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Mittwoch, 19.06.2019

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BLSV-Präsident Ammon: So sieht der Verein der Zukunft aus

BLSV-Präsident Jörg Ammon erklärt im Interview, wie es Vereinen gelingt, attraktiv zu bleiben - 10.06.2019 15:43 Uhr

Sind längst dunkle Zeiten für Vereine angebrochen? Von wegen, findet BLSV Präsident Jörg Ammon. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa


Die Zahl der Vereine in Deutschland wächst, mittlerweile sind es über 600 000. Gleichzeitig beklagen sich viele Vereine über zu wenige Mitglieder. Wie passt das zusammen, Herr Ammon?

Wir haben in Bayern glücklicherweise seit einigen Jahren eine zunehmende Anzahl an Mitgliedern in Sportvereinen. Was uns aber natürlich beschäftigt, ist die Frage, wie sich heute noch Ehrenamtliche finden und binden lassen. Und da gibt es einige Herausforderungen.

Welche denn?

Die Familien- und die Arbeitswelt haben sich vollständig verändert.

Wir sind wesentlich mobiler und digitaler. Die Herausforderung ist, das auch in den Sportverein zu transportieren. Da ist noch sehr viel papiergebunden und sehr stark ortsgebunden, an Vereinsgeschäftsstellen zum Beispiel. So etwas findet man in der Arbeitswelt nicht mehr.

Wir müssen die Freude, sich ehrenamtlich zu engagieren, häufig erst wieder wecken, indem wir die Bürokratie zurückschrauben.

Jedes Mitglied soll sich selbst verwalten

Bei einem Vortrag vor Vereinsvorsitzenden in Weiden haben Sie gesagt, die Digitalisierung sei „der Megatrend der nächsten Jahre“, sie wollen Vereinen das Leben mit digitalen Lösungen erleichtern. Wie sehen diese aus?

Am Besten ist es, wenn sich jedes Mitglied selbst verwaltet. Nicht mehr selbst alle Adressdaten und ähnliches ändern zu müssen, entlastet den Vereinsvorstand. Wir nennen das „Mitglieder-Self-Service“.

Mitglieder und Ehrenamtliche sollen sich sicher sein, dass ihre Daten geschützt sind. Alle Daten werden daher in unserer sicheren BLSVCloud gespeichert und nicht irgendwohin verkauft.

Wie kann man sich ein sich selbst verwaltendes Mitglied vorstellen?

Das geht schon beim Aufnahmeantrag los. Sie müssen nur mal versuchen, heutzutage in einen Sportverein reinzukommen. Meistens gibt es dafür digital überhaupt kein Angebot – und wenn, dann ist es ein PDFDokument zum downloaden. Wenn Sie heute Möbel kaufen oder ein Auto mieten wollen, geht das mit drei, vier Klicks.

Der Nürnberger Jörg Ammon (47) ist seit knapp einem Jahr Präsident des BLSV. © Foto: BLSV


Das soll auch in der Vereinswelt möglich sein, damit man Sportplätze reservieren, Kurse buchen oder mit den Spielern kommunizieren kann. Wenn das Training verlegt wird oder wegen schlechtem Wetter ausfällt, wird noch zu oft zeitaufwendig hinterhertelefoniert. Die Digitalisierung hilft, ein attraktives Sportangebot im Verein zur Verfügung zu stellen.

Bei anderen Sportangeboten, den Fitnessstudios, ist das schon Alltag. 2018 hatten Fitnessstudios in Deutschland elf Millionen Mitglieder, fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Wie schaffen es Sportvereine, bei dieser Konkurrenz mitzuhalten?

Ein Verein bietet wesentlich mehr.In einem Fitnessstudio ist man nur Kunde, im Verein ist man Mitglied.

Hier kann man unter Freunden einfach mal so sein, wie man ist, kann Spaß miteinander haben. Der Verein ist eine Gemeinschaft. Viele wollen in einer sehr hektischen Zeit abschalten können und auch mal zusammen etwas machen. Das ist auch ein Grund, warum wir im BLSV mit 4,6 Millionen so viele Mitglieder wie noch nie haben und in den letzten zwei Jahren sogar sechsstellig gewachsen sind.

"Der Sport muss noch cooler präsentiert werden"

Aber natürlich, Vereine müssen sich noch schneller und besser nach außen präsentieren. Die Kommunikation in Social Media ist heute viel schneller und läuft über Bilder und Emotionen. Und genau das bietet der Sport ja – das muss noch cooler präsentiert werden.

Das heißt, wer Vorsitzender eines Vereins werden will braucht erst eine Instagram-Schulung?

(lacht) Idealerweise sind die, die nachkommen ja schon auf Facebook, Youtube, Instagram oder Snapchat unterwegs. Das gehört mittlerweile einfach dazu.

Der Datenanalyst Andreas Groll hat kürzlich im Interview erklärt, der berühmte Freizeitstress mache eine Vereinsmitgliedschaft unattraktiver, weil weniger Zeit auf mehr Möglichkeiten trifft. Bei Ihnen klingt das nach dem Gegenteil.

Die Menschen haben mehr Freizeit als früher, aber ganz anders über die Woche und den Tag verteilt. Das ist natürlich eine Herausforderung, weil Vereine für junge und alte Menschen tagsüber Angebote brauchen und bei anderen wiederum am späten Nachmittag und Abend.

Die Schüler haben mehrmals pro Woche Nachmittagsunterricht oder sind in Ganztagesschulen. Wenn es die Schüler nicht mehr zu Verein schaffen, muss dann der Verein zu ihnen kommen?

