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Click-and-Collect in Nürnberg: "Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Eine erste Bilanz der Händler zu dem Abholservice vor Ort - 27.01.2021 20:32 Uhr

Damit die Kunden den La Cola Secondhand Shop in Fürth nicht vergessen, stellt sich Inhaberin Sabrina Rodehau auch nackt ins Schaufenster.

27.01.2021 © Bianca Rodehau


Seit dem 11. Januar dürfen Läden in Bayern wieder per Click-and-Collect verkaufen. Das heißt: Der Kunde bestellt online oder per Telefon und holt sich die Ware an der Tür des Geschäftes ab. Mittlerweile ist der Abholdienst sogar für in Bibliotheken möglich. Nürnberger Läden ziehen eine erste Bilanz.

Ausgabe im Keller

Das Musikgeschäft Klier bietet seit drei Wochen Click-and-Collect an. Die bisherige Bilanz des Inhabers Andreas Klier: "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein." Für ihn sei das System nicht gerade kundenfreundlich. "Ich darf niemanden in den Laden lassen, deshalb gibt es die Ware nur an einer Anlieferrrampe im Keller", erzählt er. "Der Kunde muss erstmal einen Termin ausmachen, dann den Ausgabeort finden. Da können viele Probleme entstehen", so Klier. Bei Amazon komme die Waren hingegen direkt vor die Tür. "Für den Handel im Jahre 2021 ist das jetzige System alles andere als kundenfreundlich."


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Er wünscht sich, dass der Handel seine Kunden wenigstens auf einer abgegrenzten Fläche und einzeln im Geschäft begrüßen könnte. Er merkt auch, dass vielen Kunden einfach Information fehlen. "Vor allem ältere Menschen kommen immer wieder spontan vorbei und verstehen nicht, warum sie nicht vor Ort bestellen können." Sein Vorteil: Die Kunden wollen in seinem Geschäft selten stöbern, sondern wissen was sie möchten. Das erleichtere die Beratung am Telefon. Was er zur Zeit am häufigsten verkauft? "Klaviere und Gitarren, die erleben derzeit ihre Renaissance."

An Abholstationen vor den Läden kann bei Click and Collect die Ware vor Ort abgeholt werden.

18.01.2021 © Rupert Oberhäuser via www.imago-images.de, NN


Unterschiedlicher Erfolg

Nicht für jede Branche ist Click-and-Collect geeignet, weiß Sprecher Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. "Bei Baumärkten und Fachmärkten kann ich mir einen größeren Erfolg vorstellen, als beispielsweise im Textileinzelhandel", erzählt er. Der Grund: Die Leute wissen, was sie wollen und können gezielt bestellen. Auch Buchhändler haben derzeit Erfolg, weil bei ihnen die Bestellstruktur per Telefon nicht neu ist.

In Mittelfranken nutzen derzeit knapp 50 bis 60 Prozent der Händler den Click-and-Collect-Service. "Aber die Probleme des Handels, sprich Finanzierungsschwierigkeiten, lassen sich dadurch nicht lösen", so Ohlmann. Wichtig sei es trotzdem, vor allem um die Kundenbindung aufrecht zu erhalten.

Kapazitätsgrenze bei Lieferungen

Die Kunden am Ball halten, dass ist auch das Ziel von Geschäftsführer Klaus Harl von Küchen Loesch am Lorenzer Platz. Click-and-Collect ist für ihn aber nicht nur Marketing, auch sein Lieferdienst werde damit entlastet. "Vorher haben wir sechs Tage lang den ganzen Tag ausgeliefert. Click-and-Collect ist eine deutliche Erleichterung", so Harl. Auch der gemeinsame Lieferservice der Nürnberger Handelsverbände und der Stadt, helfe derzeit enorm.


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Kosten decken? Das könne er derzeit nicht im entferntesten. Seine Mitarbeiter sind alle weiterhin beschäftigt, allerdings unter Kurzarbeit. Nur zehn Prozent des normalen Umsatzes könne er derzeit erwirtschaften. "Damit kann man nicht die ganze Mannschaft ernähren". Um das Geschäft dauerhaft offline weiterführen zu können, bräuchte Küchen Loesch einen größeren Online-Shop und eine andere Lagerstrategie. "Das wäre dann aber eine ganz andere Firma", weiß Harl.

