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Integrationskurse: Lehrer werden mies bezahlt

Riesiges Verlustgeschäft für frustrierte Anbieter - 09.04.2010

Junge Migranten und Migrantinnen lernen Deutsch in einem Integrationskurs. Bundesweit werden 40 Prozent der Teilnehmer zu dieser Art Sprach- und Kulturunterricht verpflichtet. © dpa


Vaniza hat schnell begriffen, dass Deutsch für sie lebenswichtig ist. Denn Deutsch braucht die Philippina nicht nur, um Kartoffeln, Orangensaft oder Drei im Weggla zu kaufen. Deutsch braucht sie auch, um den Arzt zu verstehen, der ihre Kinder behandelt. »Sonst könnte ich viel falsch machen und meinen Kindern schaden», weiß sie.

»Weil Mama muss!»

Seit einem Jahr besucht die 31-Jährige deshalb an der Veit-Stoß-Realschule den Kurs »Eltern lernen Deutsch an Schulen» des Pädagogischen Instituts der Stadt. In 900 Stunden sollen sie und ihre neun Mitstreiterinnen aus Russland, Kasachstan, der Türkei und der Demokratischen Republik Kongo lernen, sich im Alltag zurechtzufinden. Und ihre Kinder zu verstehen. »Die sprechen Deutsch, die können kein Filipino», sagt Vaniza.

Sie lernt die Sprache, weil sie auf Elternabenden alles verstehen will, bei Treffen nicht nur scheu dasitzen möchte und ihr Pharmazie-Studium auf den Philippinen nicht ganz umsonst gewesen sein soll. Oder in ihrer eigenen Kurzfassung: »Weil Mama muss!»

Nürnberg setzt auf Freiwilligkeit

Knapp 40 Prozent der Kursteilnehmer werden dazu verpflichtet. Auch Ausländer, die schon seit Jahrzehnten im Land sind, könnten theoretisch gezwungen werden. Die Stadt Nürnberg hat sich aber anders entschieden. »Anders als etwa Schwabach setzt man hier auf Freiwilligkeit», sagt Detlef Duschek. Er ist als Bamf-Regionalkoordinator für Nürnberg, Schwabach und den Landkreis Roth zuständig und kennt auch die Folgen des Nürnberger Ansatzes: »Es gibt viele Türken, Griechen oder Italiener, die seit Jahrzehnten hier sind, aber kaum Deutsch sprechen.»

Vor allem an die Berufstätigen komme man kaum heran. Ihnen fehle schlicht die Zeit für einen Integrationskurs. Aber auch ohne Zeitmangel gibt es Widerstände. »In der AEG-Auffanggesellschaft hatten wir 200 sogenannte Nullsprachler, die wir ausführlich über das Angebot informiert haben», erzählt Duschek. Am Ende kam nur ein einziger Kurs zustande.

Mit den Sprachkenntnissen wächst auch das Selbstbewusstsein

»Man hilft den Ausländern nicht, wenn man sie zu Hause lässt. Da werden sie nur depressiv», meint Hartmut Schneider. Er ist Geschäftsführer der Akademie für Informatik (AFI), dem größten von 20 Anbietern von Integrationskursen in Nürnberg. 22 Kurse laufen derzeit in der Schule, die Schneider vor 20 Jahren selbst aufgebaut hat. »Ich kämpfe für meine Ausländer», sagt er, »aber man muss mehr von ihnen fordern.»

Sofia jedenfalls muss keiner mehr auffordern. Die Polin sitzt im Deutschkurs neben Vaniza und trägt ihren persönlichen Grund, die Sprache zu lernen, immer bei sich: Sie ist schwanger. »Mein Kind soll Polnisch und Deutsch lernen», wünscht sich die 27-Jährige.

Seit drei Jahren ist sie nun im Land. Bewerbungen hat sie noch nicht geschrieben. »Mein Deutsch war einfach zu schlecht», meint sie. Nach 450 Unterrichtsstunden ist mit ihren Sprachkenntnissen auch ihr Selbstbewusstsein gewachsen. »Ich würde mir wünschen, dass mehr Ausländer von dieser Chance wüssten», sagt sie.

