Freude für alle - Fall 18: Anstehen für eine Tüte voller Essen

Irini Paul
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4.12.2020, 05:55 Uhr
Obdachlosenfrühstück to go: Im Haus eckstein an der Burgstraße lassen Helfer an jedem Freitag Körbe mit Lebensmitteltüten herab.

© Stefan Hippel Obdachlosenfrühstück to go: Im Haus eckstein an der Burgstraße lassen Helfer an jedem Freitag Körbe mit Lebensmitteltüten herab.

Er war heute einer der ersten - wie immer eigentlich. Also steht Fritz M. (alle Namen der Betroffenen geändert) auch an diesem Freitag bereits seit kurz nach sieben als einer der ersten unter den beiden geschlossenen Fenstern. Er weiß, dass die sich erst um zehn öffnen werden. Er kommt dennoch immer schon Stunden früher. „Man weiß ja nicht, wie viele heute was wollen“, sagt der 60-Jährige. Auch Diakonin Ute Kollewe weiß es nicht – nur, dass es immer mehr werden, die für eine Tüte mit Frühstück zum Teil stundenlang in der langen Schlange stehen.

Die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie treffen auch das Obdachlosenfrühstück, dass die Nürnberger Kirchengemeinden St. Sebald, St. Martha, St. Egidien, Unsere Liebe Frau und St. Elisabeth bereits seit 30 Jahren organisieren. Doch statt wie üblich sich Sonntagmorgen im Gemeinderaum ein Brötchen schmieren zu können, bekommen die Bedürftigen nun ein „Frühstück to go“ auf der Straße.

Ein Rettungsanker

Für die Betroffenen, wie Fritz M. bleibt es dennoch ein Rettungsanker. „Mit der kleinen Rente und der Grundsicherung habe ich noch etwa 70 bis 80 Euro zum Leben übrig. Das reicht halt nicht“, sagt er. Wie ihm geht es allen hier – auch wenn jeder ein anderes Schicksal mit sich herumschleppt.

Da ist zum Beispiel Peter K., der an diesem Morgen etwas abseits von der Schlange steht, so, als würde er nicht zu den Wartenden gehören. Seit Jahren lebt er in einem Zelt irgendwo an der Pegnitz. Was er noch besitzt, steckt in seinem kleinen blauen Rucksack. Manchmal darf er seine Habseligkeiten bei Ute Kollewe ins Büro stellen, damit er nicht den ganzen Tag damit unterwegs sein muss. Die Diakonin kennt ihn seit Jahren und weiß dennoch kaum etwas über ihn. „Wir stellen keine Fragen. Aber wenn jemand reden möchte, dann sind wir da.“

Jeder ist willkommen

Hier ist jeder willkommen, was man auch an den Herzchen sieht, die die ehrenamtlichen Helfer um die Abstandsmarkierung auf dem Boden gemalt haben. „Es geht auch um Wertschätzung“, sagt Ute Kallewe. Das sei umso wichtiger, da bei den meisten die Scham groß ist. Peter K. ist sie ins blasse Gesicht geschrieben. Während andere bereits auf der Straße zu essen beginnen, steckt er rasch die braune Tüte in seinen Rucksack, nachdem er am Fenster an die Reihe gekommen war.

Der Obdachlose, der etwa Mitte 50 Jahre alt ist, ist ist ein extremes Beispiel für Armut. Doch die Not trifft längst auch Alleinerziehende, Senioren oder Geringverdiener. „Durch Corona haben wir inzwischen auch Studenten, die ihre Jobs der Gastronomie verloren haben oder Kleinstunternehmer“, sagt Ute Kollewe. Als sie vor 17 Jahren die Organisation übernahm, waren es vor allem obdachlose Männer, die sich satt essen wollten. Heute sind alle Schichten vertreten – Junge, Alte, Männer, Frauen und immer häufiger Kinder.

Um dem Ansturm gerecht zu werden, stehen die Ehrenamtlichen auch an diesem Tag schon seit dem frühen Morgen im ersten Stock des Haus Eckstein und bepacken die Tüten mit Brot, Bierschinken, Käse und Marmelade. Auch ein Stück Obst und Gemüse landet in jeder Tasche - und eine kleine Pfandflasche mit Mineralwasser. „So bekommen die Menschen auch Geld in die Hand, auch wenn es nur 25 Cent sind“, sagt Ute Kollewe. „Als wir im April mit dem to-go-Frühstück angefangen haben, brauchte ich pro Frühstück 1000 Euro, heute ist es bereits das Doppelte“, sagt Ute Kollewe, die auch die Waren einkauft.

200 Tüten

An diesem Morgen haben die ehrenamtlichen Helfer um neun Uhr bereits 200 Tüten gepackt – auch wenn Ute Kollewe fest damit rechnet, dass sie später nochmal nachlegen müssen. Eine Woche zuvor waren es mehr als 320 Tüten innerhalb von nur zwei Stunden gewesen. Und Ute Kollewe weiß, dass sich viele Betroffene den Inhalt auf mehrere Tage aufteilen, um länger etwas davon zu haben.

Doch mit Tee und Kaffee, den die Helfer ebenfalls in der Kälte ausgeben, und mit den Papiertüten mit den Lebensmitteln ist es auch an diesem Morgen nicht getan: Hier ist der Obdachlose, dem Ute Kollewe einen gebrauchten Koffer für seine Habseligkeiten besorgt hat, dort sind es die Inkontinenzeinlagen, die sie für die ältere Dame gekauft hat, da die dafür kein Geld hat. „Wo wir helfen können, versuchen wir es“, sagt die Diakonin.

Auch für Hunde und Katzen hat sie heute Kaustangen dabei. „Früher haben wir immer nur Nassfutter ausgegeben“, sagt sie. Doch nachdem sie mitbekommen hat, dass manche Bedürftige die Tiernahrung selbst essen, gibt sie es erst dann aus, wenn die Kaustangen vergriffen sind.

Da die Gemeinden für ihr Obdachlosenfrühstück auf zusätzliche Gelder angewiesen sind, um die steigende Nachfrage bewältigen zu können, bitten wir heute im Fall Nummer 18 dafür um Spenden.

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