Eine Gartenstadt, die längst Schaden genommen hat

12.8.2018, 19:56 Uhr

© Edgar Pfrogner

Wie berichtet, hat hier das genossenschaftliche Wohnungsbauunternehmen Nürnberg-Ost die ersten sechs Reihenhäuser aus den 1920er Jahren niedergerissen. Weitere sollen folgen und langfristig 120 neue Mietwohnungen entstehen. Unvermeidlich sei das, zu teuer die Renovierung. Eine Debatte, die unter dem Druck des akuten Wohnungsmangels in der Stadt geführt wird, kommt unweigerlich zu dieser eindimensionalen Diagnose.

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Daran, das geschlossene Quartier im Nürnberger Osten unter Ensemble- oder gar Denkmalschutz zu stellen, hat niemand ernsthaft gedacht. Ein heute unbegreifliches Versäumnis, das sich jetzt rächt. Zu viel sei im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1950er Jahren wieder aufgebaut worden, hieß es.

Das mag sein. Aber wer von der breiten Waldluststraße abbiegt, das mehr als fußballfeldgroße Abrissareal rechts liegen lässt und in die alte Siedlung eintaucht, nimmt das so nicht wahr. Die Grundlinien der Häuserzeilen, der einheitliche Rhythmus begrünter Eingänge, weiß eingefasster Fenster, der Vortreppen und identischen Fassaden sowie das üppige Grün machen die Eigenart der Siedlung spürbar. Etwas Spitzweghaftes ist nicht zu leugnen.

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Wie viel bereits dahin ist, eröffnet der zweite Blick auf die teilweise stark sanierungsbedürftigen Häuser. Besonders gravierend: Ihre unterteilten Fenster glotzen leer und tot in die Welt; die filigranen sechsteiligen Sprossenfenster, die sie einst gliederten, sind schon lange gegen angeblich moderne und praktischere Fenster ausgetauscht worden. Die Genossenschaft habe das in den 1980er Jahren so verordnet, berichten Zeitzeugen. Auf viel Widerstand wird sie nicht gestoßen sein, das war der Trend, das ist er nach wie vor. Wir leben im Zeitalter der Kunststofffenster.

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Fort sind auch die meisten Gartenstadt-typischen hölzernen Lattenzäune um die großen Grundstücke. Nur an einigen wenigen Stellen finden sich noch Restbestände. Die schönen alten Haustüren, die auf historischen Fotografien zu erkennen sind, wurden längst durch handelsübliche Konfektionsware ersetzt. Ein Jammer. Dass manche Bewohner der ewig schmutzenden Natur den Krieg erklärt und ihren Vorgarten mit weißem Baumarkt-Kies zugeschüttet haben, ist der Gipfel der Verschandelung. Aber auch das: ein Trend, nicht nur am Heimgartenweg.

Dass die Genossenschaft am südlichen Ende des Areals begonnen hat, Häuser an privat zu verkaufen, wird die ursprüngliche Einheitlichkeit wohl weiter ins Wanken bringen. Erste gewagte Farbexperimente sind dort schon zu sehen, und wenn umfassend energetisch saniert wird, könnte weiterer Schaden drohen.

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Auch wenn die heimelige Heimgarten-Siedlung architektonisch schon aus den Fugen geraten und baurechtlich völlig ungeschützt ist, verdient sie doch etwas anderes als den Abriss. Sorgfalt zum Beispiel, und eine schonende Modernisierung.

 

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