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Im Wahn verstrickt

Gericht schickt gewalttätigen Ehemann in Psychiatrie - 09.08.2006 14:57 Uhr

 Schmerzliches Ende einer langen Ehe. Mann und Frau sitzen im Gerichtssaal seitlich voneinander. Sie - auf dem Opferstuhl - kann ihn anschauen. Er - auf der Anklagebank - muss sich umdrehen, wenn er sie sehen will. Immer wieder tut er das. Er sucht den Blick der schönen, schmalen Frau mit den beeindruckenden Augen. Doch der Mann ist nicht mehr der, den sie seit Ende der 70er Jahre geliebt hat. Die Krankheit hat ihn verändert. Er lebt in seiner eigenen Welt. Die anderen Menschen sind »Teil seines Wahnsystems«, wie Psychiater Klaus Leipziger beschreibt.
Selbstbewusst tritt der 49-Jährige zu Prozessbeginn auf. Er baut sich vor den Zuschauern im vollen Saal auf und sagt laut: »Ich begrüße euch. Danke schön, dass ihr hier seid.« Dieses Selbstbewusstsein verlässt ihn den ganzen Verhandlungstag nicht. Doch immer mehr wird klar: Es ist eher Sturheit. Er verweigert sich der Realität.
»Ich habe ihn wegen seiner Krankheit verlassen, und durch die Trennung ist die Krankheit noch stärker geworden«, sagt seine Frau. Sie arbeitet bei einer Bank. Er handelte mit Luxusautos, Motorrädern und Reifen. Irgendwann begann er zu glauben, seine Frau stehe im Mittelpunkt eines Bankenskandals. Sie helfe, Schwarzgeld in die Schweiz zu schleusen. Er schottetet sich mehr und mehr von der Außenwelt ab, unterstellte immer mehr Menschen, in den Skandal verwickelt zu sein.
Im August 2001 ging er auf seine Frau los. Er traktierte sie mit Fäusten, biss sie in den Arm, so dass eine Narbe blieb, würgte sie, bis sie bewusstlos war. Als sie am Boden lag, trat er sie. Vier Monate später ertrug sie seinen Wahn nicht mehr. Sie zog aus. Sie kam noch einmal in das gemeinsame Haus zurück, um Sachen zu holen. Und traf auf ihren Mann, der sie angriff und sie eineinhalb Stunden einsperrte.

Kontrolle und Verweigerung

»Ab da war sein Weg nicht mehr meiner«, sagt die Frau. Doch er folgte ihr, kontrollierte sie, stellte ihren Verwandten nach. Da wusste sie sich nicht mehr zu helfen. Sie zeigte ihn an. Er versteckte sich, verweigerte sich den Anwälten, die ihm helfen wollten, verweigerte sich dem Psychiater, der ihn begutachten sollte. Als sie sich scheiden ließ, zerstach er den Anwälten die Autoreifen. 59 Reifen waren es gar auf dem Gelände einer Firma, die der Frau einen Pkw geliehen hatte. Andererseits engagierte er sich im Kampf gegen den Irakkrieg.
Im Februar 2006 landete er in der Psychiatrie. »Keinerlei Krankheitseinsicht,« bescheinigt ihm Gutachter Leipziger. Behandelt wurde der 49-Jährige bisher nicht. Auch das verweigert er, weil er sich für gesund hält. Das Gericht schickt ihn auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie. »Wenn Sie so weitermachen, kommen Sie nie wieder heraus«, prophezeit Richter Brixner. »Der Einzige, der helfen kann, sind Sie selbst - indem Sie eine Behandlung annehmen.« 

GUDRUN BAYER

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