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23. September 1969: Nürnbergs Buchhändler ratlos

Ungebetene Kunden haben es auf wertvolle Kunstbücher und Fachliteratur abgesehen - 23.09.2019 07:06 Uhr

Ein interessierter Kunde oder ein Dieb? Die große Aktentasche macht die Verkäufer hellsichtig. Schon manch ein teurer Kunstband ist auf diese Weise verschwunden. Selten bringt ihn die Polizei wieder. © NN


Nürnbergs Buchhändler entwickeln schon fast kriminalistischen Spürsinn. Sie haben auch allen Grund dazu. Tagtäglich verschwinden luxuriöse Kunstbücher. dickleibige Enzyklopädien, teure wissenschaftliche Werke oder ledergebundene Belletristik-Bände. Häufig wird der Diebstahl erst Tage später entdeckt, denn nicht alle „Bibliomanen“ lassen die Kartonhülle zurück.“Wenn wir den Rücken eines Einbandes im Regal sehen, wissen wir schon, was los ist“, resigniert eine Verkäuferin.

Doch die Buchhändler machen es ihren ungebetenen Kunden nicht leicht. „Wir haben unsere Arbeitsplätze schon anders ausgerichtet, damit wir die Kunden beobachten können“, versichert Erika Lang-Büttner, seit 15 Jahren im Buchhandel tätig. „Wir haben es schon mit dem Spiegelsystem versucht, doch das hat nicht viel genutzt.“ Auch die großgedruckte Warnung des Bayerischen Verleger- und Buchhändlerverbandes scheint ihre Wirkung auf die Bücherfreunde zu verfehlen.

Diese Warnung – in einer dunklen Ecke angebracht – soll die Diebe von ihrem ungesetzlichen Vorhaben abbringen. © NN


Die Verkäuferinnen verlassen sich seitdem auf ihre Erfahrungen im Umgang mit Dieben. „Sie haben schon ein gewisses Gefühl für gewisse Personen.“ Um ganz sicher zu gehen, erwägt die Buchhandlung den Einbau von unsichtbar installierten Fernsehkameras.

Ein unerfreuliches Vergnügen

„Sie gehen ganz gezielt vor“, erklärt Heiko Kistner, seit 20 Jahren Buchhändler. „Sie nehmen das mit, was sie brauchen oder gerne hätten. Doch wir zeigen jeden an. Anders kann man da nicht mehr vorgehen. Nachher jammern sie, daß ihnen das noch nie passiert ist undsoweiter“.

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„Es ist ein unerfreuliches Vergnügen“, klagt Kistner. „Die Skala der Diebe reicht vorn jüngsten Pennäler bis hin zum Universitätsprofessor. Wir hatten einen Kunden, der jahrelang kam, kaufte und zahlte. Er nahm aber immer noch ein zweites Buch klammheimlich mit. Er hat uns im Laufe von zwei Jahren um 200 Bände erleichtert.“

Die gleichen bitteren Erfahrungen hat Melchior Mantel gemacht. „Wir haben einmal einen Oberstudienrat erwischt, der etwa 400 Bücher gestohlen hatte.“ Auch dieser Buchhändler hat noch kein Rezept gefunden, den „Bibliophilen“ das Handwerk zu legen. „Sie kommen mit leeren Taschen, kaufen eine Zeitung und verschwinden mit einer prall gefüllten Mappe.“

„Wir können ja schlecht zu unseren Kunden sagen: ,Bitte schauen Sie sich ruhig um, aber stehlen Sie um Himmels willen keine Bücher‘“, überlegt Emil Jakob, seit 50 Jahren als Buchhändler im Umgang mit Dieben geschult. „Wir können nichts weiter tun, als aufpassen.“ Auch er hat schon viele Diebe auf frischer Tat ertappt. „Manche Bücher sind besonders zugkräftig“, dabei deutet er auf das Uhren-Handbuch für Sammler und Liebhaber von Bassermann-Jordan für 78 Mark. Den Pappumschlag ziert die Aufschrift „Das meistgestohlene Buch in unserem Laden“.

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„Bei uns sind es meist Studenten“, versichert Detlef Balke von einer Fachbücherei und verweist ärgerlich auf die Mitteilung der Studentenvertretung in Heidelberg, die die Buchhändler aufforderte, den Studenten auf alle Bücher Rabatt zu gewähren, „sonst würden sie weiterklauen“. „Das müssen dann alles arme, minderbemittelte Studenten sein, die im Porsche vorfahren und sich selbst bedienen.“ Auch in diesem Geschäft verschwinden ständig teure Fachbücher. „Die Ausgabe von Meinke ,Hochfrequenz‘ für 98 Mark wurde allein viermal gestohlen, jetzt steht sie sicher hinter der Kasse.

Auf ihrer Jagd nach Dieben können sie in Zukunft auch nicht mehr allzugroße Rücksicht auf ihre ehrenhaften Kunden nehmen. „Doch die nehmen es uns meist nicht übel, wenn wir sie höflich bitten, einmal einen Blick in ihre Aktentasche werfen zu dürfen.“ „Vielleicht kommt es soweit“, meint ein anderer Buchhändler, „daß wir wie in den Bibliotheken alle Besucher bitten müssen, Mantel und Tasche an der Kasse abzugeben“.

K. N.

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