Donnerstag, 04.03.2021

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Viele Kinder trotz Lockdown in Kitas: Personal ächzt unter Last

Während von geschlossenen Kitas die Rede ist, haben die meisten viel zu tun - 27.01.2021 13:27 Uhr

Obwohl die Staatsregierung immer wiederholt, die Kitas seien zu, sieht die Realität völlig anders aus. Auch in vielen Nürnberger Kitas sind derzeit überall Kinder.

26.01.2021 © Monika Skolimowska / dpa


Wenn es ein Satz ist, den Gesine Jahn nicht mehr hören kann, dann ist es der, den die bayerische Staatsregierung in jeder Pressekonferenz wiederholt: "Die Kindertagesstätten bleiben weiterhin geschlossen." "Weiterhin" heißt im Moment bis 14. Februar.

Gesine Jahn heißt in Wirklichkeit anders. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Leiterin in einer Nürnberger Kita eines nicht-städtischen Trägers. "Das stimmt so einfach nicht", sagt sie. "Seit Beginn der Pandemie hatten wir, außer zu den regulären Schließzeiten, nicht einen Tag zu. Wir arbeiten die ganze Zeit!" Grund ist die Notbetreuung. Bereits im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 durften Eltern ihre Kinder in die Kitas bringen, wenn sie in systemrelevanten Berufen arbeiten. Im aktuellen Lockdown ist die Notbetreuung für alle Berufsgruppen geöffnet.


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Das hat Folgen: "In unserem Haus, mitten in Nürnberg, sind etwa 50 bis 60 Prozent der Kinder täglich da." Auch in einer weiteren Einrichtung des Trägers in Fürth werden von 105 Kindern täglich im Schnitt 66 versorgt. "Das hat mit Notbetreuung nichts mehr zu tun", sagt Jahn.

"Viele denken, wir machen uns einen faulen Lenz"

"Es ist für uns völlig in Ordnung, dass die Eltern die Kinder bringen. Es ist okay, dass die Kitas offen sind. Die Eltern können es nicht mehr stemmen. Sie brauchen dieses Angebot, um arbeiten zu können. Es ist doch illusorisch, zu glauben, dass alle Eltern jetzt plötzlich Kinderkrankentage oder Urlaub nehmen können. Das kann kaum ein Unternehmen leisten. Und die Kinder brauchen die Kitas. Wir haben im vergangenen Jahr gesehen, wie schlimm die Schließungen für viele von ihnen waren."

Man solle das Kind beim Namen nennen: "Kitas sind nicht zu! Das ist ein eingeschränkter Regelbetrieb mit Hygienekonzept." Es ärgere sie, dass in der Öffentlichkeit das Bild entstehe, die Kitas seien geschlossen. "Viele denken, wir Erzieher machen uns einen faulen Lenz, dabei arbeiten wir alle – und das unter Berücksichtigung von strengen Hygieneregeln."

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Rückblick: Nach der ersten Woche der Notbetreuung (ab 11. Januar) hatten wir bilanziert, dass in Nürnbergs Kitas und Horten 4600 Kinder betreut wurden, was rund 16 Prozent der 28 800 Kinder entspricht. Die Belegung sei sehr unterschiedlich, hatte das Jugendamt gemeldet, in vielen Einrichtungen lag sie bei unter zehn Prozent, in rund fünf Prozent der 480 Einrichtungen bei 50 bis 70 Prozent.

"Für uns als Träger ist das ein Schlag ins Gesicht"

Nach diesem Artikel meldeten sich mehrere Träger und Erzieher bei uns, die diese Zahlen anzweifelten, weil in ihre Einrichtungen immer mehr als die Hälfte der Kinder jeden Morgen gebracht wurde. Das passe nicht zu den Aussagen der bayerischen Staatsregierung, die permanent von geschlossenen Kitas spreche. "Für uns als Träger und unsere Mitarbeiter ist dieses Herunterspielen der Situation durch Jugendamt und Politik ein Schlag ins Gesicht, der die Arbeit geringschätzt, die täglich vor Ort geleistet wird", schrieb uns ein privater Träger.


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Kerstin Schröder, Dienststellenleiterin des Jugendamts Nürnberg, versteht den Unmut zwar, verteidigt aber die Statistik. Sie greift für die Zahlen auf das Meldesystem Baykibig zurück. Dort tragen die Träger ein, wie viele Kinder täglich in ihrer Notbetreuung sind. Sie tun dies relativ zuverlässig, denn davon sind Fördergelder abhängig. "Die Belegung ist breit gestreut. In manchen Kitas sind kaum Kinder, andere sind mehr als halbvoll", so Schröder. In der vergangenen, also der zweiten Notbetreuungswoche, waren mehr Kinder als in der ersten angemeldet, etwa 21 Prozent im Durchschnitt.

"Die, die Kinder bringen, haben oft ein schlechtes Gewissen"

Kita-Leiterin Gesine Jahn nimmt das Jugendamt indes in Schutz: "Es unterstützt uns stets in allen Fragen. Manches wäre ohne dessen unbürokratische Hilfe nicht gegangen." Das Problem sei die Staatsregierung.

