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Andreas Gabalier in Nürnberg: Der Volks-Rock'n'Roller kratzt an der Oberfläche

50.000 Fans feiern im Max-Morlock-Stadion wilde Schlagerparty - 14.07.2019 09:30 Uhr

Andreas Gabalier hat seine 50.000 Zuschauer im Max-Morlock-Stadion im Griff. © Stefan Hippel


Natürlich weiß der Volks-Rock‘n‘Roller, was das Publikum braucht. Er ist ja nicht nur einer für das Volk, sondern auch einer aus dem Volk. Und weil das Volk an diesem verregneten Samstag auf der Anreise zum Teil schon ein bisschen nass geworden ist und jetzt am Abend Gefahr läuft, sich bei den kühlen Temperaturen in all den kurzen Lederhosen und weitgeschnittenen Dirndln eine gepflegte Erkältung einzufangen, gibt Andreas Gabalier eben erst einmal den Animateur.

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Andreas Gabalier sorgte am Samstagabend für eine fetzige Show im Max-Morlock-Stadion. Der Volks-Rock'n'Roller begeisterte sein Publikum in Lederhose und mit wildem Hüftschwung. Wir haben die Bilder!


Um 20.04 Uhr stampft der natürlich ebenfalls lederbehoste Mann aus der Steiermark zur Musik von "Terminator" aus den Katakomben des Nürnberger Max-Morlock-Stadions. Demnächst wird sich hier mit Damir Canadi ebenfalls ein Österreicher daran versuchen, die beste Fußballmannschaft der Stadt wieder in die erste Liga zu führen, am Samstag ist aber zunächst einmal Gabalier dran und der spielt, so hat er es einmal in einem Interview gesagt, schon längst in der Champions League.

Nach zwei Stunden fallen die Boxen aus

Was das bedeutet, lässt sich im mit rund 50.000 Menschen ausverkauften Stadion schnell erahnen. Noch vor dem ersten Lied klatscht das Publikum begeistert im Takt. "Oh wie ist das schön" hallt es über die Ränge, keine Frage: Gabalier hat seine Fans im Griff und loslassen wird er sie an diesem Abend nur dreimal: Als er etwa nach der Dauer eines Fußballspiels eine Pinkelpause einlegt. Als nach zwei Stunden kurz im vorderen Bereich die Boxen ausfallen. Und dann um 23 Uhr, als er seine Fans nach dem letzten obligatorischen Einsatz der Feuerzeuge und Smartphone-Taschenlampen zu "Amoi seg’ ma uns wieder" in die Nacht entlässt.

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Am Samstagabend rockt Andreas Gabalier das Max-Morlock-Stadion in Nürnberg. Bereits am Nachmittag harrten zahlreiche Fans an den Eingängen im Regen aus, um ihrem Idol besonders nahe zu kommen. Wir haben uns in der Menge umgehört und die Stimmung in Bildern festgehalten.


Wie vom Bergbauernbua, der in Graz, der zweitgrößten österreichischen Stadt, als Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin aufgewachsen ist, gewünscht, sind viele Menschen in Trachten und der Kombination rot-weiß-kariert erschienen. Aus Gabaliers Heimat sind sie angereist, aus Thüringen und Schwaben - das hört man an den euphorischen Dialogen in der S-Bahn - und natürlich aus ganz Bayern. Heimat, das bestimmende Thema des Abends, kann ja überall sein.

Sexistisch, völkisch - oder einfach platt?

Wo die Heimat von Andreas Gabalier liegt und wie sie aussieht - oder vielmehr in seiner Fantasie am besten aussehen sollte, hat er auf inzwischen sechs Studioalben nicht nur einmal oder zweimal, sondern etwa 23-mal ausgeführt; allerdings nie, ohne dabei über die Oberfläche hinauszukommen.


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Die Männer sind dort vor Kraft strotzende Stiere und die Frauen Zuckerpuppen, die vor allem damit beschäftigt sind, diese Stiere zu verführen. Es geht darum, die Heimat zu bewahren, und bitte bloß nicht zu fortschrittlich zu denken, um eiserne Kreuze und Kameraden. Man kann das sexistisch und völkisch finden - oder einfach platt.

Eine zweite Ebene geht Gabaliers Texten völlig ab, immerhin darf er sich so darüber freuen, dass das Publikum auch in Nürnberg, 337 Kilometer entfernt von der Steiermark, sehr textsicher ist. Was natürlich nicht besonders schwierig ist bei Zeilen wie "I mag die Musi und den Kaiserschmarren / Ja da nur da bin I dahoam".

Aprés-Ski-Hits und tränenrührende Balladen

Bereits nach einer halben Stunde liegt Gabalier auf der Bühne. Erschöpft? Natürlich nicht, so schnell macht der kräftigste Stier aus der Steiermark nach seinem Kumpel Arnold Schwarzenegger nicht schlapp. Ein Büstenhalter fliegt, dann steht Gabalier wieder auf und lächelt, das Publikum grölt "Oh wie ist das schön."

Bei "Vergiss mein nicht" wird es rammsteinig, es gibt ein bisschen Sprechgesang und Feuer, ansonsten muss sich Gabaliers Band darauf beschränken, die Volksmusik-, Schlager- und Rock-Standards zu untermalen.

Von veritablen Après-Ski-Hits bis zu tränenrührenden Balladen über Verlust und Tod deckt Gabalier alles ab. Die passenden rot-weißen Schneuztücherl gibt es beim mobilen Fanshop für 5 Euro, die Sonnenbrillen für 15. Das dazugehörige "Sonnenbrillen-Geweih" kostet stolze 9 Euro.

Als "Mottopartys" hat Gabalier seine Konzerte einmal bezeichnet und genau das ist wohl der Schlüssel zum Erfolg. Raus aus dem Alltag, rein in die Lederhose oder das Dirndl, Hallo Hali, Hali Hallo, Hulapalu, nur der Mond schaut zu - und weint vielleicht ein bisschen wegen so viel Banalität. 

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