Drogenszene: Königstorpassage zieht auch Geflüchtete an

16.11.2016, 08:00 Uhr
Die Königstorpassage bleibt ein Brennpunkt für die Nürnberger Polizei - auch weil sich hier ein Teil der Drogenszene trifft.

Die Königstorpassage bleibt ein Brennpunkt für die Nürnberger Polizei - auch weil sich hier ein Teil der Drogenszene trifft. © Roland Fengler

Kerstin Brauer von der Drogenhilfe Mudra spricht fließend Arabisch. Seit August ist sie mit einer Russisch sprechenden Kollegin in der Szene unterwegs, vor allem am Hauptbahnhof. Sie haben Flyer dabei, die Geflüchtete in ihren Muttersprachen darüber informieren, dass sie bei der Mudra kostenlos und im geschützten Rahmen beraten werden.

"Aber es dauert, bis das Vertrauen wächst", sagt Brauer. Acht Stunden pro Woche für die zusätzliche Aufgabe seien zu wenig. Das sieht auch der städtische Flüchtlingsbeauftragte Christian Mätzler so. "Vor allem müssen wir schnell einen Kollegen auf die Szene kriegen, der die persische Sprache beherrscht", sagt er. 2016 seien besonders viele Geflüchtete aus dem Iran in Nürnberg angekommen. Mätzler hat schon jemanden im Kopf und mit 50.000 Euro, die noch im Topf der Fachstelle für Flüchtlinge übrig sind, kann er die zusätzliche Kraft sogar bezahlen.

Mätzler und Mudra-Geschäftsführer Bertram Wehner werden noch in dieser Woche besprechen, wie es mit der Flüchtlingsarbeit weitergeht. Dass die Hilfen für drogensüchtige Geflüchtete ausgebaut werden müssen, war auch die einhellige Meinung bei der dreitägigen Fachtagung "ÜberLEBEN in Drogenszenen", die noch bis Mittwoch im Z-Bau stattfindet.

Organisiert von der Mudra, dem Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit Nürnberg (Iska) und dem städtischen Drogenbeauftragten treffen sich in dem Kulturzentrum Fachleute aus dem Bundesgebiet. Geflüchtete und Drogen waren ein Thema.

Heroinspritzen in der Spülmaschine

Brauer und ihre Russisch sprechende Kollegin — in Nürnberg leben viele Menschen aus den GUS-Staaten — machen nicht nur Streetwork. Sie gehen seit August auch in Gemeinschaftsunterkünfte, wenn es Drogenprobleme gibt. Verständigt werden sie von den dortigen Sozialberatern. 83 der insgesamt 182 Gemeinschaftsunterkünfte betreut die Arbeiter-Wohlfahrt. "Wir stehen bei der Drogenproblematik ganz am Anfang", gab Herwig Emmert vom Awo-Kreisverband Nürnberg bei der Tagung zu.

Emmert schildert Beispiele aus Nürnberger Unterkünften, in denen Drogen kursieren. In einer kleinen Einrichtung seien zwei Iraner stark drogenabhängig gewesen. "Sie wuschen die Heroinspritzen in der Spülmaschine, ließen sie im Bad liegen", erzählt Emmert. In der Unterkunft wohnen auch Kinder, der Zustand war untragbar. Mitbewohner beklagten sich bei den Sozialberatern der Awo. "Sie erzählten, dass Junkies vom Hauptbahnhof ins Haus kamen und Sachen klauten."

Die Süchtigen wollten sich nicht von der Mudra helfen lassen. "Erst Monate später schafften wir es, sie in eine größere Unterkunft zu verlegen", bedauert Emmert.

Insgesamt betrachtet ist die Zahl der Geflüchteten, von denen man bei der Mudra weiß, dass sie süchtig sind, gering. Brauer spricht von 60 Abhängigen bei derzeit insgesamt über 8400 Menschen im Asylverfahren. In einer Unterkunft beriet sie Mütter und Töchter von iranischen Flüchtlingen, die Kräutermischungen, Hasch und Legal Highs konsumieren. "Sie wünschen sich eine Substitutionsbehandlung für die Männer."

Doch in Nürnberg gibt es nicht einen einzigen Substitutionsplatz für Geflüchtete. "Alle Substitutionsärzte weigern sich, Süchtige zu versorgen, die kein Deutsch sprechen", sagt Brauer. Das sei ein Nürnberger Problem, in anderen Städten seien Praxen kooperativer. "Die Nürnberger Ärzte haben Angst vor Sanktionen, wenn es wegen sprachlicher Missverständnisse Komplikationen gibt."

Doch das ist nicht das einzige Problem bei der medizinischen Betreuung: Flüchtlinge warten zwischen vier bis sechs Monate auf eine Entgiftung. "Wenn sie gerade erst damit begonnen haben, Drogen zu nehmen, rutschen sie in dieser Zeit so tief in die Sucht, dass nach der Entgiftung eine Therapie nötig ist", erklärt Brauer.

Die psychologische Abhängigkeit von den Drogen und die Suchtursachen müssten dann behandelt werden. Doch laut Asylbewerberleistungsgesetz steht Flüchtlingen, die noch nicht anerkannt sind, keine Therapie zu. "Sucht gilt als chronische Krankheit, gezahlt werden aber nur Arztkosten für akute Beschwerden."

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