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Das große Glück und seine nackte Wahrheit

Hängende Brüste, faltige Bäuche, schmerzende Seelen: Die plastische Chirurgie wird auch für immer mehr Mütter zu einer Alternative - 04.11.2013

Illustration: Charlotte Watzinger


„Ich beschränke mich auf die nüchterne, medizinische Schiene“, wehrt der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie ab. Händchenhalten und Tränen trocknen, das geht „von Frau zu Frau“ besser, glaubt der Chirurg. Die Tränen fließen, weil großes Glück manchmal auch Schattenseiten hat: Immer mehr von Radus Patientinnen sind Mütter. Sie haben Babys geboren und gestillt und ihren Körper ganz in den Dienst des kleinen Wesens gestellt. Dass das Spuren hinterlässt, ist den meisten klar. Dass es in manchen Fällen so gravierend sein kann, dass es zutiefst unglücklich macht, den wenigsten.

„Brust und Bauch leiden bei einer Schwangerschaft besonders“, erklärt der plastische Chirurg Dimitris Doumouras. Wenn das Kind den Bauch zur prallen Kugel spannt oder Milch die Brüste aufpumpt, hängt im Wortsinn alles am Bindegewebe. Gute Gene lassen Frauen auch nach drei oder mehr Kindern fast makellos zurück, andere trifft es heftig. „Viele Frauen, die zu uns kommen, waren immer sportlich aktiv, mit einem gesunden Körperbewusstsein“, sagt Radu. Sie zeigen nach der Geburt Disziplin, werden jedes Extra-Kilo schnell wieder los und sporteln ehrgeizig.
Doch überdehntes oder gerissenes Gewebe lässt sich damit nicht rückbilden. Dann bleibt, wenn die Seele zu sehr leidet, als letzte Möglichkeit eine Operation. „Die meisten Frauen haben es sich lange überlegt, ob sie diesen Schritt gehen“, sagt Radu. Und sie lassen es sich etwas kosten: 5000 bis 7000 Euro für neu modellierte Brüste, 4000 bis 8000 Euro für einen flachen Bauch.

Es ist ein relativ neues Phänomen, dass Frauen nicht mehr für den Rest ihres Lebens mit den Kollateralschäden einer Mutterschaft leben wollen. Zahlen, wie viele Frauen sich nach der Familienphase operieren lassen, gibt es zwar keine. Doch die Zahl der plastischen Chirurgen – und damit naturgemäß die Zahl der Eingriffe generell – steigt seit Jahren kontinuierlich an. 2002 praktizierten laut Bundesärztekammer deutschlandweit 337 plastische Chirurgen, zehn Jahre später waren es fast 900.
„Ich glaube nicht, dass unbedingt ein größerer Bedarf an ästhetischen Operationen geweckt wurde, sondern dass der Mut steigt und das Vertrauen in die plastische Chirurgie in den letzten zehn bis 15 Jahren zugenommen hat“, sagt Radu. Narkosen seien sicherer und Operationstechniken weiterentwickelt und zur Routine geworden. „Wo man früher 14 Tage auf Station verbracht hat, können die Patienten heute nach einem Tag heimgehen“, sagt Radu. Immer mehr haben sich dadurch Skalpell und Silikon als Alternativen zum lebenslangen Versteckspiel etabliert – nicht in der Hauptsache für Mütter, aber eben auch.

Radu klickt auf dem Computer durch kopflose Fotos von Patientinnen. Er zeigt Brüste, die nach dem Abstillen leer und tropfenförmig nach unten hängen, ungleich groß sind, oder sich massiv verkleinert haben. Und Bäuche mit faltiger Haut und Fettansammlungen, die schlaff bis in die Bikinizone hängen. Eine „Unterbauchfettschürze“, diagnostiziert Doumouras dann, wenn Haltestrukturen im Inneren zerrissen sind. Sport hilft in diesem Fall nicht mehr.
In die Pläne für eine OP weihen viele Frauen nicht mal Freundinnen ein. „Sich die Brüste oder den Bauch nach einer Schwangerschaft straffen zu lassen ist nach wie vor ein absolut tabubehaftetes Thema“, findet eine Patientin. „Muttersein ist etwas Ehrenhaftes und alles, was damit zu tun hat, muss man akzeptieren“, hält sie für eine weitverbreitete Sichtweise. „Du hast doch ein gesundes Kind, was willst du denn mehr“, solche Sprüche lassen Betroffene, die sich doch offenbaren, verstummen.

Die Frauen, die schließlich vor Radu und Doumouras sitzen, sind in der Regel keine Super-Moms, die sich an dauerstraffen Übermüttern wie Heidi Klum orientieren. „Die meisten haben eine realistische Vorstellung“, sagt Doumouras. „Sie wissen, dass man die Uhr nicht um 20 Jahre zurückdrehen kann. Aber sie möchten zum Beispiel wieder einen Bikini anziehen können.“ Schöner sein als vor der Schwangerschaft ist nicht das Ziel. Vielmehr sollen Körpergefühl und Körper wieder zueinanderpassen. „Es sind eher rekonstruktive Operationen“, findet Radu. „Wir versuchen, das so gut wie möglich wiederherzustellen, was die Frau mal hatte.“
Mindestens ein Jahr sollte man sich und seinem Körper nach der Geburt Zeit geben, bevor man eine OP in Betracht zieht. „Alles andere wäre überhastet“, sagt Radu. „Und natürlich macht es am meisten Sinn, wenn kein Kinderwunsch mehr da ist.“

Damit potenzielle Patientinnen wissen, was möglich ist, zeigen die Ärzte bei Vorgesprächen immer Fotos. „Wenn die Frau dann zusammenzuckt, ist es nicht das Richtige“, sagt Radu nüchtern. Denn die Vorstellung, dass der Körper nach dem Eingriff makellos zurückbleibt, ist falsch. Bei einer Bauchstraffung zieht sich ein langer Schnitt entlang der Bikinizone von Beckenkamm zu Beckenkamm, auch eine Bruststraffung hinterlässt sichtbare Narben. Die Seelenqual muss groß genug sein, um damit besser leben zu können, als mit einer schlaffen Brust oder Bauchfalten.
„Mir hätte es damals schon sehr geholfen, wenn ich gewusst hätte, ich bin nicht alleine“, sagt eine Patientin. Aber erst in letzter Zeit kommt das Thema langsam aufs Tapet. Elterngazetten zeigen „die nackte Wahrheit“, im Netz trösten sich verzweifelte Mütter gegenseitig. Auf der amerikanischen Internetseite www.theshapeofamother.com laden Betroffene Bilder ihrer Körper hoch. Traurigkeit und Selbstzweifel entladen sich in den Beschreibungen. Aber sie sind auch Trost: Wir sind viele, du bist nicht allein, ist die Nachricht.

Und es gibt auch die anderen Stimmen. Die von Frauen, die sich vor allem darüber freuen, dass ihre Körper Großartiges vollbracht haben. Die die vermeintlichen Makel sogar liebgewinnen. Oder zumindest gut damit leben können. Ganz nach dem Motto: Jede Tigerin hat sich ihre Streifen verdient.

 

Eine Liste von Fachärzten für plastische und ästhetische Chirurgie findet man unter www.dgpraec.de
 

CHRISTINE THURNER

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