Sind bestimmte Viertel besonders von Corona betroffen? Nürnberg gibt Daten nicht raus

13.5.2021, 15:02 Uhr
Das Nürnberger Gesundheitsamt gibt die Daten über besonders betroffene Stadtviertel bislang nicht heraus.

Das Nürnberger Gesundheitsamt gibt die Daten über besonders betroffene Stadtviertel bislang nicht heraus. © Daniel Karmann, NN

Eigentlich ist Britta Walthelm (Grüne), seit März 2020 Referentin für Gesundheit und Umwelt, stolz darauf: Impftrupps sollen in benachteiligte Stadtteile gehen, um dort diejenigen zu impfen, die auch aufgrund der beengten Wohnverhältnisse ein höheres Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken. Auch die SPD-Stadtratsfraktion hatte angekündigt, entsprechende Anträge zu stellen, es sei "eine Frage der Gerechtigkeit", den dort lebenden Familien "den Zugang zu Impfterminen schneller und niedrigschwelliger zu ermöglichen".

Landkreis Fürth macht es vor

Gesundheitsreferentin Britta Walthelm.

Gesundheitsreferentin Britta Walthelm. © Foto: Rudi Ott

Was aber sind "benachteiligte Stadtteile"? Andernorts weiß man das sehr genau. Meldet ein Gesundheitsamt die Infektionszahlen der Bürger, verlangt das Robert-Koch-Institut in Berlin die Nennung der Postleitzahl dessen Wohnorts. Der Landkreis Fürth etwa hat seine Infektionszahlen daher aufgeschlüsselt. Online ist das Alter und das Geschlecht der Infizierten, der Verstorbenen, der Genesenen zu sehen – selbstverständlich nur in Zahlen, die keinen Rückschluss auf den Einzelnen zulassen. Zu sehen sind auch die Postleitzahlen und die dazugehörigen Inzidenzwerte.


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Vergleichbares gibt es für Nürnberg nicht, obwohl diese Daten vorhanden sind. "Das Gesundheitsamt analysiert zusammen mit dem Statistikamt noch, wie wir mit solchen Daten umgehen", sagt Britta Walthelm. Demnach kennt das Gesundheitsamt die Inzidenzzahlen der verschiedenen Stadtteile und kann sie daher als "benachteiligt" einstufen, wenn diese höher sind als im Nürnberger Durchschnitt.

In welche Stadtteile die Impftrupps gehen sollen, steht also wohl fest. Verraten werden sie nicht – offenbar fürchtet das Gesundheitsamt Neiddebatten um den in Nürnberg immer noch knappen Impfstoff und eine Stigmatisierung der Bewohner dieser Stadtteile. "Soll dann etwa in Gibitzenhof eine Ausgangssperre herrschen und in Erlenstegen können die Kinder in die Schule gehen?", fragt Walthelm. Die Gesundheitsreferentin verweist auf andere Kriterien: wie hoch das Einkommen ist, wie beengt die Wohnverhältnisse sind, wie viele Sozialhilfeempfänger es gibt. In Nürnberg würden diese ausreichen, da die Frankenmetropole keinen sozialen Brennpunkt hat wie etwa Köln mit dem Stadtviertel Chorweiler.

Postleitzahlen sind hilfreich

Dort lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 543 – in Köln insgesamt beträgt sie 188. Daher begann die Stadt Köln in Chorweiler mit den gezielten Impfungen in ihren stark von Corona betroffenen Stadtteilen. Postleitzahlen haben hier geholfen, die Impftrupps gezielt einzusetzen.

"In Nürnberg trifft diese Struktur wie in Chorweiler vielleicht noch auf den Stadtteil Neuselsbrunn zu, aber der hat auch nicht diese Größe", begründet Walthelm ihre Entscheidung, die Postleitzahlen zu den Infektionszahlen unter Verschluss zu halten. "Wir geben die vollen Datensätze nicht heraus, sie bringen keinen Gewinn für die Maßnahmen, die wir treffen." Die Menschen seien mobil und in der ganzen Stadt unterwegs, es gebe keine Konzentration von Corona-Infektionen in bestimmten Stadtteilen.


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Klar ist aber, dass in diesen "benachteiligten Stadtteilen" – die wohl vor allem im Süden des Stadtgebiets liegen – die Ansteckungszahlen höher sind als im Gesamtdurchschnitt. So leben 37 Prozent der Nürnberger Bevölkerung dort, sie vereinen aber nach Angaben des Gesundheitsamts mehr als die Hälfte der Infektionen auf sich.

Das Amt zählt auch das "Ausbruchsgeschehen": viele infizierte Menschen in einer Einrichtung. So seien derzeit in Obdachlosenunterkünften 26 Fälle bekannt, in Sammelunterkünften für Geflüchtete 30 Fälle. Der Bereich Schulen/Kitas weist 30 Fälle in 24 Einrichtungen auf, in acht Seniorenheimen sind 21 Fälle gemeldet. "Das ist alles nicht relevant", sagt Britta Walthelm. Die Fälle in den Einrichtungen machen rund 22 Prozent des Inzidenzwertes aus, "der Rest ist diffuses Geschehen".