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Jahrelanger Missbrauch: Zwei Jahre auf Bewährung

Rentner hatte sich an Ministrantinnen vergriffen - Opfer brechen im Gerichtssaal zusammen - 15.06.2013 07:06 Uhr

Die Verhandlungen über einen Missbrauchsfall sorgte für turbulente Szenen im Gerichtssaal. (Symbolbild) © colourbox.com


Nadja (21) und Nora (22) waren noch Kinder, als ein augenscheinlich netter älterer Mann ihr Leben für immer veränderte. Es war Walter K. (alle Namen geändert), der im Jahr 2000 gerade in den Ruhestand gegangen war, Nadjas Onkel aus einer kleinen Gemeinde im Kreis Neumarkt, verheiratet und kinderlos.

Der heute 69-jährige K. vergriff sich an den Kindern nicht nur in der heimischen Gartenlaube sowie in der Küche und im ehelichen Schlafzimmer, sogar die Sakristei wurde zum Tatort. Drei Jahre dauerte das Martyrium, insgesamt waren es am Ende sechs Fälle, darunter eine Vergewaltigung.

Jahrelang behielten die Opfer ihr dunkles Geheimnis für sich. „Er hat ihnen gedroht, wenn sie jemand was erzählen, bringt er ihre Eltern um“, sagte Noras Vater in einer Verhandlungspause. Er war mit über 20 Verwandten der jungen Frauen zum Prozess gekommen.

Und so wusste Nadja lange nicht, was Nora widerfahren war und umgekehrt. Doch dann wurde Nora krank. Die gelernte Krankenschwester bekam Anfälle, klappte immer wieder bewusstlos zusammen. Erst in einer psychosomatischen Klinik wurde die Ursache gefunden. „Als sie mit ihrer Freundin Nadja darüber sprach, sagte sie nur: „Du auch?“ Beide gingen zum Weißen Ring, um sich Rat zu holen. Wenig später erstatteten sie Anzeige.

Als Walter K. im Februar 2012 vernommen wird, leugnet er anfangs, wie es ein als Zeuge geladener Beamter der Kripo Regensburg schildert. Doch nach und nach gesteht er sechs Fälle. Nachdem seine Taten bekanntwerden, gibt es Farbbeutelanschläge auf sein Haus. Walter K. verkauft es und verlässt mit seiner Frau die Gemeinde in der Oberpfalz.

Häufige Zusammenbrüche

Während Nadja die brutalen Übergriffe scheinbar gut überstanden hat, musste Nora inzwischen ihren Beruf aufgeben. Sie arbeitet in einer Behindertenwerkstatt, Klinikaufenthalte sind an der Tagesordnung.

Während Nora an diesem Vormittag zum dritten Mal ohnmächtig von einem eigens mitgebrachten Sanitäter vor dem Saal behandelt werden muss, schildert ihr Freund ihr Leiden: „Sie hat Panikattacken in dunklen und engen Räumen.“ Nähe könne sie teilweise gar nicht zulassen. Gerade jetzt vor dem Prozess hätte sich die Zahl der Zusammenbrüche gehäuft, Nora sei dann zwischen zwei Minuten und drei Stunden völlig weggetreten.

Walter K. hört sich alles mit gesenktem Kopf an. Seine Frau, die ebenfalls im Saal sitzt, verzieht keine Miene, als er noch mal betont, wie sehr ihm alles leid tue. Wenig später soll das Urteil verkündet werden. In dem Moment, in dem Nadja das Wort Bewährung aus dem Mund der Richterin hört, klappt sie weinend zusammen. Nur wenige Augenblicke später verdreht auch Nora die Augen. Zum vierten Mal an diesem Tag sackt sie bewusstlos zusammen.

Die meisten der Zuhörer sind aufgesprungen. Die Richterin muss die Urteilsverkündung unterbrechen. Zwei Jahre auf Bewährung bekommt der Rentner. Diesen Deal hatten der Staatsanwalt und der Anwalt von K. im Fall eines Geständnisses ausgehandelt. Die Richterin hielt dem Angeklagten dieses Geständnis zugute, ohne das die Aufklärung der Fälle kaum mehr möglich gewesen wäre.

„Sie haben schwere Schuld auf sich geladen“, betonte sie. Doch man könne nicht beurteilen, ob Noras schwere gesundheitlichen Probleme alle von der Tat herrührten. „Aber einen Beitrag haben Sie dazu sicher geleistet.“ Kopfschüttelnd verließen die Angehörigen den Saal: „Wenn das Gerechtigkeit sein soll, dann könnt ihr einpacken.“ 

Andrea Uhrig (NN)

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