Wenn die Wohnung im Müll versinkt: Zahl der Messies in Nürnberg steigt

19.1.2021, 05:55 Uhr
Das Bild zeigt eine Szene aus dem Dokumentarfilm

Das Bild zeigt eine Szene aus dem Dokumentarfilm "Messies, ein schönes Chaos", der vier Schweizer Messies drei Jahre lang begleitete © Foto: Verleih Fair & Ugly Filmproduktion

Moritz Rosseck kann nichts so leicht erschüttern. Als Inhaber der Nürnberger Firma Räumung Rosseck ist er es gewohnt, knietief durch Müll zu steigen, Berge von Abfällen und sogar Exkremente wegzuschaufeln. Der Fall einer 90-Jährigen hat ihn kürzlich aber doch betroffen gemacht.

Die Frau ist vor einigen Wochen gestorben, Angehörige gibt es nicht, ihr Einfamilienhaus bei Erlangen ging an die öffentliche Hand und wurde verkauft. Der neue Besitzer beauftragte Rossecks Firma mit der Entrümpelung. "Das Haus war total hinüber. Alles war vollgestopft mit Müll und größtenteils verschimmelt", erzählt der 35-Jährige.

Wirklich berührt aber hat ihn, was er vom Käufer erfuhr: Dass die Frau in diesem Haus auch geboren wurde und sich seit dem Tod ihres Mannes vor 20 Jahren niemand mehr um sie gekümmert hat. "Wenn ein Mensch 90 Jahre im selben Haus lebt und dann völlig vereinsamt darin stirbt, ist das schon krass", so Rosseck.

Erste deutsche Messie-Akademie

Ob die Frau nach dem Tod ihres Mannes verwahrloste oder ein "Messie" war, weiß er nicht. Klar ist aber: "Wer die Wohnung eines Messies betritt, sieht sofort: Hier ist fundamental etwas nicht in Ordnung": Das sagt Michael Schröter, der sich seit langem für Menschen engagiert, die ihre Wohnungen – oft bis zur Unbewohnbarkeit – vermüllen lassen. 2016 gründete der Münchner, der zuvor für die Caritas gearbeitet hatte, in Gauting die Erste deutsche Messi-Akademie, die Messie-Hilfe-Fachkräfte ausbildet und bundesweit Seminare durchführt. Auch die Betroffenen können sich dort beraten lassen.

Der Bedarf ist groß: Auf rund 2,5 Millionen wird die Zahl der Messies in Deutschland geschätzt. Schröter unterscheidet zwischen den "Vermüllern" und den "Sammlern", die ihre Wohnungen mit Dingen vollstopfen, die sie gar nicht brauchen (und dafür oft viel Geld ausgeben). In jedem Fall jedoch gehe es darum, "die innere Leere zu füllen".

Als eigenes Krankheitsbild wird das Messie-Syndrom im internationalen Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen (ICD) nicht geführt und folglich auch von den Krankenkassen nicht anerkannt. Nach Schröters Erfahrung ist damit aber immer eine psychische Erkrankung verbunden – "meist eine Depression." Die Ursachen seien vielfältig: Traumata, wie sexueller Missbrauch in der Kindheit und andere Gewalterfahrungen, mangelnde Zuwendung der Eltern in den frühen Lebensjahren, der Verlust des Partners, soziale Isolierung. Seit Corona verzeichnet Schröter doppelt so viele Anrufe von Hilfesuchenden wie vor der Pandemie.

Therapeutische Hilfe kann seine Akademie nicht leisten. Die Angebote konzentrieren sich neben Beratungsgesprächen vor allem auf die Vermittlung von Hilfen im Haushalt, was für die Betroffenen oft eine große Erleichterung bedeute. "Aber sobald die Unterstützung endet, beginnt die Vermüllung von vorn. Die psychische Programmierung hat sich ja nicht geändert."