Christopher Mühlhausen ist Erzieher in einer Nürnberger Kita und sieht es ähnlich. Auch er heißt anders. Und auch er kann den Satz von den geschlossenen Kitas nicht mehr hören. "Ich werde ganz oft von Bekannten gefragt: Ah, ihr habt doch zu. Was machst Du jetzt den ganzen Tag?" Den ganzen Tag verbringt Mühlhausen in der Kita. In seiner Gruppe sind zwölf von 23 Kindern da, in der Nachbargruppe sind es 21 von 25, in der dritten 9 von 21. "Ich finde das Angebot der Notbetreuung völlig okay. Ich arbeite gerne. Aber es nach außen darzustellen, als sei alles zu, regt mich total auf! Anstatt diese Augenwischerei zu betreiben, könnte die Regierung sagen: Kinder haben ein Recht auf Bildung. Deswegen ermöglichen wir einen eingeschränkten Regelbetrieb – den wir faktisch derzeit haben", so der 31-Jährige.

Schon im vergangenen Jahr habe er sich von der Regierung verschaukelt gefühlt: "Zunächst hieß es, wenn die Corona-Ampel auf Rot springt, gehen wir in den Lockdown und machen die Kitas zu. Als sie dann auf Rot sprang, galt die Regelung für Kitas plötzlich nicht mehr."

Und wenn er dann im Verordnungstext zum verlängerten Lockdown als Schlusssatz zur Situation des Betreuungspersonals lese, der Gesundheits- und Arbeitsschutz habe eine hohe Priorität, fühlt er sich verhöhnt. "Warum sind Erzieher dann erst in der Impfkategorie drei? Warum stellt der Freistaat keine kostenfreien FFP2-Masken für das Kita-Personal zur Verfügung? Und warum müssen Angehörige der Kinder, die sie bringen und abholen, nicht verpflichtend FFP2-Masken tragen?"

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Auch in Sachen Corona-Tests ist Mühlhausen enttäuscht. Es müssten nicht nur Erzieher, sondern vor allem die Kinder getestet werden. Denn diese blieben oft symptomfrei, könnten aber andere anstecken. "Vor allem, wenn ich sehe, dass jetzt mutierte Viren kommen, halte ich das für enorm wichtig." Mühlhausens Wunsch ist wissenschaftlich gestützt: Eine repräsentative Studie des Helmholtz-Zentrums München kam – mittels Antikörper-Tests – schon im Oktober 2020 zu dem Ergebnis, dass sechsmal mehr Kinder in Bayern mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert waren als gemeldet.

Mühlhausen hat jedoch auch den Eindruck, dass viele Eltern ihre Kinder nicht leichtfertig brächten. "Und die, die sie abgeben, haben oft ein schlechtes Gewissen", beobachtet er. Das verursache erneute seelische Belastungen. Auch Eltern wäre geholfen, wenn die Regierung die Situation offen und realistisch kommunizieren würde.

Doch darauf werden die Betreuungskräfte und Eltern wohl noch warten müssen. Die Frage unserer Redaktion an das bayerische Familienministerium, warum die Verantwortlichen weiterhin von "geschlossenen Kitas" sprechen statt von "eingeschränktem Regelbetrieb", blieb unbeantwortet.

Satz der Familienministerin dürfte ihre Kritiker bestätigen

Stattdessen wurde lediglich wiederholt, dass alle Eltern die Notbetreuung in Anspruch nehmen können und dem Ministerium bewusst sei, dass die "aktuelle Situation ErzieherInnen vor große Herausforderungen stellt". Zudem betonte Familienministerin Carolina Trautner (CSU), dass es bei den Notbetreuungsquoten (bayernweit bei 22,4 Prozent, Stichtag 19. Januar) große regionale Unterschiede gebe, vor allem zwischen Land und Ballungsräumen.


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Und die Familienministerin schreibt einen Satz, der für die Erzieher wie ein schlechter Witz klingen dürfte und ihre Kritiker bestätigt: "Wenn wir wieder regulär öffnen können, stehen die Kindertageseinrichtungen an erster Stelle."

Der Freistaat finanziert Austattung

Aber es gibt zumindest Geld: Der Freistaat habe die Anschaffung von CO2-Sensoren und mobilen Luftreinigungsgeräten in Kitas, Großtagespflegestellen und Heilpädagogischen Tagesstätten mit 13 Millionen Euro unterstützt, teilt Trautner mit. "Für sonstige Ausstattungsgegenstände standen zehn Millionen Euro bereit, wovon die Träger für die Beschäftigten unter anderem FFP2-Masken anschaffen können." Die Mittel wurden entsprechend der Anzahl der betreuten Kinder auf die Gemeinden verteilt.

Nürnberg beantragte das Geld zentral über das Jugendamt. "1,2 Millionen Euro wurden der Stadt zugewiesen", sagt dessen Leiterin Kerstin Schröder. Aufgeteilt sieht das so aus: Für Ausstattungsgegenstände fließen 450 000 Euro nach Nürnberg, für CO2-Sensoren 195 000 Euro. Jede Einrichtung erhält eine Pauschale je Kind. Auch für die mobilen Luftreinigungsgeräte gibt es eine Pauschale, allerdings müssen diese einzeln beantragt und nachgewiesen werden. Dafür fließen Mittel in Höhe von 585 000 Euro für rund 180 Geräte.

Die Beschaffung obliegt den Einrichtungen oder Trägern, das Geld soll im Februar ausgezahlt werden. Über 75 Prozent der Mittel gehen an die freien, rund 25 Prozent an die städtischen Träger.

CLAUDIA URBASEK

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