Nicht jeder Händler macht mit

Allerdings nutzen nicht alle Läden die Möglichkeit, die Ware vor Ort auszugeben. Wie Sportscheck in der Nürnberger Innenstadt. Der Sporthändler nutzte das Abholsystem zwar unabhängig von Corona bereits seit fünf Jahren - jetzt hat er es allerdings ausgesetzt. Ein Sprecher begründet die Entscheidung damit, dass der Kunde bei Click-and-Collect schließlich den Weg in eine Filiale antreten müsse, was aus gesundheitlichen Gründen nicht zu empfehlen ist. Außerdem sei die Lieferung viel komfortabler. Der Großhändlerhändler kann auch deshalb auf die Möglichkeit verzichten, weil er über einen gut ausgebauten Online-Shop und dafür ausgelegte Logistikstrukturen verfügt. Das ist vor allem für kleinere lokale Läden ein Problem. Die Online-Bestellung ist derzeit für viele Kunden einfach die bequemere Variante.

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Schnelle Verfügbarkeit

Eine andere Handelskette, die sich für entgegengesetzten Weg entschieden hat, ist der Elektrofachmarkt Saturn. Auch er hatte bereits vor dem Lockdown den Dienst angeboten. Anders als Sportscheck, macht er damit jetzt weiter. "Wir haben gemerkt, dass die Kunden das wollen", so eine Sprecherin des Unternehmens. Vor allem die schnelle Verfügbarkeit besticht im Gegensatz zu eine Lieferung, die meist mehrere Tage dauert. "Wenn beispielsweise die Druckerpatrone leer ist, hat man sie mit wenigen Klicks im Markt bestellt und kann sie vor Ort abholen". Besonders gefragt seien derzeit vor allem Produkte für Homeschooling und -office.
Auch das Traditionsmodehaus Wöhrl in der Nürnberger Innenstadt bietet seinen Kunden derzeit einen Call-and-Collect-Service an. Wie Vorstandsvorsitzender Thomas Weckerlein erklärt, will das Haus auch im Lockdown seinen Kunden mit Rat zur Seite stehen, "so wie sie es aus dem stationären Verkauf gewohnt sind." Obwohl auch der Online-Shop in den vergangenen Wochen gut laufe, fiebere auch Wöhrl dem Tag entgegen, wenn das Haus die Türen wieder öffnen kann.

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Kreativität ist gefragt

Aber auch kleinere Geschäfte ohne Onlineshop haben mittlerweile Wege gefunden, ihre Ware trotz Lockdown an die Frau zu bringen. "Viele nutzen Messenger-Dienste wie WhatsApp um mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben", weiß Ohlmann. Auch per Mail oder auf Social Media wird verkauft. "Die Lager sind voll, der Winterschlussverkauft beginnt bald." Deshalb müssten viele Händler kreativ werden.

Nackt im Schaufenster

Diese Kreativität schöpft Sabrina Rodehau von La Cola Secondhand Shop in Nürnberg, Fürth und Ansbach zur Zeit auch aus. In allen Läden gibt es nicht nur Click-and-Collect, sondern auch WhatsApp-Calls. "Unsere Kundinnen schauen sich auf Instagram und in Online-Shop um, dann können sie per Video anrufen und bekommen das Teil live präsentiert", erklärt sie. Außerdem gibt es Instagram-Sales, bei denen sie und ihre Freunde die Klamotten durch hübsche Bilder in Szene setzt. Auch einen Lieferdienst mit Anprobier-Option gibt es: "Wir geben die Ware mit FFP-2-Masken bei der Kundin zuhause ab und sie probiert während wir draußen warten."


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Fakt bleibe: Die Leute würden lieber wieder vorbeikommen, stöbern und die Ware anfassen. Da sei Click-and-Collect bereits eine Hilfe, da die Klamotten bei der Abholung wenigstens angesehen werden können. Allerdings ist der Aufwand sehr hoch. "Anders wie bei H&M stellen wir nicht einen Artikel hoch und er kann tausendfach gekauft werden. Wir haben nur Einzelstücke, das bindet ordentlich Zeit", erklärt Rodehau. Finanziell gehe sich das nicht aus.

Dennoch nutzt sie jede Möglichkeit, um auf ihre Läden aufmerksam zu machen. "Da stelle ich mich auch gern nackt ins Schaufenster.", erzählt sie. Im Rahmen einer Fotoaktion in Fürth tat sie das dann auch, getreu ihrem Motto: "Nur nackt sein ist Nachhaltiger." Sie wünscht sich vor allem, dass die Menschen in der derzeitigen Situation auch Mal ihr Konsumverhalten überdenken.

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Bitte beachten

Verschiedene Händler, verschiedene Strategien. Bei einem sind sich jedoch alle einig: Sie wollen wieder öffnen. Bis dahin ist Click-and-Collect eine Möglichkeit, wenigstens ein wenig Geschäft zu machen. Daher ist es als Kunde sinnvoll, das Angebot zu nutzen. Aber bitte nicht vergessen: Vorab bestellen, nicht den Laden betreten, keine Spontankäufe und FFP-2-Maske auf. Das Stöbern bleibt derzeit nur in Supermärkten erlaubt.

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