"Terror": Anwohner meckern über Nürnbergs Straßenmusiker

1.8.2015, 06:00 Uhr
Ein Verstärker auch noch? In Nürnberg sind die für Straßenmusiker verboten. Anwohner finden: Das ist gut so.

Ein Verstärker auch noch? In Nürnberg sind die für Straßenmusiker verboten. Anwohner finden: Das ist gut so. © Isabel Lauer

"Es ist grausam", sagt Jutta Schaper der Nürnberger Zeitung. Sie betreibt eine Psychotherapie-Praxis in der Innenstadt und ist verzweifelt. Per Brief wandte sie sich an Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly: "Tagtäglich finden sich nämlich ab 10 Uhr morgens selbsternannte Straßenmusikanten unter anderem vor dem Kaufhof in der Königstraße ein, die ihr einziges Lied in absolutem Perfektionismus über Stunden spielen. Nach gefühlten 137 Wiederholungen von ,Streets of London' folgen laute Saxophonklänge, im Anschluss Gitarrenklänge via verstecktem Verstärker bis hin zu einem zehnköpfigen Schreichor, der einen neuen Lautstärkerekord anzustreben scheint“, schreibt sie in ihrem Brief.

"Weder hilft hier die Konsultation der Polizei, die einen Platzverweis ausstellt, noch Anrufe beim Ordnungsamt, die sich nicht für zuständig sehen, noch das persönliche Ansprechen der Musiker, doch bitte nach spätestens 30 Minuten den Platz zu wechseln, denn sobald ,die Bühne' unbesetzt ist, steht der nächste Musikant bereits in den Startlöchern, um weiterhin ahnungslose Touristen zu bespielen.“ Jutta Schaper ist klar, dass die Innenstadt kein Ort der Stille ist.

Nichts als "musikalischer Psychoterror"

Doch Musiker, die über Wochen immer nur das gleiche Lied spielen, sind für sie inzwischen "musikalischer Psychoterror". Schaper leidet nicht als Einzige unter der Dauerschleife. Leena Steinhauser ist Inhaberin des „Studienkreis“ im gleichen Haus. „Es ist nicht mehr zu ertragen“, sagt sie.

In München müssen Straßenmusiker bei der Stadt vorspielen, bevor sie eine Erlaubnis bekommen.

In München müssen Straßenmusiker bei der Stadt vorspielen, bevor sie eine Erlaubnis bekommen. © Stadt München/Michael Nagy

Während Schaper und Steinhauser abends nach Hause gehen können, wohnt Anita Satzinger in der Senioren-Wohnanlage des Heilig-Geist-Spitals, mit Blick auf die Museumsbrücke. Die 73-Jährige kennt die Problematik gut, Fenster öffnen im Sommer – das ist fast nicht mehr möglich. In Dauerschleife stehen die Musiker unter ihrem Fenster. "Und manche haben doch ein überschaubares Repertoire. Das geht einem dann schon auf den Geist."

Die Stadt Nürnberg hat klare Regularien

Satzinger hat eigentlich überhaupt nichts gegen Straßenmusik: „Straßenmusik ist etwas Schönes, sie passt zum Leben in der Stadt. Aber das größte Problem sind die Verstärker und die damit einhergehende Lautstärke.“ Betroffene Anlieger, die sich an das Ordnungsamt wandten, erhielten nur den Verweis auf die Regularien für Straßenmusiker: Für vier Euro pro Tag gibt es eine Spielerlaubnis, bis maximal eine Woche kann sie im Voraus gebucht werden, höchsten fünf vergibt die Stadt pro Tag. Alle 30 Minuten muss der Standplatz gewechselt werden, Gruppen dürfen nicht größer als fünf Personen sein. Es darf nicht mit Verstärker oder lärmintensiven Instrumenten gespielt werden.

Ob die Vorgaben eingehalten werden, kann nur die Polizei kontrollieren. Verstöße werden angezeigt, es folgt ein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Im Wiederholungsfall können Bußgelder bis 1000 Euro fällig werden. Steinhauser und Schaper beobachten oft, dass Musiker mit Verstärkern arbeiten und wenn die Musiker alle 30 Minuten zwischen beiden Kaufhofeingängen hin- und herwechseln, gilt das schon als Ortswechsel.

Oberbürgermeister Ulrich Maly bedauert die Situation: „Wir werden die Musiker noch einmal informieren“, sagt er. Auch Sonderkontrollen durch die Polizei seien denkbar. Auf das Repertoire könne er keinen Einfluss nehmen. Doch vielleicht können in diesem Fall die Münchner weiterhelfen. Sie hatten vor Jahren das gleiche Problem und fand eine Lösung: Dort müssen alle Straßenmusiker und -künstler in der Stadt-Information eine Kostprobe ihres Könnens abgeben, Musiker müssen mindestens drei Stücke flüssig und einigermaßen fehlerfrei vorspielen.

"Das ist viel schlimmer als eine Geldstrafe"

Nur wer dort den Leiter Albert Dietrich überzeugt, erhält eine Genehmigung. Diese ist wiederum mit viel strengeren zeitlichen und räumlichen Auflagen verbunden. Verstößt ein Künstler dagegen, droht ihm eine Sperre von drei bis zwölf Monaten. „Das ist viel schlimmer als eine Geldstrafe“, so Dietrich. Und es ist unbürokratischer, weil sich die Stadt aufwändige Ordnungswidrigkeitsverfahren spart und nur Wiederholungstäter anzeigt.

Seit 15 Jahren verfahren die Münchner jetzt so – und das erfolgreich. Andere Großstädte planen, das Modell zu übernehmen. Die Idee für das Casting kam übrigens nicht von der Stadt, sondern aus den Reihen der Straßenmusiker. Claudia Urbasek

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