29. April 1967: Direkt zum Klärwerk

29.4.2017, 07:00 Uhr
In großen Aluminiumbottichen - Direktor Dr. Held hebt eben einen Deckel hoch - vermehrt sich brodelnd die Hefe.

© Kammler In großen Aluminiumbottichen - Direktor Dr. Held hebt eben einen Deckel hoch - vermehrt sich brodelnd die Hefe.

In einem „Musterbeispiel von guter Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und dem Industriebetrieb“ – so der technische Direktor des Unternehmens, Heinrich Rupprecht – hat die Firma mit einem Aufwand von über einer halben Million DM eine neue 4,2 Kilometer lange Druckwasserleitung von Buch zur Städtischen Kläranlage im Talgrund bei Schniegling gebaut. Den bisherigen „Freispiegel“-Abwasserkanal der Bast GmbH hat die Stadt erworben.

Ein Minimum an Bürokratismus

Auf diese Weise sind zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen worden: zum einen kommen die Abwässer der Hefe- und Spiritusproduktion, die sehr zum Gären und Faulen neigen, schneller und frischer an das Klärwerk und können dort leichter aufbereitet werden, zum andern besitzt die Stadt nun den Abwasserkanal und kann die seit Jahrzehnten geplante Entwässerung der Vororte im Knoblauchsland in Angriff nehmen. Besonders hervorgehoben wurde, daß die schwierigen Verträge mit einem „Minimum an Bürokratismus“ unter Dach und Fach gebracht wurden. Am Bau der Druckwasserleitung waren vor allem die Firmen Hans Brochier und Heinrich Baumüller beteiligt.

Im Anschluß an die kurze Feier gab der kaufmännische Direktor des Unternehmens, Dr. Dietrich Volkmar Held, einen gedrängten Überblick über die Geschichte des 112 Jahre alten Unternehmens, das seit geraumer Zeit dem Henkel-Konzern in Düsseldorf angehört und heute die größte Hefefabrik in Süddeutschland darstellt. Bei einem Rundgang durch die mustergültig hygienischen Anlagen lernten die geladenen Gäste aus Verwaltung und Wirtschaft den interessanten Produktionsprozeß der Hefe kennen, der eine Fülle von biologischen, chemischen und physikalischen Fragen einschließt.

Hefe wurde nicht teurer

Die immer wieder neu gezüchtete Hefe Saccharomyces cerevisiae – es gibt rund 20.000 Hefearten – vermehrt sich unter Luftzufuhr stürmisch in einer Nährlösung, die im wesentlichen aus Melasse, einem Rückstand der Zuckerfabrikation, besteht. Außer der Hefe bilden sich dabei Kohlensäure, die in die Luft entweicht, und Alkohol – 2,5 bis 3 Millionen Liter jährlich – der von 5 auf 96 Volumenprozent angereichert und aus zollamtlich verplombten Behältern von der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein abgeholt wird. Sie zahlt gegenwärtig 1,24 DM für den Liter und erlöst nach nochmaliger Destillation rund 14 DM dafür.

Noch eine weitere aufschlußreiche Zahl nannte Dr. Held beim Rundgang: während der Doppelzentner Melasse vor dem Krieg etwa 4 Mark, heute dagegen 25 bis 30 Mark kostet, und auch die Arbeitslöhne seitdem um ein Mehrfaches gestiegen sind, gelang es durch innerbetriebliche Rationalisierung, den Preis für ein Kilogramm Hefe seit etwa drei Jahrzehnten unverändert auf einer Mark zu halten.

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