Dienstag, 18.02.2020

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Liebe in den Zeiten des Wahnsinns

Buch-Tipp "Grünauge sieht dich" - 23.12.2019 18:12 Uhr

Die Schriftstellerin Bastienne Voss. © Foto: Picus Verlag


Sommer vorm Fenster, im Klassenzimmer Französische Revolution und auf dem Badezimmerregal den ersten roten Nagellack. Es ist der Sommer 1989. Im Herbst dieses Jahres werden Grenzen bersten, Lebensentwürfe kippen, ein Land verschwinden. Doch noch ist die Welt geordnet, von der Bastienne Voss’ großartiger Roman "Grünauge sieht dich" erzählt: Für Iris Landowski, "bald 17", für Henry Weber, 21 Jahre älter, Atomphysiker aus dem baden-württembergischen Schwenningen, und für Leo Landowski, Iris’ Vater und Stasi-Offizier.

Sehnsüchte prallen aufeinander

Drei Menschen, deren Wege sich in Greifswald kreuzen. Leo Landowski soll Henry Weber, der überraschend nach 29 Jahren von seinem eben dort lebenden Cousin eingeladen wurde, für die DDR anwerben. Seine Tochter hat Landowski mitgenommen. Sie wird Henry Weber zufällig nach dem Schwimmen förmlich vor die Füße gespült. Es sind Sehnsüchte, die hier aufeinanderprallen. Iris, jung, mit Neugier auf das Erwachsensein, und Henry Weber, verheiratet, ungewollt kinderlos, verankert in Arbeit, Reihenhaus und Rasenmähen, der darüber nachdenkt, ob man ein Ei besser köpfen oder pellen sollte. Für Iris und Henry ist es Liebe.

Und die kommt denkbar ungelegen, denn Weber ist das Stasi-Zielobjekt ihres Vaters. Iris trifft sich später mit Weber in Prag, unwissend immer im Fokus der Stasi. Es erwächst ein Gespinst aus erster Liebe, Fluchtfantasien, Erpressung und Lügen, das von der Geschichte zerrissen wird, als am 9. November die Mauer fällt.

Der Roman von Bastienne Voss ist leise und intensiv. Schnörkellos, ohne Pathos, wahrhaftig und klar gelingt es Voss, ihre Charaktere mit nur wenigen Sätzen präzise zu zeichnen.

Sie zeigt die Ausweglosigkeit, gibt dem Leser die Chance, sich zu spiegeln. Was hätte ich getan, wäre ich Henry Weber? Tochter oder Staat – wie weit geht Loyalität? Wäre ich in Prag in den Zug gen Westen gestiegen?

"Grünauge sieht dich" ist nach "Drei Irre unterm Flachdach" und "Mann für Mann" der dritte Roman von Bastienne Voss. Schon in den ersten beiden Werken beeindruckte die 51-jährige Berlinerin mit klarer Sprache, einem Blick für das Wesentliche und das Menschliche, gepaart mit feiner Ironie.

Voss ist mit "Grünauge sieht dich" ein herausragender Wende-Roman gelungen, der zeigt, dass man jeden Tag das eigene Leben hinterfragen sollte.

Bastienne Voss: "Grünauge sieht dich", Picus Verlag, 254 Seiten, 24 Euro.

Claudia Urbasek

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