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Musikalische Bildung für Kinder: Umfeld muss mitspielen

Bei Angeboten sind sowohl Eltern wie auch Schulen gefordert - 27.09.2017 21:15 Uhr

Lassen sich zwischen dem Musizieren und beispielsweise erhöhter Konzentrationsfähigkeit eindeutige Zusammenhänge herstellen?

Andreas Lehmann-Wermser: Nein, nicht in diesem Sinne, dass Musik etwas leisten würde, das keine andere Aktivität oder ein Hobby leisten könnte. Durch die Kombination von kognitiven Anforderungen, expressiven Möglichkeiten und sozialen Aktionsformen hilft Musik aber, Ausdruckspotenziale zu fördern.

Die Qualität des Unterrichts ist wohl grundlegend. Welche Rolle spielt die Fortbildung für Grundschullehrer?

Lehmann-Wermser: Die richtige pädagogische Art mit musikalischem Anspruch zu verbinden, ist entscheidend und der Bedarf an geeigneten Lehrkräften groß. Die Hochschulen kommen kaum hinterher, gut geschulte, flexible Leute hervorzubringen. Es gibt spezielle Studiengänge für elementare Musik- und Instrumental-Pädagogik, das ist sicher ein Bein des qualifizierenden Personalkörpers; das andere ist die Fortbildung für die bereits Tätigen, da sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen 20 Jahren grundlegend geändert haben.

Musizieren Sie selbst?

Lehmann-Wermser: Na klar! Ich bin Flötist, habe in Hannover studiert und spiele vor allem Kammermusik in wechselnden Besetzungen.

Sie haben 2014 die Wirkung von Mubikin evaluiert, eine Nachfolgestudie ist für das Schuljahr 2017/18 geplant. Gibt es vergleichbare Projekte in Deutschland oder sogar weltweit?

Lehmann-Wermser: Es gibt weltweit beeindruckende Projekte, die Erstaunliches bewegen, zum Beispiel das Schulsystem "El sistema" in Venezuela. Bei uns gibt es auf Landesebene in Niedersachsen "Wimadimu" –"Wir machen die Musik". Ein Projekt der Bertelsmann Stiftung heißt "Die musikalische Grundschule", es hat als Schulentwicklungs-Konzept aber eine etwas andere Stoßrichtung. "Jekitz" ist ein Programm im Ruhrgebiet, das aber erst in der Grundschule beginnt. Mubikin ist im deutschsprachigen Raum ein besonders originelles, engagiertes und ernsthaftes Programm – im Sinne eines kontinuierlichen Weges zur musikalischen Teilhabe.

Häufig wird beklagt, dass Kindern heute die Erfahrung von diszipliniertem und konzentriertem Arbeiten fehlt. Hilft hier ein Projekt wie Mubikin?

Lehmann-Wermser: Ja, denn musikalische Aktivität basiert auf ausdauerndem Lernen und darauf, sich gemeinsam auf etwas einzulassen. Ich muss mich mit anderen synchronisieren, anders geht es nicht. Und das ist in der Schule heute nicht mehr selbstverständlich. Mubikin bietet gerade bildungs- und sozialschwachen Familien eine Chance.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Lehmann-Wermser: Bisweilen muss man auch die Eltern "erziehen": Sie können die musikalische Aktivität des Kindes stark fördern, in dem sie Interesse zeigen, die Kinder zu Konzerten und zum Musikunterricht fahren und zum Üben ermutigen.

Dann kann so ein Programm mehr Wirkung entfalten. Andererseits ist es ein nachgewiesener Effekt, dass in Familien, in denen die Unterstützung nicht groß ist, gute Angebote dennoch auf sehr fruchtbaren Boden fallen.

Inwiefern?

Lehmann-Wermser: Das Kind macht etwas, das auch seine Freunde tun und das gleichzeitig Neuland für seine Eltern ist; es hat also einen eigenen Bereich.

Musikalische Bildung allein – reicht das?

Lehmann-Wermser: Sie muss eingebettet sein in eine umfassendere Struktur, die Schule muss das Programm unterstützen. Zum Beispiel, dass Kinder in der Grundschule lernen, still zu sein, wenn Mitschüler etwas vorführen.

Fragen: Anabel Schaffer

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