Was tun mit dem Nazi-Relikt?

Reichsparteitagsgelände: Nürnbergs schwierigstes Erbe

15.8.2021, 20:07 Uhr
Bald Standort für die Oper? Die Kongresshalle.

Bald Standort für die Oper? Die Kongresshalle. © imago images/imagebroker, ARC

An Superlativen mangelt es wahrlich nicht, wenn es um Nürnbergs NS-Erbe geht. Dass das Areal im Südosten der Stadt von nationaler Bedeutung ist, darin sind sich alle Experten einig. Ob dem Reichsparteitagsgelände tatsächlich globale Bedeutung beigemessen werden sollte, kann bezweifelt werden. Eines steht jedoch fest: Der Umgang mit den Steinen erfordert auch im Jahr 2021 erhöhte Sensibilität.

Genau diese legen die Verantwortlichen der Stadt an den Tag. Jüngster Ausfluss dieses Denkprozesses ist die Errichtung einer Interimsspielstätte für das Opernhaus im Hof der Kongresshalle. Zurecht gilt der Standort als Favorit und eine Mehrheit im Stadtrat als sicher.

Leitlinien müssen auf den Prüfstand

Und doch sind da und dort Bedenken zu hören, stets unter Verweis auf die 2004 vom Stadtrat verabschiedeten Leitlinien für den Umgang mit dem Gelände. Tatsächlich kann dieses Regelwerk so interpretiert werden, dass jegliche Weiterentwicklung oder gar Veränderung unerwünscht ist. Genau deshalb müssen diese Leitlinien nun selbst auf den Prüfstand. Seit 2004 hat sich viel getan, nicht zuletzt die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik machte einen Wandlungsprozess durch.

Einen Täterort wie das Reichsparteitagsgelände einfach nur als sanierten Steinhaufen zu erhalten, wie dies mit Blick auf die Zeppelintribüne und das Zeppelinfeld geschehen soll, greift nach Ansicht vieler zu kurz. Zumal diese Steine längst keine Geschichte mehr erzählen, die von einer breiten Bevölkerungsgruppe verstanden werden kann. Deshalb ist es richtig, das pädagogisch-didaktische Angebot weiter auszubauen. Überfällig ist zudem die künstlerische Intervention auf dem Gelände.

Kunst und Kultur gehören dazu

In den Leitlinien von 2004 steht dazu ein einziger Satz, der noch dazu kaum mit Leben erfüllt worden ist. Nun liegt ein schlüssiges Konzept für de Nutzung der Kongresshalle vor. Das wohl ein Jahrzehnt währende Interim des Opernhause würde den Torso mit rund 500 Arbeitsplätzen dauerhaft beleben, dazu könnte dort dringend benötigter Raum für die so genannte freie Kunstszene geschaffen werden.

Das verspricht eine spannende, ab und an auch spannungsgeladene Mixtur, die Nürnberg und dem Gelände nur guttun kann. Neues wagen, um aus dem langen Schatten der toxischen Bauwerke herauszutreten, ohne dabei die historische Verantwortung infrage zu stellen - diese Herausforderung kann gemeistert werden. Ein wichtiger Schritt dazu sind aktualisierte Leitlinien, die aus der bislang nur postulierten Freiheit einer Generation im Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände eine tatsächliche Freiheit werden lassen.

Denn das Reichsparteitagsgelände darf nicht dem Historikern vorbehalten bleiben, dort müssen zeitgemäße Formen des sensiblen Umgangs möglich sein. Kunst und Kultur in der Kongresshalle, einem Ort der Unkultur, zählt dazu.

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