Tierschützer gegen Stadt

Abschuss von Tauben: Streit in Nürnberg geht weiter - "Falsch verstandene Tierliebe"

Sabine Ebinger
Sabine Ebinger

Lokales Nürnberg

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16.9.2021, 18:52 Uhr
Verwilderte Haustauben richten nach Angaben des Bayerischen Bauernverbandes Schäden auf den Feldern an.

Verwilderte Haustauben richten nach Angaben des Bayerischen Bauernverbandes Schäden auf den Feldern an. © imago images/blickwinkel, NNZ

Der Streit um den Abschuss von verwilderten Haustauben - auch Stadttauben genannt - geht weiter. Die Stadt hat ein zeitlich befristetes Abschießen am "Tiefen Feld" südlich von Nürnberg-Kleinreuth genehmigt und begründet dies mit Fraß-Schäden auf den Feldern der Bauern. Der Deutsche Tierschutzbund reagierte mit einer Fachaufsichtsbeschwerde an Oberbürgermeister Marcus König.

Was bedeutet das? Alexandra Foghammar vom Amt für Kommunikation und Stadtmarketing antwortet: "Eine Fachaufsichtsbeschwerde ist kein gesetzlich festgelegter Rechtsbehelf wie zum Beispiel eine Klage, bietet aber die Möglichkeit, sich über das Vorgehen einer Behörde zu beschweren. Diese kann bei der Behörde selbst oder der übergeordneten Instanz eingelegt werden." Die Stadt hat übrigens auch im Knoblauchsland eine bis 31. März 2022 befristete Abschusserlaubnis erteilt.


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Der Deutsche Tierschutzbund bezweifelt, dass kleine Taubenschwärme große Fraß-Schäden anrichten - die Tiere könnten nicht mit Scharren oder Kratzen die Erde aufreißen. Das bestätigt Ralf Edler, Leiter der Bezirksgeschäftsstelle Mittelfranken vom Landesbund für Vogelschutz (LBV): "Belege, dass verwilderte Haustauben für große Fraß-Schäden verantwortlich sind, sind schwer zu finden. Die beim LBV vorliegenden Untersuchungen weisen eher in eine andere Richtung. Demnach sind Schäden durch Haustauben in der Landwirtschaft in der Hauptsache an offen lagerndem Saatgut zu beobachten."

Edler sagt: "Wenn Haustauben Felder besuchen, dann oftmals abgeerntete Gemüseflächen, wo die Vögel Reste aufpicken oder Sonnenblumenfelder, weil die Sonnenblume stabil genug ist, um das Gewicht einer Taube zu tragen." Felder mit Wintersaaten, die im "Tiefen Feld" als Begründung angeführt werden, seien für Haustauben uninteressant, weil sie nicht durch Scharren die Erde aufreißen, um an das Saatgut zu gelangen. Es werde "höchstens oberflächlich liegendes Saatgut aufgenommen".

Böse Überraschung

Beim Bayerischen Bauernverband sieht man das anders. So sagt Jochen Loy vom zuständigen Kreisverband: "Das ist ein Problem." Er beobachtet, dass "aus falsch verstandener Tierliebe" Menschen auch im ländlichen Bereich Futter auf dem Boden verteilen und so die Tauben anlocken. Tauben sorgen bei den Äckern für erhebliche Belastungen, meint Loy. Da ist etwa der Kot: "Das weiß-graue Zeug landet auf unseren Feldern." Zum Teil könne man die Produkte nicht mehr verkaufen: "Das ist ein erheblicher finanzieller Schaden." Immer wieder würden Tauben frisch angesätes Saatgut wie Radieschen oder Zwiebeln wegfressen. Die Bauern, die gießen und düngen, seien "oft überrascht", weil nichts mehr wächst.


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Und Loy betont: "Das ist ja keine Bejagung, sondern eine Vergrämung." Das sagt auch Alexandra Foghammar von der Stadt: "Mit dem Schießen sollen die Tauben in erster Linie vergrämt werden, was in den vergangenen Jahren die Fressschäden für die Landwirte erheblich reduziert hat." Für deren Abschuss ist eine Erlaubnis erforderlich, weil die verwilderte Stadttaube im Gegensatz zur Ringel- oder Türkentaube nicht zu den jagdbaren Tieren zählt. Die Jagdpächter seien im ständigen Kontakt mit den Bauern, "um die Vergrämung durch maßvolle, punktgenaue und waidgerechte Bejagung durchzuführen".

Foghammar weiter: "Andere Vergrämungsmethoden bei Tauben sind in solchen landwirtschaftlichen Bereichen nicht erfolgversprechend. Insbesondere Lärm, Personen, Maschinen – optische oder akustische Scheuchmethoden – sind auf Grund der hohen Lernfähigkeit nach den bisherigen Erfahrungen nicht erfolgreich gewesen." Foghammar betont: Mit dem Abschuss habe man eine Einzelfallentscheidung zugunsten der Landwirtschaft getroffen. "Das Ordnungsamt hatte in der Vergangenheit aber andere Anträge (zum Beispiel in Zusammenhang mit großflächigen Gebäudeverunreinigungen) zugunsten des Tierschutzes und damit der Tauben abgelehnt."

Vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister hatte sich Marcus König in seiner Funktion als Vorstand des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth für einen betreuten Taubenschlag im Stadtgebiet stark gemacht. Der Deutsche Tierschutzbund befürwortet ebenso diese Lösung.

Und wie steht die Stadt dazu? Foghammar antwortet: "Die Errichtung von Taubenschlägen, die ja mit einem artgerechten Futterangebot verbunden sein sollen, führt nur zu zusätzlichen Brutplätzen und vermehrtem Futter. Damit bestehen aber Zweifel, mit dieser Methode eine Bestandminderung zu erreichen, zumal nur ein Teil der Gesamtpopulation überhaupt in Schlägen gehalten werden kann."

Eine grundsätzlich ablehnende Haltung habe die Stadt nicht. Aber: "Es hat sich in der Vergangenheit als schwierig erwiesen, sowohl geeignete Baulichkeiten für Taubenschläge zu finden, als auch die umfassende Betreuung solcher Schläge zu organisieren."

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