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Ihr afrikanisches Ich

Michaela Schraudt ist EhrenWert-Preisträgerin im April - 02.06.2020 12:00 Uhr

Michaela Schraudt und Schulkinder in Uganda. Durch den Bau von vier Schulen hat sie bereits die Bildungsmöglichkeiten vieler Kinder verbessert. © privat


Da ist das eher schüchterne Mädchen aus Helmstadt im Landkreis Würzburg, das in dem Dorf mit 2700 Einwohnern behütet aufwächst. Auch als sie nach Erlangen und Bremen umzieht, um Gesundheitswissenschaften zu studieren, behält sie sich ihre zurückhaltende Art. Ein bisschen "musste ich immer angestupst werden".

Und da ist die Michaela Schraudt, die nach Uganda geht – um dort ein Praktikum in einem Gesundheitszentrum zu machen – und bleibt. So lange, bis in einem Slum in der Hauptstadt Kampala aus einer Wellblechhütte eine richtige Schule geworden ist. Auf ihre Initiative hin, mit von ihr organisierten Mitteln. Da ist sie gerade einmal 24 Jahre alt.

"Wahnsinn, was entstanden ist"

Diese Entscheidung hat Michaela Schraudts Leben verändert, sagt sie heute, mehr als zehn Jahre später. Und es hat auch sie selbst verändert. "Meine Familie und Freunde würden die Michaela dort unten gar nicht erkennen", sagt die jetzt 35-Jährige. Unterstützt aber haben sie sie, heute wie damals. Denn bei einer Schule ist es nicht geblieben. Wenn Schraudt zurückblickt, "ist es schon verrückt, wie wahnsinnig viel entstanden ist, das war so nie geplant".

Geplant ist 2008 nur eine Auslandserfahrung, aber eine richtige, nichts "Touristisches wie Südafrika". Deswegen Uganda. "Deshalb habe ich mir auch eine internationale Wohngemeinschaft gesucht", sagt Michaela Schraudt. Hier und durch die Arbeit kommt sie schnell mit Menschen vor Ort in Kontakt.


Hier finden sie alle Ehrenwert-Preisträger.


"Wir waren in den ärmeren Stadtteilen unterwegs und haben dort Aufklärungsarbeit über HIV geleistet", erinnert sie sich. Ihr Blick fällt damals auf eine Wellblechhütte, die an ein Haus lehnt. Was das ist, fragt sie. Die Antwort geht ihr ebenso durch Mark und Bein wie ein Blick in den Verschlag. 60 Kinder sitzen dort zusammengepfercht im Unterricht. Die Hütte ist eine Vorschule.

Die Wahl-Nürnbergerin kann es nicht glauben. "Es war klein, stickig." Die Bilder lassen sie nicht los, immer wieder kommt Schraudt vorbei, lernt die Schulleiterin kennen, baut Kontakte auf und überlegt mit ihrer WG, wie man helfen kann – und wie viel Geld dafür nötig ist.

Ein Jahr lang in Ostafrika

Sie schreibt an Familie und Freunde, bittet sie um Hilfe. Was sie nicht ahnt: Die erzählen auch ihren Nachbarn und Bekannten von dem Projekt. Am Ende kommen 1200 Euro zusammen, auch weil Schraudt ihren Bausparvertrag mit einbringt. "Es war einfach eine Herzenssache", sagt sie, als wäre so viel Engagement einer früher schüchternen Mittzwanzigerin das Normalste der Welt.

Am Ende ist genug Geld da, um nicht nur den Bau eines Schulgebäudes zu finanzieren, sondern sogar für eine ganze Menge Bücher. Seitdem sind die Schule, das Land, die Menschen in Uganda ein Teil von Michaela Schraudts Leben.

"Zurück in Deutschland waren alle total begeistert, was wir dort erreicht haben – und wollten weiter helfen." Also fliegt Schraudt bald zurück nach Uganda, im Gepäck hat sie Sehnsucht und mehr Spenden. Die Schule platzt inzwischen aus allen Nähten, kann aber nicht ausgebaut werden, "das Grundstück war zu klein", Fläche in einem Slum anzuwerben, davon raten ihr viele ab. Das Geld wird für weitere Schulmaterialien benutzt.

Für jedes Kind ein Mittagessen

Glückliche Kinder in der Vor- und Grundschule Kaitisya - dank Michaela Schraudt. © privat


Ein Jahr verbringt Schraudt nach dem Ende ihres Studiums in Ostafrika, sie findet dort die Liebe – und ein neues Projekt. Mit ihrem heutigen Mann Tadeo Papaye reist sie durchs Land und besucht einen Ort nahe dessen Heimat: Namirembe. Dort gibt es nicht einmal eine Wellblechhütte – sondern gar keine Vorschule.

Bis Michaela Schraudt das ändert. Sie kauft ein Grundstück und baut die "Namirembe Nursery School", in die heute 300 Schüler gehen. Dort gibt es neben Lehrern auch Köchinnen, damit die Kinder warmes Mittagessen bekommen. Die Schulgebühr ist für die Familien bezahlbar. "Das war wichtig, damit das Projekt nachhaltig ist."

Längst ist der erste Bau um neue Häuser erweitert. Immer mehr Schulprojekte folgen, wie in den Dörfern Kagali und Kaitysia, die mit der Zeit wachsen. Genau wie die Schüler. Um die jungen Menschen weiter zu begleiten, bauen sie eine Highschool und ein Studentenwohnheim. Durch all das lernt Schraudt das Land immer besser kennen. Drei Monate lebt sie in einer Lehmhütte mit Grasdach, ohne Strom und Wasser. "Ich wollte den Bau beaufsichtigen und den Kontakt zu den Dorfbewohnern halten", sagt sie. "Heute fühlt es sich an, als wäre Uganda gar nicht weit weg, sondern nebenan."

Um die Schule wächst ein Ort

Weil Schraudts Engagement immer größer geworden ist, schließt sie sich 2010 dem Verein Neia an, "ich musste einen offiziellen Rahmen finden". Der Verein dient als Plattform und unterstützt etwa mit Spendenquittungen. Schraudt kümmert sich um den Internetauftritt und hilft so auch von zu Hause – 6000 Kilometer entfernt.

Die viele Arbeit ist schnell vergessen, wenn sie Briefe und Fotos aus ihrer zweiten Heimat kriegt oder Uganda besucht. "Die Dörfer haben sich total verändert, rund um die Schule sind Geschäfte entstanden, das ist unglaublich", sagt die Deutsche. Zu verdanken ist das ihrem zweiten, afrikanischen Ich.

Info: Spenden: Neia e.V., VR Bank Dormagen, IBAN: DE61 3056 0548 4610 9100 12, Infos unter neia-ev.org

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