22. August 1968: Die Stadt hilft CSSR-Touristen

22.8.2018, 07:00 Uhr

© Launer

Mit Tränen in den Augen verfolgten sie die neuesten Nachrichten aus ihrer Heimat, die von russischen Panzern besetzt ist. Der größte Teil der Fremden verzichtete darauf, sofort zurückzureisen. Die meisten wollen fürs erste die Situation abwarten und sich erst dann endgültig entscheiden, wenn ihre Visa abgelaufen sind. Allerdings war auch auf dem Campingplatz, in einigen Hotels und im Bahnhof zu beobachten, wie Besucher aus der CSSR hastig ihre Koffer packten und die Rückfahrt antraten.

Die Stadt hat sofort ein umfassendes Hilfsprogramm eingeleitet: sie vermittelt kostenlos Quartiere, gibt Freifahrtscheine aus und versorgt über die „Nürnberger Nothilfe“ in der Flaschenhofstraße tschechische Touristen mit Speisen und Getränken. Von dieser Möglichkeit hatten bis gestern abend schon 26 Personen Gebrauch gemacht – unter ihnen eine Judogruppe von acht zehn- bis zwölfjährigen Kindern und drei Erwachsenen aus Pilsen.

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Die jungen Sportler hatten auf Einladung des Deutschen Judoverbandes einen zweiwöchigen Campingurlaub in Eckernförde verbracht. Auf der Rückreise hörten sie im Zug die Hiobsbotschaft aus Prag. In Nürnberg entschlossen sich die Begleiter, eine Zwangspause einzulegen. Um Hilfsbereitschaft brauchten sie sich nicht lange zu bemühen: nachdem sie irrtümlich in das Ausländerlager nach Zirndorf geschickt worden waren, brachte sie das Sozialamt in der Jugendherberge auf der Kaiserburg unter. „Dort können die Buben vorerst bleiben. Für ausreichende Verpflegung ist gesorgt“, erklärte die Stadt.

Sozialreferent Dr. Max Thoma und Verwaltungsdirektor Dr. Oswald Fiedler waren schon in aller Frühe auf den Beinen, um tschechischen Touristen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Mittellose Reisende, die Hals über Kopf die Abfahrt verschoben, erhielten Freifahrtscheine, um zu ihren Verwandten oder Bekannten zurückkehren zu können. Das Paßamt ließ durchblicken, daß bereits entsprechende Anordnungen des Innenministeriums bestehen, um Aufenthaltsverlängerungen unbürokratisch vorzunehmen.

Das Sozialamt ist ebenfalls bestrebt, schnell zu helfen. „Obdachlosenunterkünfte kommen für diese Leute nicht in Frage. Wir versuchen, Quartiere bei der Bahnhofsmission und ähnlichen Stellen zu beschaffen. Wenn das nicht ausreicht, werden wir auch die Urlauber in Hotels unterbringen“, versicherte Dr. Max Thoma.

Bis gestern abend hatte noch kein Tscheche aufgrund der dramatischen Entwicklung in Prag im Ausländerlager in Zirndorf um Asyl nachgesucht. „Bevor das Visum nicht abgelaufen ist, können wir niemand aufnehmen“, teilte die Lagerleitung mit. Allerdings scheint die politische Entwicklung in der CSSR von vielen Bürgern schon vor Monaten pessimistisch beurteilt worden zu sein, denn seit Wochen stellen die Tschechen mit 100 von insgesamt 300 Flüchtlingen das größte Kontingent. Früher standen die Jugoslawen an der Spitze.

Aufregung in Reisebüros

In den Nürnberger Reiseunternehmen lösten die Nachrichten aus der Tschechoslowakei erhebliche Unruhe aus. Beim ABR wurden verschiedene Fahrten, die nach Prag und in die böhmischen Bäder gebucht waren, zurückgezogen. Adolf Keßler, der Leiter der Abteilung Touristik beim ABR, wollte bei der tschechischen Militärmission in Berlin Einzelheiten erfahren. Am Telefon wurde ihm jedoch geantwortet: „Wir wissen nichts. Die Grenzen sind geschlossen. Rufen sie morgen wieder an.“

Wie viele Nürnberger sich zur Zeit in der CSSR aufhalten, ließ sich nicht feststellen, da sie meist als Einzelreisende mit dem Auto oder der Bahn unterwegs sind. Ein Nürnberger Omnibus ist am Dienstag zu einer Viertagefahrt nach Prag, Marienbad und Karlsbad gestartet. Der Besitzer weigerte sich strikt, näheres dazu zu sagen. Selbst auf die Frage, um wieviele Reisende es sich handelt, verweigerte er jede Auskunft.

In den Nürnberger Hotels wurden nur wenige Gäste aus der Tschechoslowakei mit den aufsehenerregenden Ereignissen konfrontiert. Eine Frau aus Prag hörte am Vormittag die neuesten Nachrichten und reiste sofort ab, obwohl sie „daheim einiges zu erwarten“ hat. Eine Familie, die in vier Tagen die Heimfahrt antreten wollte, wird diese Frist zum Abwarten nützen. „Ob wir zurückkehren, wissen wir noch nicht“, meinte die Frau und fügte hinzu: „Wir haben Angst um unsere Angehörigen.“

„Prager Frühling vorbei“

„Repressalien? Vielleicht. Aber ich bin gesund und kann arbeiten“, sagte ein 35jähriger Schlosser aus Pilsen, der mit Frau und Tochter sein Zelt auf dem Campingplatz beim Stadion aufgeschlagen hatte und schon gestern die Koffer packte. Resigniert fügt der Mann hinzu: „Der Prager Frühling ist vorbei. Ich weiß, daß ich jetzt wieder in einer Diktatur leben muß. Aber trotzdem fahre ich nach Hause. So lange ich kann, werde ich auch in meiner Heimat meine Meinung frei äußern.“ Bevor der Schlosser via Grenze startete, sagte er noch: „Die Leute waren hier sehr nett. Ich habe wirkliche Freunde kennengelernt.“

„Ich bin als freier Bürger eines freien Landes in die Bundesrepublik gekommen. Jetzt muß ich als Sklave zurückkehren.“ Das ist das Resümee, das eine Studentin aus Prag aus den Vorgängen in ihrer Heimat zieht. Sie weiß, daß sie eine schwere Reise antreten muß. „Ich glaube nicht“, bedauerte sie, „daß ich weiter studieren kann. Ich habe nämlich bei zahlreichen Demonstrationen teilgenommen und bereits Unannehmlichkeiten mit der Zensur gehabt. Das wird man mir übel ankreiden.“ Auf der anderen Seite weiß sie, daß sie „unbedingt zurückkehren“ .muß. Denn besorgt fragt sie: „Was wird sonst aus meiner kleinen Schwester, meiner Mutter und meinem Vater?

Eines bedrückte die Tschechen, die gestern nach Nürnberg kamen, am meisten: „Das Schicksal ihrer Angehörigen, mit denen sie über Nacht jeden Kontakt verloren. Um ihnen trotzdem eine Nachricht übermitteln zu können, gaben sie den Landsleuten Briefe mit, die sich zur Rückreise entschlossen. An fast jedem Wagen aus der CSSR, der irgendwo in Nürnberg parkte, steckten Informationen hinter der Windschutzscheibe. Ob sie auch an die richtige Adresse gelangen?

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