Wir arbeiten mit hohem Druck daran, unsere Sportvereine auch in die Schulen hinein zu bringen. Der Alltag vieler Kinder und Jugendlicher spielt sich immer mehr in der Institution Schule ab – genauso, wie er sich auch schon bei den Kleinsten immer mehr in den Kindertagesstätten abspielt. Deshalb wird es dieses Jahr erstmals am 12. Oktober eine bayernweite Jugendsportkonferenz in der Sportschule Oberhaching geben, um unsere Vorstände zu coachen, mit den Schulen in Kontakt zu treten. Denn jedes Kind, das nicht spätestens in der Schule mit Sport und Bewegung in Berührung kommt, wird später nie in einen Sportverein eintreten.

Werden die Vereine überfordert?

Individuelle Angebote für alle Altersklassen, Social-Media-Selbstvermarktung und umfangreiche Software einführen – wird das nicht gerade kleinere Vereine ohne hauptamtliche Mitarbeiter überfordern?

Wir merken natürlich Unterschiede zwischen Ballungsräumen und dem eher ländlichen Bereich. Dort können sich kleinere Vereine wesentlich leichter halten als in Großstädten. Hier werden die Vereine tatsächlich immer größer.

Zwischen 2006 und 2016 wurden in ganz Deutschland knapp 16 000 Vereine im ländlichen Bereich aufgelöst, während sie in den Großstädten boomen. Woher kommt dieser krasse Unterschied?

Das hat mit dem Wegzug der Bevölkerung zu tun. In Bayern nimmt die Zahl der Vereine aber nur ganz, ganz leicht ab, weil die Staatsregierung das Problem früh erkannt hat. Meiner Kenntnis nach ist es nur noch in zwei Landkreisen der Fall, dass die Bevölkerung schrumpfen wird. In allen anderen Kreisen wird sie in den nächsten Jahren steigen. Und überall dort sind Vereine als soziale Einrichtungen sofort gefragt.

Stichwort Wegziehen: Gerade junge Menschen ziehen in andere Städte, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Sie pendeln vielleicht am Wochenende oder sind nur während des Semesters in der Stadt. Wie können Vereine diese Menschen einfangen?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wie finde ich denn überhaupt eine Bindung in der Stadt, wenn ich neu bin? Da müssen Vereine die ersten Kontaktpunkte sein. Heute ruft aber keiner mehr an oder fragt nach, sondern man sucht im Internet. Deswegen treiben wir die Digitalisierung auch so voran. Wir wollen ganz vorne mit dabei sein, wenn jemand, der neu in einer Stadt ist, Sportangebote über eine Suchmaschine sucht und sich gleich online für ein Probetraining anmelden will. Dafür haben wir als einziger Landes-Sportverband sogar eine eigene IT-Tochtergesellschaft, die Athleta IT-Services, gegründet.

Arbeiten denn Vereine aus unterschiedlichen Städten in solchen Fällen zusammen, quasi als Vermittler?

Da müssen die Vereine noch viel stärker kooperieren. Ich bin überzeugt, dass das sehr gut funktionieren könnte, wenn Verein A zu B sagt: Pass mal auf, der ist schon bei dir Mitglied, wie können wir das denn machen? Das ist ja beim Thema Mitgliedsbeitrag auch eine wirtschaftliche Frage.

"Politik muss deutlich nacharbeiten"

Es gibt also immer mehr Mitglieder in Bayerns Sportvereinen. Gibt es denn dann auch mehr Ehrenamtliche?

Viele wollen sich heute nicht mehr in der Form binden, wie es vielleicht einmal war. Es kommt sehr auf die Arbeit an, die da auf einen zukommt. Kein junger Mensch ist bereit, ein Blatt Papier auszufüllen oder sich vor den Computer zu setzen und einen handschriftlichen Aufnahmeantrag abzutippen. Das ist für sie sinnfreie Arbeit. Wir müssen es schaffen, dass die Prozesse im Verein einfach auf dem Stand der Technik sind. Das hat einen ganz hohen Einfluss auf ehrenamtliche Tätigkeit in den Vereinen.

Das Ehrenamt an sich ist aber schon noch attraktiv?

Extrem sogar! Aber wir müssen es noch deutlich attraktiver für Junge machen, indem wir den Aufwand reduzieren: Projektarbeit, zeitlich abgeschlossen und in einer übersichtlichen Packgröße, ist moderner denn je, so wird auch in großen Unternehmen gearbeitet. Was keiner möchte, ist sich auf unbestimmte Zeit in einen Wust von Verwaltungskram hineinzustürzen, am besten noch auf Papier. Über was wir aber auch reden müssen, ist die Anerkennung von Ehrenamt.

Es gibt die Ehrenamtskarte, mit der Engagierte zum Beispiel Rabatt bei Unternehmen oder bei Eintrittspreisen bekommen. Es gibt aber auch Stimmen, die deutlich mehr Anerkennung fordern, zum Beispiel in Form von Steuervorteilen.

Die Ehrenamtskarte gibt es leider noch längst nicht in allen Landkreisen und Städten. Und warum tut sich eigentlich das Bundesfinanzministerium seit Jahren so schwer, den Ehrenamtsfreibetrag mal von 720 auf 840 Euro im Jahr zu erhöhen?

Da muss die Politik noch deutlich nacharbeiten. Wir als Verband sprechen hier nicht nur extrem viel mit den zuständigen Politikern, sondern führen ab 2019 auch erstmals wieder einen bayernweiten Ehrenamtspreis ein, um das  

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