10°

Donnerstag, 02.04.2020

|

zum Thema

26. März 1970: Autofahrer sind erbost

Der Ärger beim TÜV kostet auch noch jede Menge Geld - 26.03.2020 06:58 Uhr

Dieses Bild ist nicht nach einem Fußballspiel im Stadion entstanden. Vielmehr hält es das tägliche Geschehen auf dem Gelände des TÜV fest. Was dort selbstauferlegte Qual, wird hier zur befohlenen Folter für die man auch noch bezahlen muß. © Bauer


Alle zwei Jahre steigt den Nürnberger Autofahrern die Galle hoch. Der Technische Überwachungs-Verein ist neben der Arztpraxis der einzige Ort, wo man stundenlang warten und dafür auch noch bezahlen muß.

Ein Beispiel von gestern spricht für viele: schon um 6.30 Uhr machte sich ein Lastwagenfahrer auf den Weg zur Edisonstraße. Um 9 Uhr hatte er sich endlich mit schleifender Kupplung an die Einfahrt zu den Prüfboxen durchgerangelt. Doch keine Menschenseele kümmerte sich um ihn. Erst nach einer weiteren Wartezeit von einer halben Stunde war er dann an der Reihe.

„Auf dem Kasernenhof“

An der Zufahrt nebenan schimpfte ein Personenwagenfahrer wie ein Rohrspatz. „Bin ich jetzt auf dem Kasernenhof oder beim TÜV?“ Er ärgerte sich über den Befehlston: „Scheinwerfer!“ – „Rücklichter!“ – „Bremsen!“

Freilich, für den Militärjargon sollte man die Dienstellenleitung nicht verantwortlich machen. Erst gestern tat sie ihren Wunsch nach Höflichkeit ihren Angestellten kund. „Gesucht wird ein Herr mit guten Umgangsformen zum Einweisen der ankommenden Kraftfahrzeuge und für leichten Schalterdienst“, warb sie in einer Anzeige.

Bilderstrecke zum Thema

Kalenderblatt: Nürnberg im März 1970

Wir haben einen historischen Rückblick mit Bildern aus dem März 1970 für Sie zusammengestellt. Klicken Sie sich durch und lesen Sie, was Nürnberg damals bewegte!


Liegt es am Personalmangel allein, wenn sich mehrere hundert Meter lange Autoschlangen bilden? Viele Leser haben das Problem der langen Wartezeiten, die neben den Gebühren oft auch Verdienstausfall oder Urlaubsverlust zur Folge haben, aufgegriffen.

Einer von ihnen unterbreitete sogar Besserungsvorschläge. Er schreibt: „Im März war es soweit. Mein Wagen mußte zum TÜV. Um sicher zu gehen, brachte ich ihn vorher in eine Fachwerkstatt zur Überprüfung. Selbstsicher fuhr ich zur Edisonstraße, stellte mich brav in die Schlange und wartete eineinhalb Stunden. Auch die Prüfer waren mit meinem Vehikel zufrieden, bis auf eine kleine Beanstandung; das rechte hintere Rad bremste etwas schwächer als das linke. Es hieß also wieder vorfahren. Meine bescheidene Frage an die Herren, ob man diese kurze Bremsprüfung, die höchstens zwei Minuten dauert, nicht nebenbei durchführen könnte, wurde mit Gelächter beantwortet.“

Sonderspur wird gefordert

So wie diesem Mann geht es nahezu 30 bis 40 Prozent aller Autofahrer. Seine Frage lautet deshalb: „Könnte man Kraftfahrer, die nur zur Nachuntersuchung müssen, nicht auf einer Sonderspur abfertigen?“ Dazu meint der TÜV: „Als die neue Kraftfahrzeug-Prüfstelle 1966 errichtet wurde, waren die Wartezeiten zunächst sehr gering; sie betrugen anfangs etwa 30 bis 40 Minuten. Um einen möglichst großen Fahrzeugdurchsatz zu erzielen, haben wir verzichtet, besondere Untersuchungsmöglichkeiten für Nachkontrollen einzurichten.“

Es ist uns bekannt, daß der ständig steigende Fahrzeugbestand zwangsläufig auch die Wartezeiten wieder ansteigen läßt. Wir haben daher Vorbereitungen getroffen, um Sonderabnahmen und auch Nachkontrollen aus den turnusmäßigen Untersuchungen hinauszunehmen. In allernächster Zeit wird die Abfertigung von Nachkontrollen daher getrennt erfolgen. Wir sind überzeugt, daß sich dann die Wartezeiten für Kraftfahrer auf ein erträgliches Maß verringern.“

Autofahrer, die erst nach den Feiertagen zum TÜV müssen, dürfen also hoffen. Immerhin sollte die Prüfstelle sich auch mit der Polizei besser verständigen. Für diese Forderung gibt es einen Fall: ein Bürger wurde von den Prüfern mit der Auflage „entlassen“, innerhalb von acht Wochen einen kleinen Mangel abzustellen und dann wieder vorzufahren. Wenig später wurde er wegen desselben Fehlers gebührenpflichtig verwarnt. Den bescheidenen Hinweis auf die Acht-Wochen-Frist ließ der Polizeibeamte nicht gelten: „Der TÜV geht uns nichts an“, wurde dem baß erstaunten Autofahrer gesagt.

R. P.

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Nürnberg