Obdachlose in Angst: Sie werden immer wieder angegriffen

Claudine Stauber
Claudine Stauber

Lokalredakteurin Nürnberg

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25.11.2020, 09:35 Uhr
Kerstin alias Jackie sitzt mit Pudeldame

Kerstin alias Jackie sitzt mit Pudeldame "Mutzi" auf einem wärmenden Deckenberg. Seit dreieinhalb Jahren sind sie und ihr Mann obdachlos. Lieber heute als morgen würden sie in eine Wohnung ziehen. © Foto: Stefan Hippel

Minus drei Grad, das Pflaster vor der Königstorpassage ist eiskalt. Kerstin, die sich lieber Jackie nennt, sitzt wie die Prinzessin auf der Erbse auf einem hohen Stapel Decken. Trotzdem ist ihr die Kälte in die Knochen gekrochen. Die Kapuze hat sie in die Stirn gezogen, als ginge sie in Deckung.

Seit dreieinhalb Jahren auf der Straße

Die 30-Jährige ist eine von weit über 2000 Obdachlosen in der Stadt. Sie leidet an Multipler Sklerose, auf einem Auge ist sie blind, im Magen und in der Niere sitzen Krebszellen. Mit kurzen Pausen lebt sie seit dreieinhalb Jahren auf der Straße. Ihr Stammplatz unter den Pegnitzarkaden nahe der Museumsbrücke ist nur wenige Meter von einem Nobel-Schuhgeschäft entfernt. Es ist ein Kontrast, der wie inszeniert wirkt. Ein dramatisches Bühnenbild für ein Stück über Arm und Reich, über Oben und Unten.


Kälte und Mitleid: Blick in Nürnbergs Obdachlosen-Szene


Kerstin alias Jackie hat sich die feine Nachbarschaft nicht ausgesucht, so wie sie sich vieles in ihrem schwierigen Leben nicht ausgesucht hat. Aber ein überdachter Lagerplatz ist kostbar, er ist, wenn man so will, das Erlenstegen der Wohnungslosen. Dafür nimmt es die junge Frau in Kauf, dass wieder und wieder die Polizei gerufen wird, dass dann der Platzverweis so sicher folgt wie das Amen in der Kirche und sie und ihr Ehemann Andy (35) wieder einmal mit Sack und Pack weiterziehen müssen. Und natürlich mit "Mutzi".

Aus trüben Augen schaut die 18 Jahre alte Pudeldame, die mit auf dem dunklen Deckenberg liegt, in die Welt. So oft sollte das Paar den Hund schon ins Tierheim bringen, um in irgendeiner Herberge unterschlüpfen zu dürfen. So oft hat man über
sie in Obdachlosenunterkünften den Daumen gesenkt. Hier nicht mit Hund, heißt es immer.

Ein Platz im Zwinger

"Negativ. Wir trennen uns nicht", sagt Jackie mit Bestimmtheit. Zu diesem Wir gehört natürlich auch ihr Mann. In den einschlägigen Unterkünften herrscht Geschlechtertrennung und "Mutzi", die schon als Welpe zu ihrem Frauchen kam, jammert schon nach kurzer Zeit im Zwinger der Wärmestube wie ein verlassenes Kind. Dass Jackies Partner gerade nicht mit auf dem Deckenlager sitzt, ist Zufall. Er besucht einen Freund. Sich mit Obdachlosen zu verabreden, ist schwierig. Das Handy geht nicht, keine Kohle, sagt Jackie. Sechs Euro hat sie heute in der Tasche.


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Wie kam das Paar ganz unten an? Jackie ist gelernte Veranstaltungstechnikerin, sie wuchs in Hersbruck auf, die Verhältnisse sind schwierig, Rückhalt findet sie dort nicht. In einer Wohngemeinschaft hat sie viel Geld in die Renovierung gesteckt, dabei war der Mietvertrag längst gekündigt. Seither ist die Straße ihr Zuhause, kein Arzt behandelt die Frau ohne Krankenversicherung. Der letzte MS-Schub ist vier Wochen her. Die Sozialhilfe zahlt nicht ohne Meldeadresse, Vermieter lehnen Menschen ohne Einkommen ab. Es ist der alte, fatale Teufelskreis.

Ehemann Andy war jahrelang Tätowierer, hatte einen eigenen Laden in Nürnberg. Es ging schief, er blieb auf einem Schuldenberg sitzen. "Wir trinken nicht. Wir nehmen keine Drogen. Wir betteln nicht." Wenn doch mal jemand das leere Marmeladegläschen vor ihrem Lager befüllt, wird das Geld in eine Nacht in einer Pension investiert. 35 Euro, der Hund darf mit. Zurzeit seien nachts komische Typen unterwegs, sagt Jackie. Freunden wurden die Decken angezündet. Andere hat man mit Tinte übergossen. Auch in der nächsten Nacht werden die beiden nicht gut schlafen. "Wir müssen aufpassen."

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