Ziel der Akademie ist es derzeit, die Nachsorge zu verstärken – in Form von telefonischer Betreuung und regelmäßigen Besuchen durch Freunde oder Bekannte. Zudem wird für 2021 eine flächendeckende Versorgung mit Messie-Hilfe-Fachkräften angestrebt. Im Raum Stuttgart, Berlin oder München sei der Bedarf ganz gut abgedeckt, sagt Schröter, im Großraum Nürnberg überhaupt nicht.

Es mangelt bundesweit an Therapie-Angeboten

Auch Alexander Haußner, der bei der Nürnberger Stadtmission die Abteilung ambulant betreutes Wohnen für Menschen mit Suchterkrankung leitet, weiß von keinen Hilfsangeboten speziell für Messies. "Das ist aber nicht unser eigentlicher Bereich." Sicherlich seien unter seinen Klienten Menschen mit Messie-Syndrom, durch die betreuten Wohnformen sei die Gefahr der häuslichen Vermüllung aber geringer.

Arbeiter in Schutzanzügen beim Räumen einer Messie-Wohnung.

Arbeiter in Schutzanzügen beim Räumen einer Messie-Wohnung. © Foto: Moritz Rosseck

Noch wichtiger wären laut Schröter gezielte Therapie-Angebote, an denen es bundesweit fast vollständig mangelt. Einer der ganz wenigen, die sich intensiv mit dem Messie-Syndrom befasst haben, ist der Offenbacher Diplom-Psychologe Werner Gross. Wie Schröter spricht er vom "Loch in der Seele, das gefüllt werden muss" und von einer "Desorganisationsproblematik": Das innere Chaos spiegele sich im äußeren wider.

Gross kennt sowohl die Zwangs-Klienten, bei denen die Angst im Vordergrund steht und für die die Wohnung zur Schutzburg vor der Außenwelt wird, wie die Sucht-Klienten, die oft sehr liebenswerte Menschen seien. "Viele sind Idealisten mit einem hohen Anspruch an sich selbst." Bei ihnen sei das Sammeln anfangs meist mit einem subjektiv empfundenen Nutzen und einem großen Lustanteil verbunden.

Verhaltenstherapie allein reicht nicht

Allein mit einer Verhaltenstherapie, die den Betroffenen üblicherweise empfohlen wird, ist einem Messie laut Gross nicht geholfen. Er arbeitete mit seinen Klienten auch tiefenpsychologisch, um an die emotionale Seite des Problems heranzukommen. Entscheidend für den Therapieerfolg sei, dass mit der Einsicht in die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung auch die Fähigkeit dazu entwickelt werde. "Die Wohnung aufzuräumen gelingt nur für eine begrenzte Zeit, wenn nicht auch die Seele aufgeräumt wird", betont Gross.

Auch er nennt unterschiedlichste Gründe für das Abdriften in ein Messie-Leben, das aber nicht immer mit einer psychischen Erkrankung einher gehen müsse. Nach seinem Eindruck nimmt das Problem zu, was auch mit den brüchiger werdenden Biografien zu tun habe. "Die Identitäten werden fragiler. Viele wachsen in Patchwork-Familien auf, wechseln häufig ihre Arbeitsplätze und Wohnorte. Sie packen ihre Umzugskisten gar nicht mehr aus, verlieren ihren Freundeskreis, geraten privat ins Trudeln. Im Beruf sind sie super organisiert, aber wenn Zuhause die Tür zufällt, ist da nur Chaos und Leere und keine Struktur mehr." Das Sammeln und Horten kompensiere dann die soziale Isolierung.

Gross, der mehrere Bücher über Sucht geschrieben hat, hält große Stücke auf Selbsthilfegruppen. Mit ihrem Grundsatz "Du schaffst es nur selbst, aber du schaffst es nicht alleine" böten sie die notwendige Solidarität und Schutz vor der Vereinsamung. Wie wichtig das für die Betroffenen ist und wie groß ihre Scham, zeigte sich auch bei den Recherchen zu diesem Artikel. Alle, die zunächst bereit waren, anonym über ihr Schicksal zu berichten, machten am Ende einen Rückzieher.

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