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"Viva con agua": Aktivisten sammeln Pfand bei Club-Spielen

Menschenrechtspreis-Gewinner Rodrigo Mundaca unterstützt Wasser-Initiativen - 20.09.2019 05:46 Uhr

Bei den Heimspielen des 1. FC Nürnberg sammeln die Aktivisten von "Viva con agua" Pfandspenden für den guten Zweck. © Viva con Agua de Sankt Pauli e.V.


Wer seit 2018 ins Max-Morlock-Stadion gegangen ist, hat sie sicher schon gesehen. Junge Leute, die euphorisch gut gelaunt auftreten und bei Heimspielen des 1. FCN ein Auge auf leere Getränkebehälter werfen. "Spende dein Pfand", haben sie auf Pappschilder geschrieben oder "Hob nei mit". In bunt besprühten Mülltonnen sammeln sie die Plastikgefäße, zählen sie am Ende und lösen sie ein. Zwei Euro bringt ein Becher, 25 Cent eine Flasche.

Der Ertrag geht zur Hälfte an den Fußballclub für seine Jugendsozialprojekte – und zur Hälfte an den Auftraggeber der jungen Leute, Viva con Agua. Auf ihrer Facebook-Seite feiern sie das jedes Mal wie ein Fest. "Wir sind immer noch krass geflashed", schrieben sie etwa Anfang August. "Always look on the bright side of Glubb." Der Club hatte krachend mit 0:4 gegen den Hamburger SV verloren. Aber: 1927,85 Euro betrug ihre Pfand-Ausbeute, neuer Rekord.

Organisation der ungewöhnlichen Art

Zum Interview in einem Café erscheinen drei von ihnen mit modischen Statements. Christian Knell trägt ein Baseballcap, Melanie Huber ein Armband, Jonathan Krieger ein T-Shirt mit dem Logo von VCA. Es könnten die Fan-Artikel einer Band sein. Aber VCA, Viva con Agua, ist eine Entwicklungsorganisation, wenn auch der ungewöhnlichen Art.

Der Verein gründete sich 2006 in Hamburg. Seitdem ist er zum Sozialunternehmen gewachsen. Eine Tochterfirma produziert ein gleichnamiges Mineralwasser, eine andere Recycling-Toilettenpapier und mobile Kompost-Klos. Überschüsse aus dem Produktverkauf fließen in den Vereinszweck: die Finanzierung von Trinkwasser- und Sanitärprojekten der Welthungerhilfe. 2018 brachte die Initiative dafür zwei Millionen Euro Spendengelder auf. In sieben Entwicklungs- und Schwellenländern entstanden mit den Geldern Brunnen, Hygieneschulungen oder Toilettenanlagen.

Benefizkonzerte und Fanbegeisterung

Der frühere FC-St.-Pauli-Spieler Benjamin Adrion ist Initiator und Stiftungsvorstand von VCA. Er erklärt den Erfolg gern mit dem Unterstützernetzwerk, auf das er als Fußballprofi bauen konnte. Musik-Promis wie Bela B, Fettes Brot oder Marteria spielen Benefizkonzerte dafür. Und die weltoffene Fanszene des Hamburger Kiezes verwandelte die Idee von der Wohltätigkeit durch Wasser in ein hippes junges Hobby.

Denn das Fundraising läuft bei Viva con Agua so, wie es sich alteingesessene Entwicklungshilfe-Tanker erträumen würden: durch einige Tausend Ehrenamtliche, meist in den Zwanzigern und Dreißigern, in deutschlandweit 55 Ortsgruppen. Auf der Online-Plattform sind 15.000 Menschen registriert. Die Aktiven unter ihnen sammeln in Stadien, auf Festivals, organisieren Spendenläufe in Schulen – alles freiwillig.

"Ich hatte Bock, was Gutes und Cooles zu machen", sagt Jonathan Krieger. "Ich kannte VCA vom Konzert einer Band und bin einfach mal zu einem der Treffen gegangen." Seit zweieinhalb Jahren packt der angehende Nürnberger Grundschullehrer nun selbst an Infoständen und bei der Becherjagd mit an. Zuletzt habe ihn das Taubertal-Festival in Rausch versetzt: "Über 5000 Leute haben uns ihre Becher gespendet, es war so geil." Er empfinde das als Freizeitspaß, nicht als Arbeit. Der "Spirit", schwärmt der 24-Jährige, "das gibt dir Wärme".

