"Das Leben ist keine fröhliche Achterbahn"

3.1.2012, 16:07 Uhr
Joachim Fuchsberger

Joachim Fuchsberger © dapd

NZ: Wie kamen Sie dazu, sich als Unicef-Botschafter zu engagieren?

Fuchsberger: Durch die Talkshow „Heut Abend“, die ich damals in der ARD moderierte. 1983 war die Schauspielerin Liv Ullmann bei mir zu Gast im Fernsehstudio des BR in Unterföhring. Sie war damals international bekannte Unicef-Botschafterin und berichtete in der Sendung über ihren Besuch in einem Flüchtlingslager in einem großen Notgebiet in Afrika. Dort hob sie ein Kind hoch und ließ sich mit ihm fotografieren. Während dessen starb das Kind in ihrem Armen. Sie hat den Vorgang geschildert und im Studio herrschte Totenstille, weil die Zuschauer sehr ergriffen waren. Am Ende des Gesprächs sah sie mich an und fragte: Könntest Du nicht auch für Unicef aktiv sein? So wurde ich 1984 der erste deutsche Botschafter für Unicef.

NZ: Haben Sie sich damals spontan entschieden und damit wenig Gedanken über die Konsequenzen Ihrer Zusage gemacht?

Fuchsberger: Nein. Ich habe Ja gesagt, weil ich mir schon lange vorher Gedanken darüber gemacht hatte, wie es in manchen Teilen der Welt zugeht, dass dort Menschen leben, die kein sauberes Wasser haben, unter schrecklichen Bedingungen aushalten müssen und an furchtbaren Krankheiten leiden, die mit wenig Geld bekämpft werden könnten. Ich stamme selbst aus einer Generation, die weiß, wie sich Hunger anfühlt, die weiß, wie Kinder unter einer Hungersnot leiden. Deswegen waren die Gedanken schon lange da, dass ich aktiv tätig werden wollte. Und für Unicef im Einsatz zu sein, ist eine ehrenvolle Weise. Inzwischen bin ich sogar zum Ehrenbotschafter ernannt worden (2011), dabei fühle ich mich gar nicht so herausragend.

NZ: Bei Unicef hat man mir verraten, dass Sie nicht gerne nach Afrika fahren, um sich die Lage vor Ort anzuschauen. Warum nicht?

Fuchsberger: Ich kann es wegen meiner gesundheitlichen Situation nicht. Außerdem würde es mehr kosten, mich dorthin zu bringen, als es nützt. Das macht keinen Sinn, mich mit hungernden Kindern zu zeigen. Es muss eine weltweit bekannte Persönlichkeit sein, die mit Bildern von hungernden Kindern Aufmerksamkeit erregt. Deswegen ist es keine Frage, ob man gern dorthin reist, sondern eher die, warum ich das tun sollte?

NZ: Ist es nicht einfacher, wenn man die Verhältnisse vor Ort kennt? Waren Sie früher schon mal in Afrika?

Fuchsberger: Ich reise genug. Ich habe eine Organisation gewählt, die sich als vertrauenswürdig erweist. Das ist nicht bei allen Organisationen der Fall. Deswegen habe ich lange Recherchen betrieben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und deswegen bin ich bei Unicef aktiv.

NZ: Aber selbst Unicef ist nicht ohne Fehl und Tadel. 2007 wurde dem damaligen Geschäftsführer unter anderem vorgeworfen, mit Spendengeldern in Millionenhöhe externe Berater bezahlt zu haben.

Fuchsberger: Man muss sagen, ohne Fehl, aber nicht ohne Tadel. Es war keine kluge Sache, der Umgang mit den Spendengeldern. Ich war damals in Australien, als das geschah. Ich möchte zu diesen Vorgängen nicht weiter Stellung nehmen, denn ich bin weder im Komitee, noch in der Geschäftsführung und habe damit überhaupt nichts zu tun. Die Frage aber, die man mir damals gestellt hat, ob ich weiter dabei sein werde, habe ich mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet.

NZ: Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Einsatz den Menschen in Krisenregionen Fortschritte gebracht hat?

Fuchsberger: Es ist ein Missverhältnis. Große Probleme werden von privaten Organisationen angegangen. Andererseits schmeißen offizielle Stellen Milliarden durch die Gegend, um Missstände zu beseitigen, wo ein Bruchteil davon, an der richtigen Stelle eingesetzt, reichen würde, die Not von vielen zu lindern. Das Endziel von Unicef sollte sein, sich selbst abzuschaffen, weil die Organisation nicht mehr gebraucht wird. Aber das sind Wunschträume. Das wird sich wohl leider nie erfüllen. Wo Unicef aktiv ist, finden Impfaktionen statt, gibt es Anleitungen für die Menschen, wie sie sich selber helfen können, damit sie nicht vor sich hin vegetieren müssen. Denn was fängt man beispielsweise in einem ausgetrockneten Gebiet mit einer Dieselpumpe an? Es ist doch wichtig zunächst festzustellen, was brauchen die Menschen, was hilft ihnen am meisten, bevor man etwas tun kann. Wenn es aber darum geht, dass die Menschen vertrieben, verjagt, getötet werden, dann ist Unicef machtlos.

NZ: Also haben Sie Verbesserungen mitbewirkt, aber es ist in Ihren Augen nicht genug. Kann man denn mehr erreichen?

Fuchsberger: Natürlich muss man auch sehen, wie wäre die Situation ohne diese Hilfsorganisation. Beseitigen können wir die Not leider nicht. Das bekümmert mich. Ich hoffe, dass das Wort eines ehrlichen Botschafters, der nicht herumtrickst, etwas zählt. Ich halte es mit meinem Freund Peter Ustinov, der sagte: Wir alten Männer sind gefährlich, weil wir keine Angst mehr vor der Zukunft haben. Wir können sagen, was wir denken, wer will uns denn dafür bestrafen?

