Polizei rügt Fahrrad-Veranstaltung "Critical Mass"

29.4.2014, 05:52 Uhr
Die Masse setzt sich in Bewegung, die Polizei folgt. Auch am vergangenen Freitag sind wieder 450 Radler gemeinsam durch Nürnberg gefahren.

Die Masse setzt sich in Bewegung, die Polizei folgt. Auch am vergangenen Freitag sind wieder 450 Radler gemeinsam durch Nürnberg gefahren. © Stefan Hippel

Gewaltig schiebt sie sich vorwärts, die Lawine aus Stahl, Alu, Carbon. Vorne spielt Musik, hinten bildet einer das Schlusslicht — im wahrsten Sinne: Er blinkt. Auch vergangenen Freitag erobert die „Critical Mass“ die Straße zurück. 450 Radler strampeln durch die Innenstadt. Die Botschaft: Die Straße, öffentlicher Raum, gehört nicht nur den Autos.

Im Schlepptau haben die Radler dabei nicht selten eine Autokolonne, die hinter dem Radler-Schwarm wartet, mitunter ungeduldig bis die Masse abbiegt. Um den Pulk aus Radlern und die Pkw zu trennen, fährt dazwischen eine Motorradstreife.

Die Polizei wirft ein Auge auf die Radfahrer-Gruppe — aber nicht nur in Form der Streife. Die Polizei und das Ordnungsamt haben die „Critical Mass“ auf dem Schirm, die seit etwa vier Jahren auch in Nürnberg stattfindet.

„In der Gruppe kursieren Halbwahrheiten“

Schon im Januar verteilten die Behörden Flyer unter den Radlern. Sie suchen nach einem Ansprechpartner. Weil sich niemand meldete, sind nun wieder Flugblätter im Umlauf. Dort zu lesen: Die „Critical Mass“ sei, bislang, eine nicht erlaubte Veranstaltung, auch, weil eben ein Ansprechpartner für die Rad-Runde fehle.

Das Hauptproblem: „Wenn der vordere Teil der Gruppe bei Grün losfährt, muss der hintere oft bei Rot die Ampel überqueren. Das ist verboten“, sagt Ulrike Goeken-Haidl. Das bedeute, sagt die Sprecherin vom Servicebetrieb Öffentlicher Raum, dass „wenn ein Unfall passiert, jeder Radler selbst verantwortlich ist“. Verbieten wolle man die „Critical Mass“ nicht, „aber wir wollen vorbauen — denn in der Gruppe kursieren Halbwahrheiten“.

Bob (Name geändert), 35, seit mehreren Jahren ständiger Teilnehmer der „Critical Mass“, die sich immer am letzten Freitag des Monats, um 18 Uhr am Opernhaus trifft, sieht das anders. Er zitiert Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung, wonach man „ab einer Gruppe von mehr als 15 Radfahrern ein geschlossener Verband ist“.

Dann, erklärt Radler Bob, gelte man auch als ein Fahrzeug und fahre im Verband über die Ampel — der hintere Teil, „das Heck“, zur Not bei Rot. „Wie ein Bundeswehr-Konvoi.“ Tatsächlich gilt die Verbandsregel im Straßenverkehr — und räumt solchen Verbänden Rechte ein. Radwege müssen dann nicht benutzt, es darf zudem nebeneinander gefahren werden.

Nur: „In der jetzigen Form ist die ,Critical Mass‘ kein straßenverkehrsrechtlicher Verband“, gibt Polizeisprecherin Elke Schönwald die Einschätzung der Beamten und des Ordnungsamts wieder. „Es fehlt ein Ansprechpartner, eine Genehmigung“, zählt sie auf. Außerdem reiche es nicht, das Ende mit einem Blinker zu markieren, „es müssen alle als Teilnehmende des Verbands deutlich zu erkennen sein“, sagt sie. Wenn beispielsweise alle die gleiche T-Shirt-Farbe tragen würden.

In "geordnete Bahnen bringen"

Deswegen wenden sich Ordnungsamt und Polizei nun an die Gruppe. Sie wollen die Veranstaltung in „geordnete Bahnen“ bringen, heißt es im Flugblatt. Was dazu gehört? Beispielsweise würde man gerne die Streckenführung vorher wissen.

Damit könne man nicht helfen, sagt Bob. Denn das sei eben die „Critical Mass“: „Wohin es geht, bestimmt, wer vorne fährt.“ Spontan. Es sei auch keine Veranstaltung, „sondern nur Freunde, die sich zufällig zum Radfahren treffen“. Anzeigen sind übrigens bisher nur von der Rad-Gruppe ausgegangen. „Wir filmen alles mit“, sagt Bob. Die Geduld mancher „Pkw-Lenker“ hält sich arg in Grenzen.

Vorwürfe, dass die „Critical Mass“ mal einen Krankenwagen behindert haben soll, kennt er. „Das waren wir nicht, sondern der Verkehrsstau hinter uns.“ Platz machen sei auf dem Rad schließlich sehr viel leichter als im Auto.

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