Sport und Stil für Berg und Stadt

3.8.2010, 00:00 Uhr
Wer aktiv ist, ist „in“: Klettern im Hochseilgarten und Outdoor-Mode sind voll im Trend.

Wer aktiv ist, ist „in“: Klettern im Hochseilgarten und Outdoor-Mode sind voll im Trend. © oh



Dabei ist es noch nicht lange her, dass Fleece-Pullis, Allwetter-Jacken und Trekking-Sandalen nur für Funktionalität standen. Wer sich so im Büro oder im Freundeskreis zeigte, galt ganz und gar nicht als modisch. Er demonstrierte im Gegenteil die Abkehr vom urbanen Leben, wo die Trends entstehen. Jetzt hat sich der Wind gedreht.

Trendsportarten boomen

„Urbaner Eskapismus“ (Eskapismus = Realitätsflucht) lautet eines der Schlagwörter in einer der jüngsten Studien des Zukunftsinstituts in Kelkheim (Hessen). Die Forscher beschwören „eine neue Verbindung von Urbanität und Abenteuerlust“, die sie nicht zuletzt an Trendsportarten festmachen. Allerorten eröffnen ja neue Kletterhallen und Hochseilgärten.

Outdoor-Aktivitäten seien zum Gegenpol von Schnelllebigkeit und Technisierung geworden — und prägen Lebensstil und Konsum. Ursachen sind ein Alltag, der Arbeitnehmern immer mehr Flexibilität abverlangt, ein von Sportlichkeit und Körperlichkeit geprägtes Idealbild des Äußeren und der Lebensstil der Nachhaltigkeit, der die Natur als Zufluchtsort propagiert.

Mode ganz sportlich

Das merken Hersteller von Outdoor-Ausrüstung an steigenden Umsätzen. Die Designer haben sich längst davon inspirieren lassen. Die modisch bunte Daunenjacke war der Pflichtkauf für Trendbewusste in den vergangenen Winter-Saisons. Norweger-Pullis schmücken Modefans. „Formalwear, Casual- und Sportswear verschmelzen“, schrieb das Deutsche Modeinstitut. Haken und Ösen, derbe Leder und Profilsohlen à la Bergsteigerstiefel prägen schon in der zweiten Saison die Schuhmode.

Doch nicht nur die Modehäuser nehmen Anleihen bei der Funktionsbekleidung, um das Design der Alltagsmode aufzupeppen. Outdoor-Ausrüster verleihen Hemden und Schuhen, Zelten und Schlafsäcken im Gegenzug einen modischen Anstrich.

Davon zeuge Farbe in den Kollektionen und eine Hinwendung zur weiblichen Käuferschaft, die zum Beispiel enger und auf Taille geschnittene Jacken wünscht. „Früher war Outdoor-Bekleidung rein funktional – knallorange wie auf der Baustelle“, sagt Prof. Mary Rose von der Universität Lancaster in England. Sie leitet an der Hochschule den Lehrstuhl für Innovation und Unternehmertum und veranstaltet den jährlichen Kongress „Innovation for Extremes“ zu Neuerungen in der Outdoor-Industrie.

Irgendwann habe die Hinwendung zum modischen Design eingesetzt. Rose erinnert sich an eine Entwicklung vor einigen Jahren, als die Fleecejacken der britischen Outdoor-Marke Berghaus unter jungen Frauen populär waren. Sie trugen sie auf dem Weg „zwischen den Clubs“ über dem dünnen Ausgeh-Outfit, weil sie wärmten und sich zusammengeknüllt leicht verstauen ließen: „Das war ein erster urbaner Einsatz von Outdoor-Mode.“

Neue Impulse

Heute ist Outdoor ästhetischer Impulsgeber. Schon immer waren Bergsteigen und Klettern Grenzerfahrungen. Und wer die bessere Technik hat – die noch dichtere Jacke, die noch leichteren Schuhe, den noch effizienteren Solarstrom-Akku —, ist im Vorteil.

Sich im Großstadtalltag pragmatisch durchschlagen zu müssen, mit dem Rad statt dem Auto zu fahren, vom Büro noch ins Fitnessstudio und von dort in die Kneipe zu pendeln: All das befördert bequeme Lösungen für Taschen und Bekleidung – und im Verhalten.

Balance muss stimmen

Insgesamt hat eine Hinwendung zu Natur und Natürlichkeit stattgefunden. Auch beim Möbeldesign verschmelzen die Unterschiede von Stücken für Drinnen und Draußen, wie auf den Messen in Köln und Mailand zu sehen war. Das Thema Nachhaltigkeit hat den Materialismus abgelöst. „Neo-Ökologie“ nennen das die Forscher vom Zukunftsinstitut. Und sie verweisen auf die starke Nachfrage nach Pilgerurlauben auf der Suche nach einem Ausgleich von Arbeit und Freizeit.

Prof. Martin Lohmann vom N.I.T. Tourismusforschungsinstitut in Kiel führt das nicht auf ein größeres Interesse an Camping, Abenteuer oder Wandern zurück. „Das Interesse daran ist seit Jahrzehnten konstant.“ Es seien immer ähnlich viele, die zur Erholung einen sportlichen Urlaub dem Braten in der Sonne am Strand vorziehen. Outdoor und Aktivsport werden aber im Tourismusmarketing stärker thematisiert. Outdoor ist in das Denken und die Stilwelt eingezogen – aber nicht unbedingt in das Reiseverhalten.