Nürnberger Frauenhaus: Seit 35 Jahren ein Zuhause auf Zeit

2.12.2014, 05:56 Uhr
Über 6000 Frauen haben in den vergangenen 35 Jahren im Frauenhaus Zuflucht gefunden.

Über 6000 Frauen haben in den vergangenen 35 Jahren im Frauenhaus Zuflucht gefunden. © Linke

Wer den Weg ins Frauenhaus findet, hat oft ein jahrelanges Martyrium aus psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt hinter sich. Mittlerweile ist jede zweite Frau, die an die Tür klopft, Migrantin. Zwangsverheiratete Frauen suchen Hilfe und solche, die von ihren Familien mit dem Tod bedroht werden, weil sie in deren Augen die Familienehre beschmutzt haben.

Momentan lebt zum Beispiel eine junge Inderin im Frauenhaus. Sie wurde zwangsverheiratet und in Indien von der Familie ihres Mannes als Arbeitssklavin ausgebeutet. Dann holte ihr Mann sie nach Deutschland. Dort erging es ihr nicht besser. In Indien erwartet sie die Hölle, und in Deutschland darf sie nur als Verheiratete bleiben. Eine fatale Situation. „Solche Fälle nimmt man auch nach 35 Jahren noch mit nach Hause mit“, sagt Gabriele Penzkofer-Röhrl.

Die Geschäftsführerin des Frauenhauses gehört zu den Frauen der ersten Stunde. Der Rückblick der SPD-Stadträtin auf die Anfänge des Frauenhauses, das eines der ersten seiner Art war, fällt wohlwollend aus. „Es lief optimal.“ Mussten ähnliche Initiativen in anderen Kommunen harte Kämpfe ausfechten, unterstützten die Nürnberger Stadtverwaltung und der Stadtrat die Pläne für ein Frauenhaus. Sie tun das bis heute. „Es war nie so, dass wir um unsere Existenz kämpfen mussten.“

Manche sind bis zu neun Monate dort

Die Zahlen sind beeindruckend. Seit der Gründung haben über 6000 Frauen und fast genauso viele Kinder im Frauenhaus ein Zuhause auf Zeit gefunden. Manche sind bis zu neun Monate dort, weil sie Mühe haben auf dem angespannten Wohnungsmarkt eine eigene Bleibe zu finden. Die Folge: Meistens sind alle Plätze im Frauenhaus belegt.

Dann müssen Frauen, sofern sie nicht auf andere Frauenhäuser ausweichen können, schon mal wochenlang auf ein Zimmer warten. Wobei die „Überweisung“ an andere Frauenhäuser gar nicht so einfach ist, weil sich die Frauenhäuser unterschiedlich finanzieren und manche Einrichtungen deshalb Frauen aus anderen Städten ablehnen.

Gabriele Penzkofer-Röhrl

Gabriele Penzkofer-Röhrl

Als die ersten Frauen ins Frauenhaus zogen, sei Gewalt von Männern gegenüber ihren Partnerinnen noch extrem tabuisiert gewesen, sagt Penzkofer-Röhrl. Das hat sich grundlegend gewandelt. „Das Ausmaß der Gewalt hat sich aber nicht verändert. Ich habe eher den Eindruck, dass sie alltäglicher geworden ist.“

Obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Gesetzgebung viel getan hat, sehen Penzkofer-Röhrl und Stefanie Walter von der zum Frauenhaus gehörenden Beratungsstelle bei der Umsetzung der Gesetze einen regelrechten „Rückschritt“.

Woran sie das festmachen? An Sorgerechtsprozessen beispielsweise. „Häusliche Gewalt gegen Frauen wird nur wenig berücksichtigt bei der Frage, was gut für die Kinder ist“, kritisiert Walter. „Doch ein Mann, der im Beisein seiner Kinder die Frau schlägt, ist kein guter Vater“, ergänzt Penzkofer-Röhrl.

Eines hat sich allerdings verändert in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten: Viele Frauen tauchen nicht mehr spontan im Frauenhaus auf. Sie tun das geplanter und überlegter. Und sie sind eher bereit, sich tatsächlich zu trennen. „Nur“ noch jede Dritte kehrt tatsächlich zu ihrem Mann beziehungsweise Freund zurück.

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