Nürnberger Prozesse: Weltgeschichte im Saal 600

18.2.2020, 19:58 Uhr
Der weltberühmte Saal 600 in Nürnberg blickt auf eine lange Geschichte zurück: Johann Georg Loos (20) war der erste Angeklagte, der hier verurteilt wurde – am 13. November 1916 wurde er wegen schweren Diebstahls und Raubes schuldig gesprochen und zu 28 Monaten Gefängnis verurteilt.
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Der weltberühmte Saal 600 in Nürnberg blickt auf eine lange Geschichte zurück: Johann Georg Loos (20) war der erste Angeklagte, der hier verurteilt wurde – am 13. November 1916 wurde er wegen schweren Diebstahls und Raubes schuldig gesprochen und zu 28 Monaten Gefängnis verurteilt. "Der Angeklagte hat keine frohe Jugendzeit gekannt. Von der Natur stiefmütterlich behandelt – er leidet bei einem recht unentwickelten Aussehen an einem Sprachfehler – wurde er von seiner Großmutter, einer Armenhäuslerin, aufgezogen", so die Fränkische Tagespost in ihrer Ausgabe vom 14. November 1916. Er verdingte sich als Knecht, im August 1916 wanderte er durch das Nürnberger Land. Bei Hersbruck überfiel er eine 73-jährige Frau. Sie schleppte einen Korb mit Lebensmitteln. "Der ausgehungerte Mensch", so die Fränkische Tagespost, stieß sie zu Boden und nahm ihr "einen Kipf Brot und Rauchtabak" ab. Einige Tage später fand er Arbeit in einer Fabrik in Mögeldorf, doch am Wochenende stieg er in ein Bauernhaus ein, stahl Schmuck, Schuhe und 37 Mark Bargeld. Kurz darauf wurde er erwischt.

Wer vor der Schwurgerichtskammer steht, hat eine hohe Strafe zu erwarten, die Angeklagten müssen sicher untergebracht werden – daher wird der
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Wer vor der Schwurgerichtskammer steht, hat eine hohe Strafe zu erwarten, die Angeklagten müssen sicher untergebracht werden – daher wird der "Schwurgerichtssaal meist in einem rückwärts liegenden Mittelbau oder in einem Seitenflügel angeordnet", so das "Handbuch der Architektur" im Jahr 1900. Ganz nach Lehrbuch liegt der Saal 600 im Ostbau, einem selbstständigen Gebäudeteil. Goldene Buchstaben über der Haupteingangstür verweisen auf den "Schwurgerichts-Sitzungssaal".

Am 20. November 1945 wurde der Hauptkriegsverbrecherprozess gegen führende NS-Größen in Nürnberg eröffnet. Am ersten Tag des Hauptprozesses hören die Angeklagten vor dem internationalen Militärgericht die Verlesung der Anklageschrift im Gerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes. In der zweiten Reihe sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Hans Frank. In der hinteren Reihe sind (von links) die Angeklagten Karl Dönitz, Erich Räder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel und Alfred Jodl zu sehen. Die Verteidiger sitzen vor den Angeklagten.
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Der Mann mit der Sonnenbrille ist der frühere Reichsmarschall Hermann Göring, gleich neben ihm der einstige Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß. Göring schützt seine Augen vor den 22 Deckenstrahlern, die den Saal für die Prozess-Filmaufnahmen ausleuchteten.
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Insgesamt 24 Einzelpersonen und sechs Organisationen saßen bei dem zehnmonatigen Prozess wegen Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit auf der Anklagebank. Am 30. September und 1. Oktober 1946 wurden zwölf der 24 Angeklagten zum Tode verurteilt. Sieben Angeklagte erhielten langjährige oder lebenslange Haftstrafen, drei Angeklagte wurden freigesprochen.
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Der Blick in den Schwurgerichtssaal 600 heute. Am 21. November 2010 wird die Informations- und Erinnerungsstätte
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Ein Mann befestigt die letzten Schautafeln im Museum
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Im Ostflügel des Nürnberger Gefängnisses waren die Hauptkriegsverbrecher während des Prozesses untergebracht - einzeln von Soldaten bewacht. Das Bild stammt aus dem Band:
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Im Ostflügel des Nürnberger Gefängnisses waren die Hauptkriegsverbrecher während des Prozesses untergebracht - einzeln von Soldaten bewacht. Das Bild stammt aus dem Band: "Der Nürnberger Prozeß. Das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher", D'Addario und Klaus Kastner, Verlag A. Hofmann, Nürnberg 1994. © Archiv

