23. April 1967: Kennen Sie die Rathausparteien?

23.4.2017, 08:40 Uhr

© Gerardi

Der Kongreß mit namhaften Teilnehmern, der morgen in der Meistersingerhalle beginnt, steht diesmal unter dem Motto: "Erkennen und Handeln – Gegenwart und Zukunft der deutschen Gesellschaft."

Unsere Umfrage hat uns die Erkenntnis beschert, daß viel zu wenige wissen, wer im Rathaus über die Geschicke der Stadt entscheidet.

Sie hat die Repräsentativ-Erhebung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft, Bad Godesberg, vom Sommer 1965 bestätigt, in der den Nürnbergern recht lückenhafte Kenntnisse der Kommunalpolitik bescheinigt worden sind. Nur jeder dritte Befragte konnte damals ganz sicher sagen, daß die SPD und die CSU im Stadtrat Sitz und Stimme haben. Obwohl auch wir nur erfahren wollten, welche Parteien und Gruppen im Stadtrat vertreten sind und nicht einmal nach ihrer Stärke geforscht haben, sind die Antworten enttäuschend ausgefallen. Selbst städtische Beamte machen kaum eine Ausnahme, wie das Ergebnis zeigt.

"Ich kenne nur die Partei vom Urschlechter" (das ist die SPD) "und dann noch die CSU", sagte eine Marktfrau auf dem Hauptmarkt. Ihre Standnachbarin fügte hinzu: "Es gibt noch mehr, aber wie die heißen, weiß ich nicht." Ein Kriminalamtmann nennt SPD, CSU, FDP und NPD als die vier Rathausparteien, ein Kollege im gleichen Rang und ein Obermeister sprechen ganz richtig von sechs Parteien, können sie aber nicht alle beim Namen nennen, wobei der Christliche Volksdienst besondere Schwierigkeiten macht.

"Drei. CSU, FDP und SPD", sagt schlagfertig ein Rentner. Als er auf den wahren Sachverhalt angesprochen wird, meint er: "Na ja, die anderen sind doch nur kleine Würstchen." Freimütig gesteht eine Frau mit Sammelbüchse, daß ihr die Zahl unbekannt ist. Kaum hat sie vernommen, daß es sechs Parteien und Gruppen im Rathaus gibt, fügt sie drein: "Wenn das so viele sind, dann wundert mich nichts mehr." Sehr selbstsicher erklärt ein Student, man sollte sich da schon auskennen, muß aber dann einen Rückzieher machen, als ihm der Christliche Volksdienst nicht in den Sinn kommt.

Mit der Zahl fünf jongliert ein Bundesbahnbeamter, vergißt dabei aber glatt die NPD ("Dabei war doch diese Partei erst vor kurzem so im Gespräch gewesen!"). "Natürlich weiß ich das. Drei Parteien, die SPD, die CSU und die FDP", behauptet ein Taxifahrer. Zweifelnd fragt er uns sogleich: "Die NPD ist doch wieder rausgeflogen?" Zwei Straßenbahnschaffner haben vier Rathausparteien in Erinnerung; als sie auf die DFU und den CVD angesprochen werden, sagen sie rundheraus: "Die wählen wir nicht, deshalb kennen wir sie auch nicht."

Die holde Weiblichkeit trägt mutig politisches Desinteresse zur Schau. "Das weiß ich nicht", tönt es mit zarter Stimme aus dem Mund einer jungen Angestellten, "denn ich wohne in Lauf. Aber auch da kenne ich mich nicht aus." Welche Parteien und Gruppen aber wirklich im Rathaus sitzen, erfahren Sie bei einem Blick unter das Bild von einer Plenarsitzung.

Eines freilich bestätigen all diese Antworten: es ist gut, wenn sich einige kluge Leute den Kopf darüber zerbrechen, was der deutschen Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft frommt. Es könnte nicht schaden, wenn die anderen wenigstens zuhören.

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