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8. Mai 1971: Neuer Sand, altes Übel

Stadt hat den Inhalt von 200 Sandkästen ausgewechselt - 08.05.2021 07:00 Uhr

Schlimmer freilich ist diese Lösung des Problems: man nehme ein Schild und lasse es – nun schon sieben Jahre lang – vor dem verschlossenen Spielplatz hängen.

04.05.2021 © NN


Es wimmelt von Zigarettenkippen, Kleinabfällen und sogar Hundekot. Ein Sprecher der Gartenbaubehörde: „Praktisch müßten wir diese Kästen bereits nach wenigen Wochen erneut frisch auffüllen.“

21.000 DM haben 3.000 Kubikmeter Sand gekostet, die in den vergangenen Wochen aus den umliegenden Gruben wie Sperberslohe und Feucht in die Stadt geschafft wurden. Ein Vielfaches dieses Betrages – so die Behörde – ist für den Arbeitsaufwand einzusetzen. „Alle diese Anstrengungen“, so klagt ein Beamter, „werden durch die Unbesonnenheit einiger Bürger schnell wieder zunichte gemacht.“

Reiner Spielsand ist teuer. Die städtischen Spielkästen sind deshalb auch nur oberflächlich sauber. Denn die Stadt tauscht nur die obere Sandschicht aus. Die Kinder dürfen demnach nicht tief graben, wenn sie in halbwegs sauberem Sand spielen wollen. Der Sand auf den großen Spielplätzen wie dem am Budapester Platz dagegen ist eigentlich nur zum Anschauen da. Dieser Platz würde allein 1.000 Kubikmeter neuen Sand erfordern (von insgesamt 3.000 Kubikmetern, die jährlich neu angeschafft werden). Also läßt man hier beim Sand alles beim alten. Der Sand am Budapester Platz wird allenfalls umgewälzt.

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Seit man in Hamburg bei biologischen Untersuchungen festgestellt hat, daß die Fäulniserreger in den Sandspielkästen zu Entzündungen in Mund und Ohren führen und daß die Bakterien Magenschmerzen und Durchfall, wenn nicht noch Schlimmeres, bei Kindern verursachen können, schenkt man diesem Problem etwas mehr Aufmerksamkeit. Nürnbergs Leistungen auf diesem Gebiet sind freiwillig. Denn ein Gesetz, so meint ein Gartenbauinspektor, gibt es ja nicht.

Die Sandreinigung in den Kästen kann auch mit chemischen Mitteln durchgeführt werden, mit denen der Sand begossen oder bespritzt wird. Diese Mittel jedoch töten die Bakterien nur vorübergehend. Außerdem weiß man nicht mit Sicherheit, wie die Mittel auf die Haut der Kinder einwirken können.

Deshalb hat die Stadt auf die chemische Reinigung verzichtet. Da die Nürnberger Sandkästen eine Befestigung mit durchlöcherter Sohle haben, glaubt man, daß durch das durchsickernde und abfließende Regenwasser ein Reinigungsprozeß stattfindet.

Der Kommentar:

Die Stiefkinder

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Jährlich 3.000 Kubikmeter frischen Sand für 200 städtische Spielplätze – das ist wahrlich nicht üppig. Damit können die Sandkästen zwangsläufig nur oberflächlich gereinigt werden. Und nicht einmal alle. Da verschiedene Plätze groß und geräumig sind, wird der Sand hier nie ausgetauscht.

Die Anstrengungen der Stadt Nürnberg in Ehren. Aber zu glauben, daß das einmal jährliche Sand-Auswechseln die Sandkästen hygienischer und gesünder machen würde, hieße sich selbst Sand in die Augen zu streuen. Arme Kinder – ihr seid die Stiefkinder der Gesellschaft.

S. R.

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