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Pannen im Sonder-ICE: So erlebten Reisende das Desaster

Sprinter-Zug kam eine Stunde und 37 Minuten zu spät in München an - 09.12.2017 16:15 Uhr

Im Bamberger Hauptbahnhof musste der ICE-Sprinter nach der Panne außerplanmäßig halten und gestresste Reisende entlassen. © André De Geare


Beim ersten Zwangsstopp in einem Tunnel irgendwo auf der Bahnstrecke zwischen Halle und Erfurt fanden das die Passagiere im Sonderzug noch irgendwie lustig. Selbst bei der minutiös geplanten und präzise vorbereiteten Premiere zur Eröffnung der schnellen Bahnverbindung zwischen München und Berlin konnte nicht vermieden werden, was Millionen Bahnpassagiere vom Alltag kennen: eine Verspätung.

Hätten die Gäste im blank gewienerten ICE-3-Sonderzug gewusst, was im Laufe der Rückreise vom Festakt in Berlin noch alles auf sie zukommt, hätten sie wohl am Freitagabend in Erfurt panikartig den Zug gewechselt - Sonderservice hin und Lunchpakete her.

Denn der Zug, der sie am Mittag zuverlässig in weniger als vier Stunden über die 623 Kilometer lange Strecke von der Isar an die Spree gebracht hatte, sollte seine Launenhaftigkeit noch gründlich unter Beweis stellen. Hier die Chronik der peinlichen Ereignisse:

"In Kürze gleich weiter"

20.53 Uhr: "Störung in der Zugbeeinflussungsanlage" heißt es, bevor sich der ICE zögernd wieder in Bewegung setzt. Nach Erfurt, mitten im kalten dunklen Thüringer Wald, die nächste Zwangsbremsung aus 299 km/h. Irgendwo in der Nähe der ehemaligen DDR-Grenze, mitten auf der sündteuren Neubaustrecke, steht die Promi-Schleuder um 21.35 Uhr wie festbetoniert. Es gehe "in Kürze gleich weiter", verspricht man. Das stimmt auch, aber statt mit 300 km/h schleicht der Zug mit geschätzten 50 km/h durch die teuren Tunnel und über die nicht weniger kostspieligen Brücken.

"Wiederkehrende Fahrzeugstörung"

Inzwischen werden die ersten Passagiere nervös. Um 22.15 Uhr sollte der Zug ohne weiteren Halt in Nürnberg ankommen, eine Stunde später in München. Früh genug für alle Anschlüsse, doch jetzt wird die Zeit knapp. Techniker laufen mit Messgeräten und Notebooks durch den Zug. Die auf besondere Freundlichkeit getrimmten Zugbegleiter müssen sich um die ersten besorgten Anschlussfragen kümmern.

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Man recherchiert, dass der S-Bahn-Fahrplan in München ebenfalls total durcheinander ist. Wie sich zeigen sollte, wird wenigstens das kein Problem mehr sein.

Dann wird entschieden: Der Zug wird außerplanmäßig in Bamberg halten. Da der Bahnsteig für den Koloss zu kurz ist, müssen sich die Aussteigewilligen zur Zugmitte begeben. Die Anzeichen für ein Public-Relation-Debakel werden unübersehbar.

Zwischen Erfurt und Bamberg kommt der Zug wieder in Fahrt. Um 22.16 Uhr die nächste böse Überraschung: Zwangsbremsung aus 250 km/h noch vor Bamberg - eine "wiederkehrende Fahrzeugstörung". Jetzt werden diejenigen, die von Nürnberg und München noch weiter reisen müssen, endgültig nervös. Man findet die "Rekordfahrt" (Bahn AG) nicht mehr amüsant. Die Verspätung liegt mittlerweile bei einer Stunde.

Bamberg wird "Sprinter"-Stop

Mit quälender Langsamkeit rollt der Zug, welcher nach dem Willen der Bahn dem Flugzeug Konkurrenz machen soll, in den dafür nicht eingerichteten Hauptbahnhof Bamberg ein und entläßt sichtlich erleichterte Passagiere, um dann wieder mit ebenso nervender Schleichgeschwindigkeit Kurs auf Nürnberg zu nehmen.