Hohe Einnahmen

"Den Grundsatz ,Wasser für alle, alle für Wasser‘ finde ich bis heute das absolut Coolste", sagt Christian Knell. © Isabel Lauer


"Den Grundsatz ,Wasser für alle, alle für Wasser‘ finde ich bis heute das absolut Coolste", sagt Christian Knell. Der Informatik-Doktorand hat die Ortsgruppe Nürnberg-Erlangen um 2012 mit aufgebaut und verwaltet heute deren Einnahmen. "Schon über 25.000 Euro in diesem Jahr, das ist Rekord", freut er sich. Die rund 30 Aktiven verabreden ihre Einsätze bei monatlichen Treffen und mit Hilfe einer Termin-App, helfen auch den Kollegen aus anderen Städten aus. Melanie Huber hat hier gefunden, was sie suchte, als sie für ihren Job nach Nürnberg zog: Kontakt mit Gleichgesinnten. "Man steigt gleich auf einem hohen Level ein, obwohl man sich erst seit einer halben Stunde kennt." Sie möge Konzerte und Kunst, viele Veranstalter gewähren den Viva-con-Agua-Aktivisten freien Eintritt, so verbinde sie Privates mit dem guten Zweck, sagt die 32-jährige Marketing-Managerin.

Was Wasserknappheit für andere Erdteile bedeutet, habe sie gesehen, als sie acht Monate in Mexiko-Stadt lebte. Ganze Stadtteile würden tageweise von Wasser und Strom abgeschnitten, ärmere Viertel verfügten über desolate Toiletten. Mangels Wasser reinigten viele Leute Salat mit Desinfektionsmitteln. "Da war mir klar, dass ich mich in Deutschland nie beschweren darf."

"Soziales Engagement ist ein Stück Luxus"

Wenn die Stadt Nürnberg am Sonntag ihren Internationalen Menschenrechtspreis einem Wasserrechts-Kämpfer verleiht, finden die drei Helfer das sehr gut. Rodrigo Mundaca kämpft gegen Unrecht und Umweltzerstörung infolge der Privatisierung aller Wasservorkommen in Chile. "Ich habe doppelt und dreifach Respekt, wenn sich Leute aus Ländern, die nicht den Rückhalt unserer Wohlstandsgesellschaft bieten, so extrem für eine Sache einsetzen", sagt Melanie Huber. "Soziales Engagement ist ein Stück Luxus." Der Preis sei eine gute Bühne für Mundacas Botschaft, findet Jonathan Krieger. "Man kann die Welt nicht an einem Tag retten, aber es gibt Menschen, die sie ein Stück besser machen."

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Morgen bestreitet ihre "Crew" einen Programmpunkt bei einer Konferenz des Menschenrechtsbüros im Vorfeld der Preisverleihung. Viva con Agua tritt nicht als Öko-Prediger auf. Entwicklungspolitik kommt im Design der Organisation spielerisch daher, sie setzt nach eigener Aussage auf "freudvolle Aktionen". Was rät das Trio Menschen, die nicht recht wissen, was sie persönlich gegen die Wasser-Ungerechtigkeit in der Welt tun sollten?

Sauberes Wasser für Toilettenspülung

"Es gibt superviele Möglichkeiten im kleinen Rahmen", sagen die Netzwerker. Leitungswasser trinken zähle dazu, das spare Transport und Verpackung. Weniger Fleisch essen, Fairtrade-Kleidung und insgesamt weniger Textilien kaufen, Plastikmüll vermeiden, regional und saisonal einkaufen, sich politisch engagieren. "Man kann auch Ecosia statt Google benutzen", rät Informatiker Christian Knell. Die Suchmaschine finanziert Aufforstungsmaßnahmen.

Bei Schulbesuchen weise er als Augenöffner gern auf das "virtuelle Wasser" hin, sagt Jonathan Krieger. Das sind die Wassermengen, die für die Herstellung von Produkten nötig sind. Und im typisch flapsigen Ton von VCA sagt er auch: "Leute, wir müssen mehr über Kacke reden." Die Toilettensparte von Viva con Agua – die Tochterfirma nennt sich Goldeimer – habe ihn ins Grübeln gebracht. Reiche Länder spülen ihr gesamtes Abwasser mit sauberem Trinkwasser – "muss das so sein"?

Der Kampf gegen den Klimawandel gehe alle an, finden die drei Engagierten. Je mehr sich das Klima erwärme, desto drastischer schlügen Wasserprobleme zu Buche. "Und jeder sollte merken, dass das auch bei uns eine Wirkung hat." Und wenn der 1. FCN noch so scheiße spielt – am Ende kannst du wegen der Pfandspenden wieder lächeln.

Isabel Lauer

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