihrer aller Namen für die Bürgermedaille. Der Sprecher setzte sein Wort „Erinnerung schließt Verpflichtung für die Zukunft in sich“ sogleich in die Tat um: er vermachte der Stadt 10.000 Bücher, 10.000 Diapositive und 750 Schallplatten.

In guten wie in schlechten Tagen hat der 69jährige Adolf Hamburger seiner Vaterstadt die Treue gehalten, obwohl er als Jude während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt und verfemt worden ist. Er durfte beispielsweise von 1933 an seinen Beruf als Großschlächter nicht mehr ausüben, sondern mußte als Zwangsarbeiter beim Gleisbau dienen. Trotz der schrecklichen persönlichen Erfahrungen half er nach Kriegsende – ohne Ressentiments – sogleich eifrig mit, daß sich Nürnberg aus den Trümmern erheben konnte.

In seinem angestammten Beruf versorgte Adolf Hamburger die Bevölkerung mit Fleisch; als jüdischer Mitbürger erweckte er die Israelitische Kultusgemeinde zu neuem Leben. Besonders aber förderte er die christlich-jüdische Zusammenarbeit und damit die junge Demokratie. Oberbürgermeister Dr. Urschlechter faßte das Wirken dieses ungewöhnlich anhänglichen Nürnbergers in den Worten zusammen „Wir ehren in Herrn Hamburger einen Bürger, der sich hervorragend um den äußeren und inneren Aufbau der Stadt verdient gemacht hat.“

Mit Dr. Wilhelm Schwemmer ehrte Nürnberg den intimsten und profundesten Kenner seiner Lokalgeschichte. „Er ist Bewahrer einer Tradition, von der viel vergessen wäre, wenn er nicht ihr Gedächtnis und ihr Historiker wäre“, betonte das Stadtoberhaupt in seiner Laudatio auf den langjährigen Leiter der Kunstsammlungen. Als feinsinnigem Wissenschaftler ist es ihm gelungen, Schätze der Kunst- und Kulturgeschichte zu heben, die ohne sein Zutun versunken geblieben wären. Der 67jährige Dr. Schwemmer legte den Grundstein zu seinem Lebenswerk schon 1930 mit seiner Doktorarbeit über das Thema „Tore und Türen an Alt-Nürnberger Profanbauen“. Seither hat er in Schriften mit 25 Einzeltiteln immer wieder Fragen und Probleme der Nürnberger Kulturgeschichte aufgegriffen und damit einen weiten Bogen für sein Schaffen gespannt. Erst in diesen Tagen konnte Dr. Schwemmer das Manuskript des Inventars „Die Bürgerhäuser der Nürnberger Altstadt. Erhaltener Bestand der Lorenzer Seite“ abschließen.

Als die Stadt in Schutt und Asche gefallen war, bemühte er sich unermüdlich und unter persönlichen Opfern, das übernommene zu erhalten. Sichtbarer Lohn dieses Strebens ist das Altstadtmuseum im Fembohaus.

Ein Leben in Sorge um die Jugend und ihre beste Ausbildung, ohne Rücksicht auf Herkunft, Stand oder Geld, kennzeichnet das Wesen von Stadtrat i. R. Andreas Staudt. Der 75jährige hat sich nicht nur an den Schulen, sondern in den verschiedensten Organisationen und auch im politischen Wirken hingebungsvoll um die Volksbildung bemüht. Er setzte sich stets für die ärmsten der armen Kinder ein, er förderte ständig den pädagogischen Nachwuchs, wofür sein Ringen um die PH Nürnberg zeugt.

Andreas Staudt verkörpert einen Mann, der in der Schule und in der Politik leidenschaftlich tätig war. Von 1920 bis 1930 wirkte er an der Volks- und Berufsschule seiner Vaterstadt; 1926 zog er als ehrenamtlicher SPD-Stadtrat in das Rathaus ein. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Andreas Staudt entlassen und eingesperrt; jede Tätigkeit in seinem Beruf blieb ihm untersagt. Trotz solcher Enttäuschungen war er 1945 wieder bereit, Verantwortung für die Stadt und ihre Bürger zu übernehmen, zuerst als Direktor des Jugendamtes, später – von 1953 bis 1964 – als Schul- und Kulturreferent.

Leiter der Volkshochschule gewesen

Mehr Wissen an mehr Mitmenschen zu vermitteln – dieses hohe Ziel hat sich Dr. Georg Gustav Wieszner gesteckt und erreicht. Als Leiter der Volkshochschule von 1945 bis 1961 (danach auch noch als Lehrer) machte er aus der Nürnberger VoHo eine der führenden Einrichtungen für die Volksbildung in der ganzen Bundesrepublik. „Seine Kraft galt den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die im Wandel der Generationen nach mehr Wissen strebten, um das Geschehen in der Welt besser beurteilen oder sich im Beruf wirksamer entfalten zu können“, hob Oberbürgermeister Dr. Urschlechter hervor.

Seine Laufbahn begann Dr. Georg Gustav Wieszner, heute 75jährig, als Dramaturg. Bald aber schon wandte er sich seinem Lebenswerk, der Volksbildung, zu. Schon in den zwanziger Jahren baute er eine Theatergemeinde auf und hielt Vorlesungen über Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte. In jener Zeit entstand auch sein bekanntes Buch „Pulsschlag deutscher Stil-Geschichte“. Mit zwei der neuen Bürgermedaillenträger teilte Dr. Wieszner das Schicksal, während der nationalsozialistischen Herschafft in seiner beruflichen und menschlichen Entfaltung eingeschränkt zu sein – er erhielt 1933 Redeverbot.

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