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Nürnberger Waffenmesse IWA: Raus aus der "Schmuddelecke"

Imagewechsel bei Fachmesse: 1400 Aussteller in diesem Jahr - 06.03.2015 18:23 Uhr

Die Messe IWA OutdoorClassics will raus aus der "Schmuddelecke": Nicht nur Waffen gibt es dort. © Distler


Vor der Messe hingen die Fahnen auf halbmast - in den Messehallen jedoch gingen die Geschäfte weiter: Für die Nürnberger Messeveranstalter waren es schwarze Tage, damals im März 2009. Während Eltern nach dem Amoklauf an einer Schule in Winnenden um Fassung rangen, priesen Hersteller schon wenige Tage später auf der Fachmesse IWA OutdoorClassics ihre Pistolen und Gewehre mit Slogans wie "Ready to rock the market" an. Ihren Kunden versprachen sie "Action, Sport, Fun". An den flotten Werbesprüchen hat sich bis heute nichts geändert, wie auf der am Freitag eröffneten Fachbesuchermesse 2015 deutlich wurde.

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Mehr als 40 Jahre seit ihrer Gründung ist die IWA OutdoorClassics, wie die frühere "Internationale Waffen-Ausstellung" inzwischen heißt, nicht nur die internationalste Messe in Nürnberg. Sie ist auch die Produkt-Plattform, die sich wie keine andere immer wieder mit kritischen Fragen konfrontiert sieht. Dazu hat auch beigetragen, dass etliche Aussteller selbst großkalibrige Waffen fast wie harmlose Mountainbikes als Schlüssel zum schicken Outdoor-Event anpreisen. Vor allem Angehörigen von Amoklauf-Opfern fehlt für eine solch legere Präsentation von Tötungswerkzeugen jedes Verständnis.

Ukraine-Konflikt setzt der Branche zu

Ganz so rund wie früher laufen die Geschäfte nicht mehr. Der Ukraine-Russland-Konflikt mit dem daraufhin verhängten Waffenembargo hat der Branche kräftig die Bilanzen verhagelt. 2014 produzierte sie nur noch Waffen im Wert von 198 Millionen Euro - und damit zehn Prozent weniger als 2013. Mehr als ein Viertel des Exports brach weg.

Dabei trifft das Waffenembargo nach Auffassung der beiden Branchenverbände den Wirtschaftszweig zu Unrecht. "Hier werden Sport- und Jagdwaffen mit Rüstungsgütern gleichgestellt", klagt der Geschäftsführer des Verbandes der Hersteller von Jagd-, Sportwaffen und Munition (JSM), Klaus Gotzen. Schon lange versucht auch die Messe klar zu machen, dass sie kein Marktplatz für Kriegswaffen ist.

Im Grenzbereich zur militärischen Ausrüstung

Bei der Produktsuche auf der Webseite der Messe tauchen dann aber doch Sturmgewehre mehrerer Hersteller und ein Granatwerfer des Schweizer Waffenproduzenten SAN Swiss Arms AG auf. Diese, so erklärt Pressesprecher Guido Welk, seien nur auf einer Sonderschau - der "Enforce Tac" - zu sehen, der "Fachmesse für Polizeibedarf und Militärausrüstung". Und mit den Granatwerfern würden wohl allenfalls Blend- und Tränengasgranaten verschossen.

Ein Rundgang über die "Enforce Tac"-Messe am Freitag machte dennoch deutlich, wie sehr das dortige Angebot sich inzwischen im militaristischen Grenzbereich bewegt: Viele der dort angebotenen Waffen und Ausrüstungen für Polizei-Sondereinheiten könnten genauso von Bürgerkriegs-Milizen eingesetzt werden.

Weg vom Image der reinen "Waffenmesse"

Um dennoch vom Image der reinen "Waffenmesse" wegzukommen, versuchen die Messeveranstalter schon seit mehr als einem Jahrzehnt vom wachsenden Outdoor-Trend zu profitieren. Von Jahr zu Jahr wächst der Anteil unter den inzwischen knapp 1400 Ausstellern, der vorrangig Spezialkleidung, Freizeitbrillen, Outdoor-Schuhwerk, Ferngläser, Rucksäcke und Spezialkameras anbietet. Inzwischen mache der Bereich rund die Hälfte der Messe aus, betont Messesprecher Welk.

Vergleichsweise entspannt sieht der Bremer Rechtspsychologe Dietmar Heubrock die Nürnberger Jagd- und Sportwaffenmesse. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit schwerer Gewalt an Schulen. "Waffen sind Teil der Gesellschaft. Und mir ist lieber, dass mit einer solchen Messe für Transparenz gesorgt wird, statt das Ganze ins Geheime, in die Schmuddelecke zu drängen", sagt der Direktor des Instituts für Rechtspsychologie an der Uni Bremen.

Seine Erfahrung als Gutachter konfrontiert ihn aber immer wieder auch mit der pathologischen Seite der Waffen-Faszination: Es gebe Menschen, die sich mit einer Waffe aus einer Schwäche heraus aufwerten wollen. Um solche Waffen-Narren aus der Masse unbedenklicher Waffenbesitzer auszufiltern, hat Heubrock vor Jahren einen Test entwickelt. Woran erkennt man den pathologischen Waffen-Narren? Dazu gehören Menschen, "die ein erhöhtes Ärger-Niveau haben, etwa nach einer Trennung, und bei denen die Sorge besteht, dass sich dieser Ärger eruptiv entladen könnte". In ihre Hände gehöre keine Pistole, kein Gewehr, rät er. 

dpa (Klaus Tscharnke)

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