Um noch pünktlich in München sein zu können, müsste er auf theoretische 400 km/h kommen. Für die Ankunft im München wird die "vorsichtige Prognose" 00.40 Uhr ausgegeben - 85 Minuten später als geplant. Die Unruhe steigt. Es wird mit Familie, Abholern und Taxiunternehmen telefoniert. Keine neue Erfahrung für regelmäßige Bahnbenutzer.


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Die ersten Online-Berichte über die Pannen-Rückfahrt des Superzugs von der Premierenfeier sind online. Recht sachlich. Eine Bahn-Sprecherin sagt, die könne sich das alles nicht erklären und man wünsche sich so etwas nicht. Inzwischen beginnt an Bord des Desaster-Zugs der diskrete Kampf um die noch verbliebenen Lunchpakete und Getränke.

Ursache unbekannt

Zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Nach der Ausfahrt aus dem Nürnberger Bahnhof macht sich vorsichtige Erleichterung breit. Vielleicht bekommt der eine oder andere ja doch noch seine S- oder U-Bahn. Der bayerische Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel ist mit an Bord und verweist die Fragen nach der Ursache der Pannen an seinen Technikbeauftragten.

Der zuckt die Schultern. Man wisse einfach nicht, warum der Zug mehrfach zwangsgebremst worden sei. Der Computer auf Rädern habe die Strecke in Tests "vier, fünfmal" problemlos in vier Stunden hinter sich gebracht, damit auch ja an der Eröffnungsfahrt mit Politikern und Journalisten alles klappt. Das Fahrzeug werde in München sofort in die Reparaturhalle gebracht und seine Daten ausgelesen. Dann werde man mehr wissen.

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Spricht's und muss sich festhalten, denn auf der Schnellfahrstrecke Nürnberg-Ingolstadt, auf welcher der Zug wieder mit 300 km/h dahin brettern sollte, quietschen um 23.45 Uhr erneut die Bremsen. Der Zug steht wieder wie festgetackert - "wiederkehrende Fahrzeugstörung" sagt der Zugbegleiter. Die Hoffnungen der Reisenden, von München aus noch nach Garmisch, Augsburg oder Freilassing weiter zu kommen, werden fahren gelassen. Defätismus macht sich breit.

"Nicht mehr lustig"

Um 00.15 Uhr geht es weiter, doch diesmal für ganz lange Zeit im Schneckentempo. Die Betriebsleitung hat klug reagiert und lenkt Züge von Nürnberg nach München über das Gegengleis vorbei. Ein ICE nach dem anderen donnert an dem im Schneckentempo dahin zockelnden Eröffnungszug links vorbei. Dessen Lokführer müsse "auf Sicht" fahren, heißt es. Jetzt wird klar: Man hätte in Nürnberg umsteigen müssen. Zu spät. "Ich find' das nicht mehr lustig", spricht ein Medienvertreter aus, was alle denken.

Um halb eins packen die Zugbegleiter die Taxigutscheine aus. Der Andrang zur Ausgabestelle im Restaurantwagen ist groß, aber man hat Zeit. Vor 1.15 Uhr werde man nicht am Endbahnhof sein, heißt es. Die Eröffnungsfahrt wird noch einmal teurer für die Bahn: Taxigutscheine im Wert von etlichen Tausend Euro werden ausgegeben. Manche müssen von München aus noch bis zu 150 Kilometer ins südliche Oberbayern fahren. Schließlich gehen auch noch die Gutscheine aus.

Überstanden

Um 1.22 Uhr schließlich ist es überstanden. Der Premierenzug läuft in den um diese Zeit ziemlich leeren Hauptbahnhof München ein - eine Stunde und 37 Minuten später als geplant. Damit war der ICE 3 fast so lange unterwegs wie ein Zug vor Eröffnung der zehn Milliarden teuren Schnellfahrstrecke. Wenigstens muss die Bahn keine Fahrtkosten erstatten, denn die Tickets waren sowieso kostenlos.

Die Reisenden wollen darüber jetzt keine Späße mehr machen. Mit ihren Stofftüten "Das ist meine Strecke" hasten sie aus der Bahnhofshalle, um ein Taxi zu ergattern und in der Hoffnung, noch irgendwie auf der Straße nach Hause zu kommen. Ende einer großen Eröffnungsparty der Deutschen Bahn und ein PR-Desaster ohne Beispiel. 

Ralf Müller

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