6. April 1967: "Müll-Oper" wächst aus dem Boden

6.4.2017, 07:00 Uhr

© Ulrich

Sie werden ab nächstes Jahr zur Müllverbrennungsanlage geschafft, die nach jahrelanger Vorbereitung und Planung für rund 40 Millionen Mark auf dem Pferdemarkt entsteht. Tag und Nacht arbeiten die Arbeiter auf der Baustelle, damit im August 1968 termingerecht der Probebetrieb anlaufen kann. Ein Vierteljahr darauf werden dann die drei zunächst vorgesehenen Öfen voll beschickt.

Inzwischen ist die Anlage schon so weit gediehen, daß in etwa drei Monaten mit der Maschinenmontage – Filter, Kessel, Krane und Pumpen – begonnen werden kann.

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Nürnberg entledigt sich mit dem Bau der Müllverbrennungsanlage der großen Sorge, mit der Schattenseite des Lebensstandards unauffällig fertig zu werden. "Im vergangenen Jahr hinterließen die Nürnberger 334.266 Kubikmeter Müll. Das sind rund 130.000 Tonnen", erklärt Heinrich Dorn, der Leiter des Stadtreinigungs- und Fuhramtes. Außerdem kamen 93.000 Kubikmeter (23.000 Tonnen) brennbarer Industriemüll dazu.

Diese Menge würde bereits ausreichen, um zwei der drei Öfen, von denen jeder eine Tageskapazität von 300 Tonnen besitzt, unter Dampf zu halten. Die EWAG, unter deren Regie die Anlage gebaut wird, braucht sich also über genügend Nachschub den Kopf nicht zu zerbrechen: Der Müll, der täglich anfällt, wird von Jahr zu Jahr mehr.

Grundsteinlegung am 29.6.1966

Seit dem 29. Juni 1966, als Oberbürgermeister Dr. Andreas Urschlechter mit drei Hammerschlägen den Grundstein legte und Baureferent Heinz Schmeißner – „damit spätere Generationen einen Eindruck davon haben, wie sündhaft teuer es heute bei uns zugeht!“ – einen Kostenvoranschlag in die miteingemauerte Kassette legte, hat sich das Gelände am Pferdemarkt gründlich gewandelt. Der Rohbau der Anlage ist bereits tüchtig gewachsen.

Das vorgelagerte Sozialgebäude schaut bereits aus dem Erdboden heraus, der rechteckige Klotz, in dem einmal die Krane laufen werden, ist bereits verschalt, zur Zeit entstehen die Auffahrtsrampe und die Plattform. In drei Wochen beginnt der Bau des Kesselhauses, denn die EWAG möchte bis August 1967 den Verbrennungstrakt vollendet wissen.

Ein Jahr später kann dann der Probelauf der Anlage erfolgen, die zunächst mit drei Öfen bestückt wird. Ein großer Wunsch ist dann in Erfüllung gegangen: bei Temperaturen zwischen 800 und 1.000 Grad verbrennt der Müll und schrumpft auf etwas mehr als ein Zehntel seines ursprünglichen Volumens zusammen.

Gleichzeitig entsteht Wärme. Mit einer Tonne Müll kann eine gute Tonne Dampf mit einer Wärme von 300 Grad erreicht werden. Dieser wiederum läßt sich in einem Heizkraftwerk nutzbringend verwenden. Die Nachbarschaft von Schlachthof und Gaswerk ist also nicht zufällig gewählt.

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