25. April 1965: Das Paket "auf Abruf"

25.4.2015, 07:00 Uhr
In der Sammelhalle an der Kleestraße werden täglich die Rückantwortkarten und die dazugehörigen Kartons sortiert; sie treten nun zum zweitenmal den Weg zum wartenden Empfänger an. Diesmal werden sie bestimmt entgegengenommen. Der „Posterer“ hat sie endlich los.

In der Sammelhalle an der Kleestraße werden täglich die Rückantwortkarten und die dazugehörigen Kartons sortiert; sie treten nun zum zweitenmal den Weg zum wartenden Empfänger an. Diesmal werden sie bestimmt entgegengenommen. Der „Posterer“ hat sie endlich los. © NN

Dabei handelt es sich nicht um eine gewöhnliche, sondern eine orangefarbene Karte, die gleichzeitig einen Benachrichtigungszettel darstellt. Wer sie in seinem Briefkasten vorfindet – täglich werden in Nürnberg 150 eingeworfen -, braucht nicht zu grollen, daß er schon wieder eine Reklamedrucksache studieren soll; er war ganz einfach nicht zu Hause, als der „Posterer“, einen Karton unterm Arm, geklingelt hat. Inzwischen ist er mit seinem 1,5 Tonner oder einem der kleine, flinken Kombiwagen längst wieder davongebraust. Das Päckchen ebenfalls – und was nun?

Nun muß der freundlich benachrichtigte Empfänger durchaus nicht mehr in die Ausgabestelle an der Kleestraße 23/25 eilen, wo er zwar montags bis freitags von 8 bis 18, samstags von 8 bis 14 und sonntags zwischen 11 und 12 Uhr die Sendung erhält, er kann vielmehr auf die Vorderseite der Karte schreiben, wann der Zusteller wiederkommen soll. Das geht alles gratis und franko, nur einwerfen muß man das Kärtchen. Und siehe da: der Mann im blauen Dreß kommt auf den Tag genau, meist – wie beim ersten Versuch auch, zwischen 8 und 13 Uhr.

Weniger bürokratisch

Auf der Karte, deren Farbe ins Auge sticht, ist aber auch noch Platz frei für einen „Auftrag zur Abholung“. Wer nämlich binnen sieben Tagen – danach geht jede verwaiste Sendung zurück – weder selber zum Abholschalter in der Kleestraße kommen noch einen Zusteller zum zweiten Male erwarten kann, braucht nur einen Nachbarn oder Bekannten anzugeben, und schon ist die Vollmacht erteilt. Alle früheren umständlichen Extraerklärungen sind abgeschafft.

Das neue Verfahren hat bereits viele Anhänger gefunden: 40 v. H. aller privaten Paket- und Päckchenempfänger erbitten eine zweite Zustellung. 50 v. H. holen ihre Sendungen selber ab, und nur 10 v. H. der Pakete wandern wieder zum Absender, weil keiner nach ihnen fragte. Diese Prozentzahlen sagen allerdings wenig, wenn man nicht weiß, wie viele Kartons mit mehr oder minder wertvollem Inhalt für die Nürnberger bestimmt sind: im März 1965 wurden 237 000 Pakete zugestellt, das ergab einen Tagesdurchschnitt von 7900. Im ganzen vergangenen Jahr gingen 2.683.700 Pakete und 2.047.000 Päckchen in Nürnberg ein, im OPD-Bezirk, der Ober-, Mittel- und Unterfranken umfaßt, waren es 30.270.000 Sendungen.

74 Zustellbezirke

Tag und Nacht wird im Umschlagplatz, pausenlos in drei Schichten, gearbeitet, um die ebenfalls pausenlos eintreffenden Schachteln aller Art zu sortieren und auf die 74 Zustellbezirke der Großstadt zu verteilen. In aller Herrgottsfrühe fahren die Männer mit ihren vollgepfropften gelben Wagen los, um die Fracht abzusetzen, aber nicht immer schaffen sie es.

In den „Kasematten“ an der Kleestraße stapeln sich dann die Kartons, die entweder abgeholt, zum zweiten Male zugestellt oder zurückgeschickt werden. Wenn das neue Paketpostamt, vielleicht in zwei Jahren schon, am Dutzendteich steht, wird sich der Betrieb auch äußerlich freundlicher abwickeln lassen.

Trotz allen Entgegenkommens aber, das mit der „Orangekarte“ bewiesen wird, wünscht sich die Bundespost nichts sehnlicher, als daß die Empfänger von Päckchen und Paketen – besonders Nachnahmesendungen, die fast 90 v. H. ausmachen – zu Haus sind, wenn ihre Abgesandten an den Türen läuten. Auf den ersten Anhieb sollte die Zustellung klappen. Denn bei der Post, da geht’s jetzt schnell . . .

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