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Mehr als Hokuspokus: Interview mit Thony Christie

In Franken lebender Brite rehabilitiert die oft verrufene Alchemie - 22.05.2014 18:41 Uhr

Haben Alchemisten (hier ein Blick in eine Ausstellung auf der niedersächsischen Burg Bentheim) nur wild herumexperimen­tiert? Mitnichten, sagt der Erlanger © Wissenschaftshistoriker Thony Christie. Archiv/dpa


Herr Christie, bei Alchemie denke ich an Harry Potter und allerlei andere Zauberer. Das finden Sie wahrscheinlich sehr klischeehaft, oder?

Thony Christie:
Die Klischees haben eine klitzekleine Basis. Aber sie sind meistens das Produkt des 18. und 19. Jahrhunderts, der Aufklärung. Damals meinte man, sich von allem distanzieren zu müssen, was man als okkulte Wissenschaften abstempelte, also Alchemie, Astrologie, Magie und so weiter. Damals wurden viele falsche Bilder in die Welt gesetzt, besonders was die Alchemie angeht.

Dabei sagen Sie, dass Alchemie die Mutter der modernen Chemie ist.

Christie:
Genau. Die Alchemie hat für die europäische Kulturgeschichte etwa seit dem 3. Jahrhundert nach Christus eine tragende Rolle gespielt. Aber als sich die Chemie im 18. Jahrhundert als eigene Disziplin entwickelte, wollte sie nichts wissen von ihrer etwas schmuddeligen Vergangenheit... Naturwissenschaftler haben oft wenige Kenntnisse über die Geschichte des eigenen Fachs. Und was sie wissen, sind oft nur Mythen und Anekdoten.

Man verbindet mit Alchemie vor allem etwas Magisches und die Suche nach dem Stein der Weisen, um unedle Metalle in Gold und Silber verwandeln zu können.

Christie: Magie und Alchemie sind zwei verschiedene Dinge. Das, was die Alchemisten geglaubt haben, mag für uns heute wie totaler Quatsch wirken, aber ihre Theorien waren, basierend auf dem wissenschaftlichen Kenntnisstand der damaligen Zeit, sehr wohl rational. Vieles, was wir heute für selbstverständlich halten, hat seine Wurzeln in der Alchemie.

Zum Beispiel?

Christie:
Das beste Beispiel ist die Pharmakologie. Ihr „Vater“ Paracelsus war medizinischer Alchemist. Die Theorie war ja, dass alle unedlen Metalle im Prinzip gleich sind, aber sich in verschiedenen Stadien der Perfektion befinden. Man wollte sie chemisch so bearbeiten, dass sie perfekt werden, also zu Gold und Silber, die etwa nicht rosten. Im Mittelalter kam ein Franziskaner auf die Idee, dass man auch den Menschen perfektionieren könnte. Das wollte er mit einem Wundermittel erreichen, das er Aquavit nannte, und das eigentlich destillierter Schnaps war. Er destillierte dann alles Mögliche, um das Ziel der Gesunderhaltung des Körpers zu erreichen.

...und das ewige Leben?

Christie:
Nein, das ist ein moderner Mythos. Alchemisten glaubten, dass man das Leben verlängern kann, aber nicht an die Unsterblichkeit. Um nochmal auf Paracelsus zurückzukommen: Er war ein Anhänger der alchemistischen Medizin und entwickelte sie weiter. Während seiner Lebenszeit (1493—1541, Anm. d. Red.), war er ein Aussätziger, erst nach seinem Tod wurde er der Führer einer neuen Bewegung.

Thony Christie betreibt den Wissenschaftsgeschichtsblog "Renaissance Mathematicus". © privat


Die medizinische Alchemie wurde Ende des 16. Jahrhunderts in Europa extrem populär, allerdings außerhalb der Universitäten, wo man die traditionelle griechische Medizin lehrte.

Alchemisten haben also nicht wild und sinnlos herumexperimentiert?

Christie:
Man hat die Rezepte für verschiedene chemikalische Experimente heute nachgestellt: Und vieles davon funktioniert. Die besseren Alchemisten haben früher richtige systematische Forschungsprojekte betrieben.

Was ist dabei herausgekommen?

Christie:
In der frühen Neuzeit gab es in Europa eine große Begeisterung für chinesisches Porzellan. Doch die Töpfer hierzulande wussten nicht, wie man es herstellt. Das Geheimnis entdeckte schließlich ein Alchemist in Diensten eines deutschen Adligen. Übrigens gab es auch viele weibliche Alchemisten: Königin Elizabeth I. war eine praktizierende Alchemistin. Und Maria die Jüdin (sie wirkte im 3. Jahrhundert in Alexandria, Anm. d. Redaktion) erfand bei ihren Forschungen ein Wasserbad, dessen Nachfolger die Franzosen heute noch „bain-marie“ nennen. Übrigens war auch Isaac Newton 30 Jahre lang Alchemist. Er schrieb über eine Million Wörter über Alchemie, wesentlich mehr als über Physik oder Mathematik. Heute behauptet man gerne, er habe Alchemie erst im Alter praktiziert, als er nicht mehr ganz dicht im Kopf war.

Alchemie ist ja vielleicht auch verrufen, weil sie eine Geheimwissenschaft war.

Christie:
Aber das lag daran, dass es sowas wie Patente und Urheberrecht nicht gab.

Man musste seine Entdeckungen schützen, das traf auf viele Branchen zu. Handwerker verrieten ihre Berufsgeheimnisse ja auch nicht, sie waren ihre Existenzgrundlage.

Sie zerstören gerne Mythen, auch in Ihrem Internet-Blog.

Christie:
Ja. Bis heute wird zum Beispiel behauptet, dass zu der Zeit, als Kolumbus lossegelte, alle Menschen glaubten, dass die Erde flach ist. So ein Blödsinn! Gebildete Europäer wussten seit etwa 600 vor Christus, dass die Welt eine Kugel ist. Übrigens wird auch gerne verschwiegen, dass Albrecht Dürer nicht nur Maler war, sondern dass er das erste ernsthafte Mathematik-Buch in deutscher Sprache geschrieben hat.



Vortrag im Rahmen der Ausstellung „Beziehungsalchemie“, Zentrifuge auf AEG, 24. Mai, 19.30 Uhr, Muggenhofer Straße 141
 

Interview: SUSANNE HELMER

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