Es brodelt

Doch im System brodelt es gewaltig. Lehrerinnen laufen Sturm, weil sie sich völlig unterbezahlt fühlen, Bamf und Träger schieben den Schwarzen Peter hin und her. »Wir haben keinen direkten Einfluss auf die Bezahlung», sagt Regionalkoordinator Duschek. »Wir bezahlen nicht die Lehrer, sondern die Träger.» Jede Organisation bekomme 2,35 Euro pro Teilnehmer und Stunde, mehr Geld steuere der Bund nicht bei. Das müsse für eine Bezahlung von mindestens 15 Euro pro Stunde reichen.

Das sei völlig unmöglich, empören sich die Vertreter der Träger. Weil Raummieten, Personal und die geforderten kleinen Kurse viel Geld verschlängen, könnten sie ihre Lehrer nur als Honorkräfte anstellen, meist für zehn bis 15 Euro in der Stunde, manchmal sogar für acht. Nur mehr Geld vom Bamf würde hier helfen.

Kaum ein Lehrer kann von seiner Tätigkeit leben

Weil kein Lehrer viel mehr als 30 Stunden die Woche unterrichten kann, könne kaum einer ihrer Kollegen davon leben, berichtet Karin Muttersbach-Einsiedler. Sie unterrichtet Vaniza und Sofia. Das Pädagogische Institut als städtische Einrichtung kann 21 bis 23 Euro in der Stunde zahlen. »Wenn ich anderswo angefangen hätte, hätte ich meine Wohnung aufgeben müssen», erzählt sie.

»Unter diesen Umständen kann man eigentlich keine Lehrer mehr fest anstellen», sagt Schneider. Er zahlt 14 Euro in der Stunde, hat dafür aber immerhin die Hälfte seiner Lehrkräfte fest und unbefristet angestellt. »Vor drei Jahren waren es noch 100 Prozent», klagt er verbittert.

»Da wird viel Geld zum Fenster rausgeschmissen»

Er bekomme viel zu wenig Geld vom Bundesamt. Und viel zu spät. »Mittlerweile müssen wir oft länger als 30 Tage warten», sagt er. Ein Minus in sechsstelliger Höhe sei die Folge. Das Bamf habe 2009 bereits im Oktober kein Geld mehr gehabt. Schneider befürchtet, dass es 2010 schon im August eng werden könnte.

Andere Träger hielten sich mit winzigen Zimmern, Niedriglöhnen und unqualifizierten Lehrkräften über Wasser, er dagegen biete sogar eine Kinderbetreuung an, obwohl das Bamf ihm dafür nur 10,30 Euro pro Stunde zahlt.

Den Grund für die Finanzmisere beim Bundesamt glaubt er auch zu kennen: »Da wird viel Geld zum Fenster rausgeschmissen», sagt er. Für Fahrtkosten etwa, die im Jahr 2008 immerhin 75 000 Teilnehmer erstattet bekamen. Oder für eine falsch aufgezogene Migrationsberatung.

Enorme Anforderungen

»Es wird auf unzumutbare Weise gespart», sagt auch Gabriele Pommerin-Götze, Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie bildet die zukünftigen Lehrer für Integrationskurse aus und weiß, dass sich ihre qualifiziertesten Studenten meist für besser bezahlte Jobs entscheiden.

Der Lohn müsse höher werden, schließlich seien die Anforderungen an die Lehrkräfte enorm, meint Pommerin-Götze. Sie müssten extrem unterschiedliche Gruppen unterrichten, Frustrationstoleranz, Empathie und Konfliktfähigkeit zeigen sowie die Herkunftsländer und Sprachen der Migranten kennen.

Um das geforderte B1-Sprachniveau zu erreichen, wären überdies Kurse von 900 statt der üblichen 600 Unterrichtsstunden nötig. »Dann hat man die Möglichkeit, das Gelernte auch mal bei Exkursionen auszuprobieren», sagt die Professorin. Das dafür nötige Geld bräuchte man sonst für Rehabilitierungsmaßnahmen.

Die neu angebotenen Prüfungen auf dem niedrigeren A2-Niveau hält sie für kontraproduktiv: »Kein Arbeitgeber stellt so jemanden ein.» Ein solches Zertifikat zeuge von falsch verstandener Toleranz. »Davon haben die Leute nichts», ist Pommerin-Götze überzeugt.

Auch Sofia und Vaniza nicht. Sie wollen kein A2-Zertifikat, sie wollen nicht einfach irgendetwas in den Händen halten. Sie wollen ihre Kinder unterstützen. Sie wollen B1. »Weil Mama muss.» 

Martin Müller

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