Doku-Zentrum will sich für digitale Zeiten wappnen

12.1.2020, 14:31 Uhr
Eine Besuchergruppe im Dokumentationszentrum betrachtet ein Hitler-Porträt von 1934 auf dem Bückeberg. Alle Dokumente und Raumzuschnitte werden für die neue Dauerausstellung überarbeitet.

Eine Besuchergruppe im Dokumentationszentrum betrachtet ein Hitler-Porträt von 1934 auf dem Bückeberg. Alle Dokumente und Raumzuschnitte werden für die neue Dauerausstellung überarbeitet. © Stefan Hippel

Ein Selfie mit Hitler – im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände kommt das zwar selten vor, aber es kommt vor. In einem der ersten Ausstellungsräume läuft man ihm ja in die Arme. Ein raumhohes Foto zeigt Adolf Hitler frontal und lebensgroß, 1934 durch eine "Reichserntedank"-Parade auf dem Bückeberg marschierend. Der Anblick, der die Selbstinszenierung des Diktators illustriert, verleitet immer wieder Besucher zur eigenen Selbstinszenierung per Smartphone. Schlimm?


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Für Florian Dierl ist das nicht die Frage. Der Ort halte solche "Faxen" aus. Aber: Warum eigentlich der Bückeberg bei Hameln, warum nicht Hitler in Franken? "Wir müssen kein Ersatz fürs Geschichtsbuch sein", stellt der Leiter des Doku-Zentrums fest. "Wir wollen vor allem die Regionalgeschichte dieses Ortes zeigen." In Zukunft wünscht er sich deshalb mehr Motive aus Nürnberg. Hitlers Machtübernahme etwa müsse man nicht reflexhaft mit dem Marsch durchs Brandenburger Tor vom Januar 1933 bebildern, auch so ein Beispiel. Es komme also, sagt Dierl, jedes Foto und jedes Objekt bald auf den Prüfstand.

Bis zu dieser Überarbeitung der Dauerausstellung dauert es noch. Die seit Jahren überfällige bauliche Erweiterung fraß bisher alle Planungskapazitäten des Hauses. Ab dem Jahreswechsel 2020/21 schließt das Doku-Zentrum erst einmal für den Umbau, vermutlich drei Jahre lang – bis auf die Sonderausstellungshalle im Erdgeschoss. Darin soll das Publikum während der Teilschließung eine Übergangsausstellung vorfinden.

Ego-Dokumente und mehr Ortsgeschichte

An deren Konzept sitzt das Team gerade. Die Übergangsschau werde schon einen Vorgeschmack auf das Doku-Zentrum der Zukunft geben, berichtet Melanie Wager, eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen. "Experimenteller" werde es für den Besucher zugehen und "objektbezogener". Vorgesehen sei "mehr Geschichte aus der Perspektive von Menschen", in Form von Ego-Dokumenten und Gegenständen aus der NS-Zeit, die Privatleute dem Haus seit Jahren schenken und die sich bisher in Büros und Lagern stapeln. Außerdem wolle man konkreter "vom Ort aus" erzählen, etwa um Nürnbergs Bedeutung für den Aufstieg der NSDAP zu beleuchten.


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Das 2001 eröffnete Haus ist, gleich nach dem Germanischen Nationalmuseum, Nürnbergs gefragtestes Museum. Im Jahr 2019 knackte das Doku-Zentrum mit 310.000 Besuchern erstmals die Marke von 300.000. Vor einem Jahrzehnt waren es erst 186.000.

Geht es nach dem Publikum, ergibt sich nur ein diffuses Bild von Gefallen und Missfallen. Im Gästebuch und in Online-Bewertungsportalen hinterlässt die überwiegende Mehrheit begeisterte Kommentare. Immer wieder gelobt werden Faktentreue und Sachlichkeit. Kritiker, die sich von der Dokumentenlastigkeit gelangweilt sehen und mehr Interaktion wünschen, gibt es wenige.

"Die Dauerausstellung ist gut gealtert", stellt auch Leiter Florian Dierl fest. "Sie vermittelt dem Publikum immer noch sehr gut die wesentlichen Aspekte des Reichsparteitagsgeländes, ihre Defizite fallen nicht auf." Aber: Manches, was die NS-Forschung inzwischen herausarbeiten konnte, fehle und sei zu ergänzen.

Etwa der Ehrgeiz der Reichsparteitags-Organisation. Man dürfe nicht dem Missverständnis erliegen, aus der Unfertigkeit der Bauten zu lesen, sie seien für eine Showveranstaltung gebaut worden. "Die Parteitage waren der ernsthafte Versuch, die Utopie einer großgermanischen Volksgemeinschaft zu zeigen, jedes Jahr ein bisschen optimierter", erläutert der Historiker. "Wir sollten in Zukunft diesen dynamischen Charakter betonen."


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Die Wissenschaft sei außerdem abgerückt von der These der "Verführung" der Deutschen durch die nationalsozialistische Idee. "Man muss vielmehr von Zustimmung sprechen." Gerade in den Friedensjahren sei das Regime auf große Unterstützung der Bevölkerung gestoßen. Die Forschung zu NS-Tätern und zur NS-Volksgemeinschaft verlange heute differenziertere Perspektiven. "Nicht jeder, der in der Zuschauermenge bei einem Reichsparteitag stand, war ein fanatisierter Nazi." Aber es seien auch nicht nur einige Hundert Einsatzgruppenleiter an Verbrechen beteiligt gewesen.

