23. November 1968: Der Mann, der aus dem Eisschrank kam

23.11.2018, 07:00 Uhr

© Kammler

Nur durch einen Zufall sind die Beamten auf den Mann aufmerksam geworden, der unter dem zentnerschweren Gerät seine ungewöhnliche Schlafstätte eingerichtet hatte. In Lumpen gehüllt, suchte er Schutz vor der Kälte. Obwohl der Schmelzer unter denkbar primitiven Verhältnissen gehaust hatte, machte er nur äußerlich einen heruntergekommenen Eindruck.

Der Einsiedler hatte allen Grund sich vor der Polizei zu verbergen: er wurde schon seit längerem gesucht, weil er eine Gefängnisstrafe von einem Jahr verbüßen sollte. Mit dem Kühlschranktrick gelang es ihm allerdings, wie vom Erdboden zu verschwinden.

"Ich habe mich nur ans Tageslicht gewagt, wenn die Luft rein war“, erzählte der Mann später beim Verhör. Trotz dieser Vorsicht konnte er nicht verhindern, daß er doch gesehen wurde. Ein Passant beobachtete die zerlumpte Gestalt, verfolgte sie ein Stück und bemerkte wie sie auf dem Schuttplatz in "eine große Kiste" kroch. Von der Entdeckung informiert schickte das Polizeirevier II noch in dieser Nacht eine Streife los.

Machtlose Beamten

Die beiden Beamten standen machtlos vor dem alten Eisschrank: das Aggregat beiseite zu schieben, gelang ihnen nicht. Und ihr Rufen und Klopfen "überhörte" der Mann im Schrank. Über Funk forderten die Polizisten Verstärkung an. Gegen 2 Uhr war es dann soweit: "Hauruck", riefen sechs kräftige Ordnungshüter im Chor und stemmten das verrostete Kühlaggregat in die Höhe. Noch außer Atem, machten die Beamten große Augen: zuerst kam ein Fuß zum Vorschein, dann fiel ihnen der in Lumpen gehüllte Mann entgegen.

Auf recht eisfreie Art hatte sich der Schmelzer Zugang zu dem zentnerschweren Kühlschrank verschafft, der mit den beiden Türen auf dem Boden lag: er schaufelte einen Graben, von dem er in das Gerät kletterte. Die Fläche, die dem Mann als Schlafraum diente, war fast fünf Quadratmeter groß. "Gefroren habe ich kaum", meinte Kurt H. und fügte hinzu: Ich wußte, daß mich die Polizei sucht."

Der Kühlschrank, der vermutlich früher einmal in einer Brauerei gestanden hat, bot dem 30jährigen nicht nur ein sicheres Versteck. sondern auch einen kurzen Weg zu seiner "Arbeitsstelle": wenn sich der Mann ins Freie wagte, suchte er den Schuttplatz nach Altmetallen ab, die er an Händler verkaufte. Mit dem Erlös erstand er sich Lebensmittel. Nur wenn die Einnahmequelle zu versiegen drohte, holte sich der 30jährige aus den umliegenden Feldern und Gärten kostenlosen Nachschub.

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