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Bildungsexperte: "Wichtig ist, dass Schulen geöffnet bleiben"

Kai Maaz über Fehler im Frühjahr, Digitalisierung und die soziale Funktion von Schule - 11.11.2020 11:35 Uhr

Noch findet Präsenzunterricht in der Regel statt - das muss auch so bleiben, fordert Kai Maaz.

11.11.2020 © Daniel Bockwoldt, NN


Herr Professor Maaz, wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit messen?

Gerechtigkeit ist stark normativ: Was für Sie gerecht sein kann, kann für mich hochgradig ungerecht sein. Deswegen sprechen wir in der Forschung von Bildungsungleichheiten. Dafür sieht man sich zwei Merkmale an: Zum einen die soziale Herkunft bzw. den sozioökonomischen Status und zum anderen Bildungserfolgs-Indikatoren wie Beteiligungsmöglichkeiten, Abschlüsse oder Tests wie Pisa. Gibt es hier einen positiven Zusammenhang, spricht man von Bildungsungleichheit.

 Kai Maaz, 48, ist Direktor der Abteilung "Struktur und Steuerung des Bildungswesens" des Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Er gilt als einer einer der einflussreichsten Bildungsforscher Deutschlands, unter anderem verantwortet er den aktuellen Bildungsbericht, der sich auch mit den Auswirkungen von Corona beschäftigt.

11.11.2020 © Tom Baerwald für DIPF


Hat Corona unser System ungleicher gemacht?

Das können wir für Deutschland noch nicht mit Sicherheit sagen. Beobachtungen zeigen aber, dass in der Phase der Schulschließungen unterschiedliche technische Möglichkeiten zur Verfügung standen. Zudem konnten nicht alle Eltern die gleiche Unterstützungsleistung geben. Die Bedeutung von Bildung variiert in Abhängigkeit der sozialen Herkunft. Wenn Schule wegfällt, ist Bildungserwerb erst einmal ausschließlich auf diesen familiären Pfad beschränkt. Erste Analysen aus den Niederlanden zeigen, dass es wohl zu substantiellen Leistungseinbußen in dieser Zeit gekommen ist.

Hat Schule überhaupt die Chance, trotz Corona Bildung zu vermitteln?

Wir haben im Frühjahr die größtmögliche Variabilität erlebt: Manche Schulen konnten schnell vom Präsenzunterricht auf Onlineunterricht umschalten. Das waren aber wirklich Ausnahmen. Die meisten Schulen hatten damit zu kämpfen, eine unterrichtsähnliche Situation herzustellen. Einige haben es möglicherweise gar nicht geschafft. Die Frage, die sich jetzt stellt: Was kann man daraus lernen? Wie können wir Schulen vorbereiten, auf solche nicht planbaren Ereignisse reagieren zu können? Die Frage der Digitalität ist sicherlich entscheidend: Wie kann man hybride Formen gestalten - für den Fall, dass ein Teil der SchülerInnen vor Ort ist und der andere nicht? Wie kann man auch in dieser Phase stabile soziale Beziehungen aufrecht erhalten, die grundlegend sind, um erfolgreiche Lernprozesse zu initiieren und nachhaltig zu machen? Wie kann man alternative Formen des Lernens und Lehrens gestalten?

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Die Digitalisierung hat ja an vielen Schulen nicht gut geklappt - wo hat es gehakt?

Ich würde niemandem den schwarzen Peter zuschieben wollen. Corona ist eine Art Beschleuniger geworden – etwa was die Bedarfe der Digitalisierung angeht. Mit möglichst vielen Tablets und Whiteboards in den Schulen ist das Problem aber nicht gelöst. Sondern man muss immer fragen: Für welchen Zweck setze ich digitale Technologien ein? Länder wie die Niederlande und Dänemark sind viel, viel weiter - diese Prozesse haben dort gut zehn Jahre gedauert. Wir werden das nicht in einem Schuljahr aufholen können. Trotzdem darf der Schulerfolg nicht daran scheitern, dass die entsprechende Technik nicht zur Verfügung steht. Und natürlich ist es essentiell, dass Lehrkräfte ausgestattet werden - in anderen Berufen ist das auch selbstverständlich.

