Donnerstag, 25.04.2019

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Peter Henleins «Dosenuhr» war klein und bequem zu tragen

«Nie habe ich vorher Ähnliches gesehen» - 16.09.2009

Mit der Uhr in der Hand: Das Denkmal von Peter Henlein steht am Hefnersplatz. © Fengler


Gemeinhin unterscheidet der Experte zwischen Sack-, Hals- und Taschenuhren.

Die ersten am Mann befindlichen Uhren waren Dosen von drei bis fünf Zentimeter Höhe und fünf bis sieben Zentimeter Durchmesser. Das Gehäuse bestand aus Bronze oder Messing, das Werk dagegen aus Eisen. Meist hing so eine Uhr für alle sichtbar am Gürtel.

Nun war dies nicht unbedingt der rechte Aufenthaltsort für so ein wertvolles Gerät. Denn am Gürtel hing meistens auch die Börse. Gewiefte Beutelschneider hatten längst den Bogen heraus, wie man einen leichtsinnigen Zeitgenossen, den ein Mitgauner ins Gespräch zog, mittels eines scharfen Messers um seinen Geldbeutel brachte. Dasselbe konnte man mit einer Uhr anstellen.

Sicherer waren da die Halsuhren, die man an einer Kette um den Kragen hängte und mit denen man so schön angeben konnte. (Im Französischen nennt man eine Taschenuhr «Montre», das heißt eigentlich «zeigen». Aber im Sinne von «vorzeigen, angeben»).

Bisamkugeluhren verbanden das Eitle mit dem Nützlichen

Praktisch, wie die Betuchten waren, verbanden sie das Eitle mit dem Nützlichen. So kreierten die Uhrmacher Bisamkugeluhren. Bisamäpfel waren kugelige, durchbrochene Medaillons, in denen Bisam, Ambra oder Zibet lag. Solange der Bisam feucht blieb, verbreitete er einen starken, angenehmen Duft und vertrieb damit die Körperausdünstungen aus Achselnässe, grindiger Haut und Furzduft. Denn Wasser zum Waschen galt im Mittelalter als abträglich für die Gesundheit.

In der oberen Hälfte der Bisamkugel befand sich also eine Uhr, in der unteren Hälfte ein Schwämmchen mit Bisam. So konnte der Kaufmann jedesmal, wenn er seinem Gegenüber mit der Uhr imponieren wollte, gleich noch eine Freude mittels aromatischer Wölkchen machen.

Doch nun zu Peter Henlein. Der ist, wie es scheint, 1479 oder 1480 geboren. Über seine Ausbildung zum Schlosser weiß man leider nichts, dafür aber wenig Rühmliches aus der Gesellenzeit: Im Jahre 1504 geriet Peter mit anderen Schlossern in eine Rauferei (unter anderem auch mit Georg Heuss, dem Neuerbauer des Männleinlaufens), die mit dem Tod eines gewissen Clemens Glaser endete. Henlein flüchtete ins Barfüßerkloster. Die Mönche gewährten ihm Kirchenasyl und von dort aus führte Henlein zwei Jahre lang Verhandlungen mit dem Stadtrat, so dass er sich gegen die satte Zahlung von 40 Gulden an Glasers Familie mehr oder weniger freikaufen konnte.

1509 legte Henlein seine Meisterprüfung ab und spätestens da machte er auch uhrentechnisch von sich reden. Die wichtigste Urkunde stammt von Johannes Cochläus aus dem Jahr 1511 und lautet wie folgt: «Es werden täglich subtilere Dinge erfunden. So hat Peter Hele, ein noch junger Mann, Werke gemacht, welche selbst bei den größten Mathematikern Bewunderung erregen, denn aus wenig Eisen baut er Uhren mit sehr vielen Rädern, welche, wie immer gelegt, ohne jedes Gewicht 40 Stunden zeigen und schlagen, auch wenn sie auf der Brust oder in der Börse getragen werden.»