Mehr Auffächerung und gleichzeitig Straffung, mehr Nürnberg, weniger Geschichtsbuch-Stoff – das fände auch Pascal Metzger gut. Der Historiker beim Verein "Geschichte für Alle" betreut die Besucherarbeit im Dokumentationszentrum. Der damalige Ansatz, das Reichsparteitagsgelände in die Gesamtgeschichte des "Dritten Reichs" einzuordnen, sei "absolut richtig" gewesen, heute aber nicht mehr in derselben Breite nötig, findet Metzger. "Man kann davon ausgehen, dass Besucher Wissen mitbringen." In den maximal drei Stunden Aufenthaltsdauer müsse man schon heute Räume überspringen.

Familien ohne Kriegserfahrung

Er plädiert daher für Vertiefungsmöglichkeiten an Tablets oder Medienstationen. Beispielsweise für den Führerkult: mit mehr und größeren Bildern. Oder die Filme von Leni Riefenstahl. "Auch den Aspekt ,Warum Nürnberg?‘ könnte man noch besser darstellen." Ausgespart bleibt bisher zudem die Nutzung des Reichsparteitagsgeländes im Krieg: Es war Leidensort für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.

2019 konnte das Nürnberger Dokumentationszentrum einen Besucherrekord erzielen.

2019 konnte das Nürnberger Dokumentationszentrum einen Besucherrekord erzielen. © www.tschopoff.de

Aber wie viel Vorwissen, von dem Metzger redet, bringen die nächsten Generationen mit – und wie viel ist nötig fürs Verständnis des Ortes? "Wir sehen seit jeher unglaublich gut informierte Besucher und auch das Gegenteil", berichtet er. "Bei Jugendlichen steht und fällt das immer mit der Lehrkraft." Freilich kämen auch "kuriose Fragen" – etwa ob es sich beim Dutzendteich um den Wannsee handele. Manche Schüler würden genervt abwinken: Sie hätten die NS-Zeit schon zu ausgiebig besprochen. "Dahinter steckt aber dann oft nicht so viel Wissen, und man weckt am Ende neu ihr Interesse."

Keine Ansprechpartner in der Familie

Nürnbergs Stadtsprecher Siegfried Zelnhefer, der sich auch als Historiker mit der NS-Zeit befasst, beurteilt das Publikum der Zukunft vorsichtig. "Das Wissen nimmt tendenziell ab", mutmaßt er. Er habe bei Schulvorträgen junge Nürnberger getroffen, die zum ersten Mal von der Kriegszerstörung der Stadt hörten. "Die jüngste Generation hat keine Ansprechpartner mehr in der Familie, ihr fehlt die mündliche Überlieferung." Ihr falle, glaubt Zelnhefer, medial vermitteltes Erinnern schwerer, und zu den Fakten benötige sie eher mehr als weniger Erklärung. "Dazu werden wir wahrscheinlich die Medien unserer Zeit stärker nutzen müssen."

Nicht zuletzt haben sich Sehgewohnheiten und Ausstellungsmoden verschoben. Vor wenigen Jahren schlug in einer Besucherbefragung negativ zu Buche, dass englischsprachige Beschriftungen bis heute fehlen. Ausländische Besucher brauchen einen Audioguide, wenn sie etwas verstehen wollen. Einige Räume der Dauerausstellung sind für Führungsgruppen unangenehm klein – sie werden, wo möglich, erweitert. Nachdenken werde man auch über die Beleuchtung und Farben, sagt Chef Florian Dierl. Wer habe gesagt, dass NS-Geschichte in mystisches Dunkel getaucht und in schwarz-weiß-rotem Design abgefasst sein müsse?

Computerspiel mit Comic-Zeichnungen

Eine Idee für so einen neuen Zugang hat er bereits. "Wir denken daran, ein ,Serious Game‘ zu entwickeln." Dabei handelt es sich um Computerspiele, die ein Faktenthema digital vermitteln – zum Beispiel als Erzählung im Comic-Stil.

Wenn in Zukunft kein Besucher mehr die Weltkriegs-Geschichte aus seiner Familie kennt, empfindet Dierl das nicht als Verlust. "Ich sehe das als einen Vorteil, wenn die Emotionalität fehlt. Das ermöglicht einen nüchterneren Zugang, weil gewisse Denkschranken wegfallen."

Mit der Erneuerung des Dokumentationszentrums wirbt die Stadt Nürnberg auch in ihrer Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Es werde als "politischer Lernort" sogar noch wichtiger, prophezeit Siegfried Zelnhefer. "Dieser Ort gibt über die historische Ausstellung hinaus Anlass, die Geschichte in Bezug zu unserer Gegenwart zu setzen." Themen wie Rassismus, Verfolgung von Minderheiten und Totalitarismus im 21. Jahrhundert zu ergründen, dieses Ziel rücke mit dem Abschied von der Erlebnisgeneration weiter in den Vordergrund. "Nürnberg wird hier für das Weltgedächtnis möglicherweise bedeutender, je länger die Geschichte zurückliegt."

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