In welchen Lernsituationen sind digitale Methoden besonders geeignet?

Lesen und Schreiben zu lernen, der Spracherwerb in der Grundschule, das scheint etwas zu sein, das in analoger Form nachhaltiger ist, als in den rein digitaler Form. Das kann sich aber in einigen Jahren wieder geändert haben, wenn man auf digitalen Geräten mit Stiften schreibt, als wäre es Papier und Bleistift. In Mathematik und Physik kann man aber ganz viel digital machen. Es gibt auch hervorragende Plattformen, die Lehrkräfte beim Leistungsvergleich unterstützen. Man sieht, wer wo Defizite hat - und da bietet der Computer passende didaktische Maßnahmen oder Aufgaben an.

Auch das Miteinander in den Schulen hat durch Corona gelitten. Was macht das mit den Kindern?

Die Kinder verkraften das bislang eigentlich ganz gut. Besonders in der Grundschule stellen sich die SchülerInnen sehr schnell auf die Situation ein. Schwieriger ist es, wenn sie in die Pubertät kommen. Denn alles, was junge Menschen brauchen, um sich auszuprobieren, ist gerade nicht erlaubt. Man muss darauf achten, dass das nicht zu Entwicklungsrückständen führt. Schon deswegen ist es wichtig, dass Schulen offen bleiben und Begegnungsraum sind. Die Frage der Ganztagsschule könnte nun nochmal neu diskutiert werden - auch um das Auseinanderdriften zwischen den verschiedenen Herkunftsgruppen ein Stück weit zu reduzieren.

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Man spricht ja schon von einer verlorenen Corona-Generation...

Da wäre ich vorsichtig. Analysen zu den Kurzschuljahren aus den 60er Jahren zeigen zwar, dass es für diese Generationen noch heute Einkommenseinbußen gibt. Aber von welcher Generation sprechen wir in der heutigen Diskussion? Meinen wir die Kinder, die gerade in die Schule gekommen sind? Oder die, die kurz vorm Abschluss stehen? Oder die, die noch im Kindergarten sind? Klar ist: Der vorschulische Bereich hatte im Frühjahr den Bildungsauftrag völlig abgegeben - dabei werden im Vorschuljahr wichtige Grundlagen gelegt und angeglichen. Kann man das wieder aufholen? Ja. Wenn es bei dem halben Jahr bleibt, in dem die Schulen nur teil-offen waren. Und wenn man klärt: Wie kriegen wir die Digitalisierung sinnvoll in den Schulkontext? Wie gehen wir mit dem Auseinanderdriften verschiedener sozialer Herkunftsgruppen um? Gleichzeitig müssen wir vielleicht einigen Sachen mehr Zeit geben und uns von unseren oft vorgefertigten Abläufen in der Bildung ein Stück verabschieden.

Wie geht es jetzt weiter?

Wichtig ist, dass Schulen weiter geöffnet bleiben. Ich weiß, der Vergleich hinkt ein wenig: Aber es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass man in einen Baumarkt gehen kann, aber Kinder nicht in die Schule dürften. Im Frühjahr wusste man vieles nicht und dann wurden Fehler gemacht. Aber jetzt muss man alles daran setzen, dass Kinder weiter die Schule besuchen können.

Kai Maaz ist Hauptredner bei der 12. Nürnberger Bildungskonferenz zum Thema „Bildung 2020: Bildungspraxis unter besonderen Bedingungen“, die am Freitag, 13. November, von 10 bis 12 Uhr stattfindet. Sie wird per Livestream aus dem Historischen Rathaussaal übertragen. Teilnehmen werden außerdem Oberbürgermeister Marcus König, Tuğçe Kadan, Vorstandsmitglied im Global Elternverein, Julia Lehner, 2. Bürgermeisterin, Cornelia Trinkl, Referentin für Schule und Sport und Elisabeth Ries, Referentin für Jugend, Familie und Soziales. Die Anmeldung zur Teilnahme an der Online-Veranstaltung ist möglich per Mail an bildungsbuero@stadt.nuernberg.de .

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