Der Hauptkriegsverbrecher Hermann Göring auf dem Zeugenstuhl, flankiert von MP-Soldaten. Er wurde am Ende des Prozesses zum Tode verurteilt, schaffte es aber einige Stunden vor dem Tod durch den Strang, sich mit einer Zyankalikapsel selbst zu töten.
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Der US-Chefankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Oberrichter Robert H. Jackson, aufgenommen 1946.
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Die polnische Studentin J. Dzido, die im KZ Ravensbrück inhaftiert war, zeigt die Spuren der an ihr vorgenommenen medizinischen Experimente. Die Narben an den Beinen sprechen für sich.
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Die zehn Todesurteile wurden am 16. Oktober 1946 zwischen 1:00 und 2:57 Uhr vollstreckt. Die Hinrichtungen vollzog der US-amerikanische Henker John C. Woods. Hermann Göring gelang trotz der strengen Bewachung aller Todeskandidaten keine drei Stunden vor der Hinrichtung der Suizid mittels einer Zyankalikapsel. Alle Leichname wurden am Münchener Ostfriedhof kremiert und ihre Asche in einen kleinen Seitenarm der Isar gestreut. Die zu Haftstrafen Verurteilten blieben zunächst noch in Nürnberg und wurden 1947 in das Berliner Kriegsverbrechergefängnis Spandau verlegt.
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Der Gründer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes
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Blick in eine der Zellen im Nürnberger Gefängnis, in denen die Angeklagten saßen.
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Die Nürnberger Prozesse wurden scharf bewacht. Hier: Amerikanische Wachmannschaften vor dem Justizgebäude.
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Die Prozesse waren auch ein mediales Großereignis. Die Journalisten aus aller Welt kamen im Faber-Castell-Schloß in Stein unter. Vom Pressecamp ging es mit einem eigens eingerichteten Shuttle-Service zum Justizpalast Nürnberg.
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Ein Prozess der Papierberge, viel Arbeit für die Sekretärinnen. 1945 konnte man nicht einfach eine Taste drücken, um einen Rechtschreibfehler zu korrigieren. Deswegen landeten Blätter mit Fehlern sofort auf dem Boden. Allein das Sitzungsprotokoll des Auftaktprozesses umfasste 16.000 Seiten und musste in vier Sprachen übersetzt werden. Die amerikanischen Soldaten verbrannten die Papierberge mitten auf der Straße. Der Nürnberger Kurt Klutentreter beschloss, den Soldaten das Papier abzukaufen und zu Pappkartons zu verarbeiten. Mit dieser Geschäftsidee gründete er die Firma
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Ein Prozess der Papierberge, viel Arbeit für die Sekretärinnen. 1945 konnte man nicht einfach eine Taste drücken, um einen Rechtschreibfehler zu korrigieren. Deswegen landeten Blätter mit Fehlern sofort auf dem Boden. Allein das Sitzungsprotokoll des Auftaktprozesses umfasste 16.000 Seiten und musste in vier Sprachen übersetzt werden. Die amerikanischen Soldaten verbrannten die Papierberge mitten auf der Straße. Der Nürnberger Kurt Klutentreter beschloss, den Soldaten das Papier abzukaufen und zu Pappkartons zu verarbeiten. Mit dieser Geschäftsidee gründete er die Firma "Papyrus Wellpappe" und verdiente viele Millionen. © NZ Archiv

In den zwölf Nachfolgeprozessen im Nürnberger Justizpalast wurden weitere 171 Beschuldigte verklagt, unter anderem Ärzte, Juristen sowie führende Personen aus der Wirtschaft. Im sogenannten
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Der Einsatzgruppen-Prozess war der neunte von zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen. SS-Brigadeführer Otto Rasch, der  für das Massaker von Babyn Jar und dem Tod von über 30.000 Juden verantwortlich gemacht wurde, litt bei den Verhandlungen an Parkinson. Von amerikanischen Soldaten wird er auf einer Bahre zur Vernehmung in eigener Sache in den Gerichtssaal getragen.
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Bereits 1961 wurde die Nürnberger Prozesse filmisch aufgearbeitet. Hier eine Szene aus dem Film
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© United Artists oder Paul Popper LTD

Auch eine Nürnbergerin durfte in dem Film mitspielen.
Beatrice Jardi (rechts) wurde für eine kleine Nebenrolle engagiert. Regisseur Stanley Kramer (2. v.re.) und Spencer Tracy (2.v.li.) reden gerade über die nächste Szene. Ganz links Regieassistent Lazlo von Ronay.
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© United Artists

Auch heute noch werden die Prozesse immer wieder neu verfilmt. Zuletzt im Jahr 2000 mit dem amerikanischen Dokudrama
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Die Nürnberger Prozesse dürfen in keinem Geschichtsbuch fehlen. Hier ein Auszug einer Doppelseite des deutsch-französischen Buches
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Noch gibt es Zeitzeugen, die über die Nürnberger Prozesse berichten können. So wie Hedy Epstein aus St. Louis, die eine Essenmarke aus dem Grand Hotel in der Hand hält. Sie war Mitarbeiterin der Anklage beim Nürnberger Ärzteprozess, der erste der zwölf Nachfolgeprozesse.
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© Hagen Gerullis

Am 20. Februar 2020 wurde das letzte Mal im Saal 600 ein Urteil verkündet, der Neubau des Strafjustizzentrums an der Westseite des Nürnberger Justizgebäudes ist fertiggestellt, der historische Schwurgerichtssaal 600 wird damit seine Funktion als Gerichtssaal verlieren. Der Saal 600 war immer ein Ort der Rechtsprechung, nun wird der Ostbau dem Memorium Nürnberger Prozesse für die Erweiterung der Museumsfläche sowie der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien für Büros und Seminarräume zur Verfügung stehen. Der Saal 600 wird ab März 2020 ausschließlich als Ort der Begegnung und Erinnerung genutzt werden.
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Am 20. Februar 2020 wurde das letzte Mal im Saal 600 ein Urteil verkündet, der Neubau des Strafjustizzentrums an der Westseite des Nürnberger Justizgebäudes ist fertiggestellt, der historische Schwurgerichtssaal 600 wird damit seine Funktion als Gerichtssaal verlieren. Der Saal 600 war immer ein Ort der Rechtsprechung, nun wird der Ostbau dem Memorium Nürnberger Prozesse für die Erweiterung der Museumsfläche sowie der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien für Büros und Seminarräume zur Verfügung stehen. Der Saal 600 wird ab März 2020 ausschließlich als Ort der Begegnung und Erinnerung genutzt werden. © Foto: Stadt Nürnberg/Christine Dierenbach