NZ: Sie haben einen eigenen Stil im Umgang mit dem Alter entwickelt. Woran liegt das?

Fuchsberger: Es ist wahrscheinlich auf die besonderen Erlebnisse zurückzuführen, denen ich im Kindesalter ausgesetzt war. Schon von klein auf wurde ich mit Tod und Krieg konfrontiert, lernte, was es bedeutet, durch die schlimmsten menschlichen Verfehlungen zu leiden. Zu erleben, wie ein hochgeputschtes Volk einen Vollidioten gewähren lässt. Im Krieg und in der Gefangenschaft lernte ich das erst recht. Ich lernte beim Wiederaufbau was es bedeutet, 1200 Meter unter Tage für andere Verantwortung zu übernehmen. Das alles hat meine Einstellung geprägt. Es gehört zum Leben Mut, das ist keine fröhliche Achterbahn, nein, es geht ans Eingemachte.

NZ: Woraus speist sich Ihr Lebensmut?

Fuchsberger: Aus einer wunderbaren Ehe, durch eine intakte Familie, die durch den Tod unseres Sohnes Thomas gewaltsam auseinandergerissen wurde. Bei vielen Menschen heißt es, zuerst kommt der Beruf, und bei mir kam immer zuerst die Familie und in zweiter Linie der Beruf. Daraus kann man keine Lebensweisheit destillieren, außer man gibt sich großmäulig.

NZ: Ist das nicht etwas zu bescheiden?

Fuchsberger: Nein. Vielleicht Alterserfahrung. Es wird so viel gequatscht und zu wenig gesagt. Vieles ist zweckgebunden und nur für den Augenblick gültig. Was ich in den meisten Fällen vermisse, ist eine gerade, ehrliche Stellungnahme zu Dingen, die den jeweiligen Menschen etwas angehen.

NZ: Sie haben etwas zu sagen und tun dies unter anderem in Ihrem Buch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Hat Ihnen das Schreiben bei der Bewältigung der Trauer geholfen?

Fuchsberger: Kein Kommentar zum Tod unseres Sohnes. Zum Buch. Ich habe mich verpflichtet gefühlt, das von ihm Begonnene zu beenden. Ich unterstützte die Deutsche Diabetes-Gesellschaft. Es gibt den wundervollen Preis mit dem Namen unseres Sohnes Thomas. Darauf bin ich außerordentlich stolz. Als man mich allerdings fragte, ob ich der Jury beitreten wolle, habe ich nein gesagt und auch die Laudatio wollte ich nicht übernehmen. Aber ich habe den zum ersten Mal vergebenen Preis (im September 2011) überreicht. Seitdem werde ich oft angefragt, ob ich nicht zu verschiedensten Anlässen die Schirmherrschaft übernehmen möchte. Ich bin im 85. Lebensjahr und lehne deshalb die meisten Anfragen ab. Aber alle Erlöse aus meinem Buch, das ich für meinen Sohn beendet habe, werden für die Erforschung der neuen Volkskrankheit Diabetes verwendet. Trotz dieser Krankheit kann man ein gutes und erfülltes Leben haben. Man muss aber ein paar Regeln einhalten.

NZ: Wie sehen Sie die Zukunft, das Jahr 2012?

Fuchsberger: Was mir bleibt an Kraft, möchte ich für den Beruf einsetzen. Ich weiß nicht, ob ich noch einen Film machen werde. Es wird zurzeit in der Branche kaum Geld ausgegeben. Man muss sich fragen, wer regiert denn das Geschehen? Wer wirklich diktiert, das sind die Wirtschaft und die Industrie, weil so viele Menschen nach Lohn und Arbeit schreien. Die anderen, die sich den Rücken krumm arbeiten, sind die Dummen. Die Welt ist aus den Fugen geraten.

NZ: Sind Sie neugierig auf künftige Entwicklungen, die beispielsweise durch das Internet angestoßen werden?

Fuchsberger: Ich habe mich nicht intensiv mit dem Internet auseinander gesetzt, aber ich bin skeptisch. Vieles, was zum Nutzen der Menschen erfunden wurde, hat sich letztendlich häufig ins Gegenteil verkehrt und war zum Schaden der Menschen. Ich freue mich, dass ich schon so alt bin, so dass ich die Folgen davon und von vielen anderen Entwicklungen nicht mehr erleben werde. Ich möchte mit keinem Jungen tauschen.

 

Stichwort:

Joachim „Blacky“ Fuchsberger wurde am 27. März 1927 in Stuttgart geboren. Vielen Menschen ist er als Schauspieler ein Begriff. Seine Karriere begann mit dem Film 08/15 und setzte sich mit weiteren Rollen, unter anderem in Edgar-Wallace-Filmen fort, Sie sind ebenso im Gedächtnis geblieben wie seine Auftritte in Talkshows. Die ARD-Talkshow Heut’ abend (1980–1991), in der er 300 Mal jeweils einen prominenten Zeitgenossen zu seinem Leben befragte war ausschlaggebend für sein mehr als 20 Jahre währendes Engagement für die Hilfsorgansiation Unicef.

Joachim Fuchsberger heiratete 1954 seine zweite Frau Gundula Korte, mit der er bis heute zusammenlebt. Sohn Thomas ertrank im Oktober 2010 auf tragische Weise im Mühlbach von Kulmbach. Ihm ist das Buch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ gewidmet.

Weitere Informationen zur Aktion Nürnberg Unicef Kinderstadt unter www.unicef.de/kinderstadt-nuernberg. Spende bitte auf folgendes Konto tätigen: Sparkasse Nürnberg, Konto 11296746, BLZ 76050101

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