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„Ich soll öfter freundlich sein“

Statt Zwischenzeugnis gibt es Gespräche zwischen Schülern und Lehrern - 17.02.2016 20:17 Uhr

Lehrerin Heike Binder (rechts) spricht mit dem achtjährigen Felix in Anwesenheit seiner Eltern, wie das Halbjahr schulisch gelaufen ist.

© Foto: Stefan Hippel


Bevor es losgeht, darf sich der achtjährige Felix von der Eibacher Grundschule Fürreuthweg erst mal aus der Gummibärchen-Schachtel bedienen. Der Plüsch-Dino sitzt auf dem Tisch. Die Stimmung soll locker sein, keine angespannte Prüfungsatmosphäre.

Dann arbeitet Lehrerin Heike Binder einen umfangreichen Fragenkatalog mit dem Buben ab, den er zu Hause ausgefüllt hat: „Du zeigst dich höflich, hilfst anderen und wartest, bis du aufgerufen wirst“, liest die Pädagogin vor. Es geht, neben dem sozialen Verhalten, um Mitarbeit, um Sprechen und Zuhören, um den Lernstoff in Heimat- und Sachkunde, Deutsch und Mathematik und um vieles andere mehr.

Die Pädagogin hatte den Bogen zuvor ebenfalls ausgefüllt. Nun vergleicht man Übereinstimmungen und Unterschiede bei den Einschätzungen. Gut 20 Minuten nimmt sich die Lehrerin Zeit, um die einzelnen Punkte mit dem Jungen und seinen Eltern durchzusprechen — wobei sich die Erziehungsberechtigten aufs Zuhören beschränken sollen. Am Schluss steht eine Vereinbarung zwischen Schüler und Lehrerin: „Ich soll nicht mehr so oft reinrufen“, sagt Felix, „und ich soll freundlich sein.“ Letzteres fällt ihm sicher nicht schwer, denn er ist ein hellwacher, fröhlicher Bub.

Intensiver Einblick

„Wir finden das gut. Denn wir bekommen einen intensiven Einblick, wie die Lehrerin und unser Kind miteinander umgehen“, sagen Anja und Frank Hemmeter übereinstimmend, „da ist man näher dran, als wenn man nur ein Zeugnis bekommen würde.“ Anders als bei den Bemerkungen im Zeugnis, kann man im Gespräch sofort nachhaken, falls man etwas nicht versteht. Gerade bei Familien mit Migrationshintergrund — an der Eibacher Grundschule sind es deutlich über 30 Prozent — ist das oft hilfreich.

Die Eibacher Klassen gehörten vor drei Jahren zu den ersten Grundschulen in Nürnberg, die „Lernentwicklungsgespräche“ eingeführt haben. Laut Staatlichem Schulamt verbreitet sich diese pädagogische Methode, die vom Kultusministerium für die ersten drei Klassen zugelassen ist, immer mehr. „Das Echo in der Lehrerschaft ist sehr positiv“, meint Schulamts-Leiter Stefan Kuen und schränkt ein: „meistens zumindest“. Er sieht den Wert des Gesprächs darin, dass sich das Kind selbst einzuschätzen lernt.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Vorbereitung, Gespräche und Auswertung — das kostet alles Zeit und viel Arbeit. Lässt sich dies so ganz nebenbei in den Schulalltag integrieren? Bei der Grundschule Insel Schütt verteilt man noch Zwischenzeugnisse. Die Bemerkungen könne man detailliert auf das Kind abstimmen, sagt Schulleiterin Andrea Zweifel: „Alles Wichtige kann ich reinschreiben.“ Außerdem wünschten viele Eltern ein Dokument. Übrigens: Am Schuljahresende erhalten dann alle Schüler wie bisher ein Zeugnis.

„Wir haben Bedenken organisatorischer Art. Wir müssen eine Unmenge von Terminen vereinbaren und auch Dolmetscher dabei haben“, sagt Schulleiter Markus Schmeiser von der Grundschule Knauerstraße in Gostenhof, deren Schüler zu knapp 80 Prozent ausländische Eltern haben. Trotzdem hat sich das Gostenhofer Kollegium zu einem Probelauf in den zweiten Klassen entschlossen. Auch weil es eine Chance ist, jene Eltern zu erreichen, die sonst nie in die Sprechstunde kommen — denn das „Lernentwicklungsgespräch“ ist verpflichtend.

Dass der Aufwand sehr hoch ist, räumt Heike Binder von der Eibacher Grundschule unumwunden ein. Am kompliziertesten sei, die Termine mit den Eltern zu koordinieren. Auch an Samstagen habe sie daher Gespräche geführt. Einen Trost hat sie für ihre Kollegen: „Beim ersten Mal ist es am schwersten. Danach geht es schon besser und effektiver.“

HARTMUT VOIGT

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