Eine zweideutige Aussage. Setzt sie schon voraus, dass bereits damals Uhren an Gürtel oder Kragen getragen wurden? Oder besteht die Sensation gerade darin, dass man Henleins Uhren auf der Brust tragen konnte?. Auf jeden Fall mussten Henleins Uhren klein und bequem zu tragen gewesen sein. Die erste Darstellung einer solchen Dosenuhr findet sich auf dem Gemälde «Kaufmann Georg Gisze» von Hans Holbein dem Jüngeren. Und dieses Porträt stammt bereits von 1532.

Dummerweise ist von Peter Henlein keine einzige Uhr aus eigener Hand erhalten. Zwar beherbergt das Germanische Nationalmuseum eine Uhr mit der Inschrift «Petrus Hele me f. Norimb 1510», doch dürfte die Inschrift aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die älteste erhaltene tragbare Uhr (1548) stammt immerhin von einem Nürnberger Meister, von Caspar Werner. Des weiteren belegen Urkunden, dass Henlein seine Uhren für den Rat anfertigte, der seinerseits prominente Persönlichkeiten damit beschenkte. So bedankt sich Martin Luther 1527 für eine tragbare Uhr, die ihm der Abt Pistorius von St. Egidien schenkte: «Durch dieses mir sehr willkommene Geschenk fühle ich mich gezwungen, Schüler unserer Mathematiker zu werden, damit ich alle Regeln und Gesetze dieser einzig in ihrer Art vorliegenden Uhr lerne; denn nie habe ich vorher Ähnliches gesehen noch beobachtet.»

Freilich musste Luther viel Nachsicht üben: Bis 1670 noch gingen die Sackuhren um bis zu 30 Minuten pro Tag verkehrt.

Eine Legende muss auch noch ausgeräumt werden. Die Bezeichnung «Nürnbergisch Ei» trifft nicht auf Henleins Uhren zu, auch nicht, weil sie angeblich so eierförmig aussahen. Es handelt sich lediglich um einen Hörfehler:

Von «Nürnbergisch Aeurlein» ist die Rede, also von Ührlein. «Aeurlein» ist nur die Kleinform für «Aur» beziehungsweise «Auer» (vergleiche engl: «Hour»), eine Sprachform für «Uhr», die sich nicht durchgesetzt hat. Weniger hellhörige Leute deuteten diese Aeurlein als Eierlein, und schon geisterte der falsche Begriff durch die Weltgeschichte. Selbst der Nürnberger Fernsehturm verdankt sein Aussehen diesem Irrtum.

Im Lauf der Jahrzehnte erfuhren die tragbaren Uhren Wandlungen und Verzierungen der schönsten Sorte. Pfaffen kokettierten mit Totenkopf-Uhren, romantischere Gemüter legten sich Uhren in Obstform zu, Kavaliere bauten sich die Uhr in ihren Degenknauf ein.

Die eigentliche Taschenuhr aber kam erst um 1600 auf. Denn zu dieser Zeit erst nähte man Taschen an den Überrock, erst ab 1675 auch an die Weste. Und dort hinein konnte man getrost seine Sack- oder Taschenuhr versenken.

Die Emailleure bekamen viel zu tun

Von da an ging die Taschenuhr ganz mit der Kleidermode: Im Rokoko (1730 bis 1780) hing die Uhr bunt emailliert wieder am Gürtel. Die Franzosen des Directoire (1795 bis 1799) bevorzugten eng anliegende Kleider, also mussten die Uhren so dünn wie möglich sein. Auch die Emailleure bekamen viel zu tun. So konnte man züchtige Jungfern bei ihrer Bitte um die Uhrzeit enorm beeindrucken: Auf der Außenseite mochte der Klappdeckel eine harmlose Blume zeigen. Dafür entblößt die Innenseite schlüpfrige Szenen. Da lacht der Chevalier! 

Reinhard Kalb

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