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Restauriert: Neue Luxus-Wohnungen im ADAC-Haus

Nürnbergs erstes großes Betongebäude wurde saniert - 23.11.2018 19:50 Uhr

Ganz oben unterm Dach, wo früher Dienstboten wohnten, Hausrat abgestellt wurde und die Wäsche trocknete, entstanden jetzt am Ende der Sanierung zwei außergewöhnliche Mietwohnungen mit 130 beziehungsweise 230 Quadratmetern.


Vor drei Jahren haben sich Alan Baer und sein Sohn Eric aus Chicago zum ersten Mal im ehemaligen Haus ihrer Vorfahren umgesehen. Im ersten Stock, wo heute die Fürstlich Castell’sche Bank ihren Sitz hat, lebten Babette und Adolf Baer mit ihren drei Kindern bis 1938. Wo jetzt ein geräumiger Konferenzsaal liegt, befand sich das Speisezimmer der Familie mit Kronleuchter, Wandteppich und dekorativer Palme. Auf dem Schreibtisch in einem Arbeitszimmer ist eine jüdische Menora zu sehen, ein siebenarmiger Leuchter.

Vor ihrer Nürnberg-Reise kannten Alan und Eric Baer, der Enkel und der Urenkel des jüdischen Fabrikanten-Ehepaares, das Haus Prinzregentenufer 7 nur von alten Fotos der herrschaftlichen Zwölf-Zimmer-Wohnung, die sie der Redaktion bereitwillig zur Verfügung gestellt haben. Auf einem anderen Schwarz-Weiß-Bild ist Alan Baers Vater Herbert als lächelnder Bub mit Matrosenkragen und kurzer Hose zu sehen.

Enteignet und vertrieben

Den Baers erging es wie vielen Nürnberger Juden, die Ende der 1930er Jahre systematisch enteignet und vertrieben wurden. Ihre Bronzefarben- und Aluminiumpulver-Werke in Fürth hatte sich der Fürther Unternehmer Jacob Eckart, ein NSDAP-Mitglied, 1938 im Zuge der sogenannten "Arisierung" mit Hilfe staatlicher Finanzbehörden zu einem Spottpreis unter den Nagel gerissen. Die im selben Jahr nach Amerika geflohenen Baers wurden ausgebürgert, ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt.

Das prächtige dreiflügelige Eckhaus aus dem Jahr 1907, das Adolf Baer 1920 für 1,2 Millionen Goldmark erworben hat, ist nicht nur ein extravagantes Zeugnis späten Jugendstils. Er war auch Nürnbergs erstes großes Betongebäude (wir berichteten). Vestibül und luxuriöses Treppenhaus hat der ADAC, der die Immobilie der betagten Babette Baer 1953 abgekauft hat, unter der Regie des Nürnberger Büros bmnp Architekten vorbildlich restaurieren und mit aufwendiger Feuerschutztechnik versehen lassen. Längst hat der Automobilclub seine Zentrale an die Äußere Sulzbacher Straße verlegt. Der Name ADAC-Haus aber ist geblieben.

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ADAC-Haus am Prinzregentenufer: Hier lebten die Baers

Das ADAC-Haus am Prinzregentenufer in Nürnberg ist bis unters Dach restauriert worden. Im ersten Stock, wo heute eine Bank residiert, wohnte die jüdische Familie Baer, die 1938 von den Nazis enteignet und vertrieben wurde.


Riesige Mietwohnungen

Ganz oben unterm Dach, wo früher Dienstboten wohnten, Hausrat abgestellt wurde und die Wäsche trocknete, entstanden jetzt am Ende der Sanierung zwei außergewöhnliche Mietwohnungen mit 130 beziehungsweise 230 Quadratmetern. Wie ein riesiges graues Segel spannt sich der ausgebesserte Eisenbeton dort über die Wohnräume.

An manchen Stellen kann er sogar mit einem Heizgewebe erwärmt werden. Wenn das Material zu kalt werde, könne es Schaden nehmen, erklärt Architektin Katja Rauth. Ohnedies sei der sogenannte "Sargdeckel" auf dem Haus die größte Herausforderung bei der Restaurierung gewesen.

Private Sauna

Frisch lasiert wölbt sich der unverputzte Beton nun wie graue Elefantenhaut über elegante Bäder mit frei stehenden Badewannen — oder über ein bis zu 100 Quadratmeter großes Wohn- und Esszimmer mit offener Küche. Eine private Sauna mit Burgblick gibt es unterm Dach nun ebenso wie einen offenen Kamin und eine Dachterrasse zum Hinterhof. Auch der Beton des kleinen Türmchens auf dem Satteldach ist aufgefrischt worden; genutzt werden könne es allerdings nicht, so Architektin Rauth.

Das für seine Bauzeit außergewöhnliche Betondach steht wie die Fassade, die Inneneinbauten und das Treppenhaus unter Denkmalschutz. Deshalb durften auch keine größeren Fenster in die Dachflächen eingebaut werden. Die Investitionen, über deren Höhe der ADAC Nordbayern Stillschweigen bewahrt, haben sich jedenfalls gelohnt. Das Projekt ist mit dem Denkmalpreis des Bezirks Mittelfranken ausgezeichnet worden.

Claudine Stauber Lokalredakteurin Nürnberg E-Mail

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