Mittwoch, 18.09.2019

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Petition: Nürnberger Student fordert autofreie Innenstadt

Unterschriftensammlung läuft noch bis Oktober - 30.08.2019 06:04 Uhr

Wie viel Raum nehmen Autos ein, wie viel die gleiche Anzahl an Fußgängern? Und wie soll der Platz in der Stadt verteilt werden? Solche Fragen warf im vergangenen September auch diese Mitmachaktion des Verkehrsplanungsamtes in der Lorenzer Straße auf. © Michael Matejka


Man stelle sich das einmal vor: In der Nürnberger Altstadt flanieren nur Fußgänger, übers Kopfsteinpflaster rattern nur Fahrräder, kein Auto weit und breit, kein Motor jault, nichts braust oder hupt, kein Benzingeruch liegt in der Luft. Auf den freigewordenen Flächen, die einmal Parkplätze waren, ist plötzlich wieder Platz für Menschen – Anwohner, Touristen, spielende Kinder, egal. Klingt utopisch? So oder so ähnlich sollte die Nürnberger Innenstadt der Zukunft aussehen, wenn man Florian Korn fragt. 

Korn hat eine Petition für eine "Autofreie Innenstadt Nürnberg" gestartet. So ist seine Forderung auf dem Online-Portal OpenPetition betitelt. Auf dieser Plattform versuchen Bürger mit ganz unterschiedlichen Anliegen möglichst viele Unterstützer zu finden. Petitionen aus Nürnberg gab es hier in der Vergangenheit einige: gegen die Einführung der Jahresgebühr in der Stadtbibliothek, gegen eine Preiserhöhung der VAG, für mehr Mülleimer und Kotbeutelspender in Langwasser. 

500 Meter mit dem SUV zur Arbeit

Nun soll es eine autofreie Innenstadt geben, zumindest wenn es nach Initiator Florian Korn geht. Was bringt einen 26-jährigen Studenten dazu, eine solche Forderung aufzustellen? Die Strecke von seinem Wohnort in St. Sebald zur Technischen Hochschule, wo er studiert, legt er mit dem Fahrrad zurück, dafür braucht er nur fünf bis zehn Minuten. Weitere Strecken fährt er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Dass es viele Menschen gibt, die auf das Auto als Verkehrsmittel angewiesen sind, ist ihm bewusst – und um die gehe es ihm auch nicht. "Aber es gibt genug Negativbeispiele von Leuten, die ihre 500 Meter von Zuhause zur Arbeit mit dem Geländewagen fahren", sagt er etwas überspitzt. Natürlich könne er daran nicht direkt etwas ändern. "Aber vielleicht kann ich bewirken, dass mehr Leute anfangen, darüber nachzudenken – und am Ende doch etwas ändern."

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Es ist gesund, es schont die Umwelt und manchmal ist es gar nicht so einfach: Zu Fuß unterwegs zu sein hat seine Vor- und Nachteile. Auch wenn viele Nürnberger ihren Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln oftmals treu bleiben, haben Fußgänger einen nennenswerten Verkehrsanteil in der Frankenmetropole. Doch wie sieht das in Zahlen aus? Welche Altersgruppe ist am liebsten zu Fuß unterwegs und wie gefährlich ist es, sich den eigenen Füßen in einer Großstadt zu bedienen? Das Fußgänger-Leben in Zahlen gibt es hier.


Genau das sei sein Anliegen mit der Petition: "Mir ist klar, dass wir nicht von heute auf morgen eine autofreie Innenstadt haben werden." Vielmehr wolle er ein Zeichen an den Stadtrat senden, dass es viele Menschen gibt, die sich für das Thema interessieren. Denn wenn man ein solches Projekt wirklich jemals realisieren wolle, bräuchte es vor allem viel politischen Willen – und eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. 

Auf dem Weg zu einer autofreien Mobilität in der Nürnberger Innenstadt sieht Florian Korn verschiedenste Probleme, die es zu bewältigen gelte. "Wenn ich mit anderen spreche, ist das Hauptargument oft der teure Nahverkehr", meint er. Auch hier sei ihm klar, dass eine günstigere oder gar kostenfreie Alternative Wunschdenken sei – trotzdem bleibt er dabei: Es müsse sich etwas ändern. 

"Ich bin kein Experte in Sachen Stadtplanung."

"Bislang wurden Städte um das Auto herumgeplant, dabei sollen sie eigentlich Orte für Menschen sein." Wie genau zukünftige Konzepte aussehen könnten, will er nicht bestimmen. "Ich bin kein Experte in Sachen Stadtplanung."

Ein solcher ist auch Samuel Morcelli vielleicht noch nicht: Doch als er von Korns Petition hörte, meldete er sich gleich bei ihm. Der 31-jährige Morcelli studiert Verkehrsingenieurwesen, ebenfalls an der Technischen Hochschule in Nürnberg. Er arbeitet im Rahmen seines Masterstudiums gerade an einer wissenschaftlichen Studie mit dem Titel "Car-Frei-Tag". Sie behandelt die Idee eines autofreien Tages in der Nürnberger Altstadt – und ist damit gleich etwas weniger drastisch als Korns Forderung. 

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Um ein theoretisch fundiertes Konzept aufzustellen, habe er allerlei Rechnungen aufgestellt, erklärt Morcelli: Wie verhält sich die Zahl der privaten Stellplätze und der Platz in Parkhäusern zu den Autos in der Altstadt? Ließen sie sich überhaupt alle für einen autofreien Tag "unterbringen"? Dafür hat er unter anderem auf der Seite des Tiefbauamts alle dreißig Minuten die Parkhausbelegung abgefragt und die Daten gesammelt. Das Ergebnis sei eindeutig: "Ich konnte belegen, dass es möglich wäre."

Dass eine autofreie Innenstadt – ob für nur einen Tag oder gar als Dauerlösung – viele Ausnahmen mit sich bringen müsste, ist sowohl Korn als auch Morcelli bewusst: Krankenwagen, Lieferverkehr, Pflegedienste, aber natürlich auch körperlich eingeschränkte Menschen und der öffentliche Nahverkehr in Form von Bussen, sie alle müssten trotzdem in der Altstadt fahren dürfen. Wenn es nach Morcelli ginge, sollten die Bewohner der Altstadt am "Car-Frei-Tag", der entgegen des griffigen Titels eher ein Sonn- oder Feiertag sein solle, umsonst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren dürfen. 

"Eine plakative Forderung"

Bei aller Utopie ist auch Realitätssinn gefragt. So sieht das Ganze auch Frank Jülich vom Verkehrsplanungsamt der Stadt Nürnberg, als er sich auf Nachfrage zu Korns Petition äußert: Er verweist darauf, dass es das erklärte Ziel der Stadt sei, den Autoverkehr zu reduzieren – und dass hier auch bereits große Erfolge erzielt werden konnten. Eine komplett autofreie Innenstadt zu fordern, wie Korn es in seiner Petition tut, hält er jedoch für "eine plakative Forderung", die sich etwas mehr an der Realität orientieren müsse. 

Die Petition von Florian Korn ist im April gestartet, seitdem hat sie 1.437 Unterschriften gesammelt, durchschnittlich zehn am Tag. Bis zum 9. Oktober hat er noch Zeit, Unterschriften zu sammeln. Ob sie am Ende ausreichen werden, um ein Zeichen zu setzen? Florian Korn ist davon überzeugt. "So oder so" werde er seine Petition an den Stadtrat herantragen. Samuel Morcellis Studienarbeit dürfte bis dahin auch fertig sein. Er stelle sie gern zur Verfügung.

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