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Platz für Kirschen und Hopfen: Neues Konzept gegen den Flächenfraß

Interview mit Forchheims Landrat zu den Flächen-Ideen der Metropolregion - 06.11.2020 11:12 Uhr

Damit für wichtige Regionalprodukte wie die Kirschen in der Fränkischen Schweiz auch künftig noch genug Platz ist, braucht es Konzepte gegen den Flächenfraß.

26.06.2020 © Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa


Herr Ulm, der Flächenverbrauch in Bayern hat zuletzt wieder zugenommen, er liegt jetzt bei 10,8 Hektar pro Tag. Wie bedenklich finden Sie diese Entwicklung?

Hermann Ulm: Das ist keine nachhaltige Entwicklung. Natürlich muss man das in den Griff bekommen. Die Gemeinden sind da aber sehr unterschiedlich. Manche achten schon jetzt sehr darauf, nicht mehr so in die Fläche zu wachsen, bei anderen hat das noch nicht die oberste Priorität.


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Hermann Ulm, 44, ist seit dem Jahr 2014 Landrat des Landkreises Forchheim. Der CSU-Politiker war zuvor Lehrer und Konrektor an der Grund- und Mittelschule Kirchehrenbach, Bürgermeister der Gemeinde Kunreuth und Lehrbeauftragter für Geografie und Geografiedidaktik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

24.01.2020 © Privat


Flächensparen sollte aber überall oberste Priorität haben, wenn selbst die Staatsregierung das Ziel ausgibt, bis zum Jahr 2030 nur noch fünf Hektar pro Tag zu verbrauchen. Die Staatsregierung setzt dabei aber vor allem auf Freiwilligkeit. Reicht das?

Ulm: In den Augen der Gemeinden ist die Selbstbestimmtheit, die kommunale Planungshoheit ein sehr hohes Gut, das ja auch in der bayerischen Verfassung steht. Deshalb ist der Punkt der Freiwilligkeit schon sehr wichtig. Alles andere würde nur gewaltigen Widerstand hervorrufen.

Mit Freiwilligkeit hat man es aber schon in den vergangenen Jahren versucht. Geändert hat sich am Flächenverbrauch nichts. Warum sollte es nun anders sein?

Ulm: Ich sehe es als pädagogische Aufgabe, den Gemeinden den Wert der Landschaft, der Natur und der landwirtschaftlichen Flächen näherzubringen. Und ihnen aufzuzeigen, welche Chancen die Innenentwicklung der Orte bietet. Die Kommunen können und sollten Verbünde mit freiwilligen Selbstverpflichtungen in Sachen Flächenverbrauch schaffen, praktisch ein "Bündnis der Willigen" organisieren.

Reicht es, darauf zu vertrauen? Die Grünen plädieren für viel konkretere Vorgaben und teilen mit ihrem Gesetzesentwurf jeder Kommune ein festes Flächenbudget zu.

Ulm: Das halte ich nicht für das richtige Mittel. Ich bin eher der, der überzeugen und die Gemeinderäte mitnehmen will.

Und wie soll das gelingen?

Ulm: Zum Beispiel, indem man gute Beispiele zeigt. Der bequeme Weg ist es natürlich, einfach am Ortsrand ein Neubaugebiet mit Stichstraße und Wendehammer auszuweisen. Das ist aber die falsche Entwicklung, da veröden die Ortskerne. Richtig ist es, wenn die Bürgermeister mit den Besitzern von Leerständen im Ortskern sprechen und eine Zukunft für diese Gebäude und Flächen organisieren. Das ist natürlich ein hartes Brot. Aber das eben auch die wahre Kunst der Kommunalpolitik. Und viele Bürger freuen sich am Ende, wenn sie im Ortskern leben und nicht in einer austauschbaren Schuhschachtel im Neubaugebiet.

Qualitative statt quantitativer Weiterentwicklung

Wie kann sich die Region weiterentwickeln, ohne viele neue Flächen zu verbrauchen?

Ulm: Wir müssen versuchen, eine qualitative Weiterentwicklung zu erreichen, nicht nur eine quantitative, flächenmäßige. Wir müssen vor allem den Bestand der Flächen intelligent weiternutzen und aufwerten.

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Am Freitag präsentieren Sie das neue Leitbild für Flächenentwicklung in der Metropolregion Nürnberg. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ulm: Ziel ist vor allem der Erhalt der Lebensqualität und der landwirtschaftlichen Flächen für die typischen Regionalprodukte wie Kirschen, Hopfen, Karpfen oder Bier. Es muss weiter die Möglichkeit geben, sich auf kurzem Weg mit frischen, gesunden und nachhaltig erzeugten Lebensmitteln zu versorgen.


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Wie können landwirtschaftliche Flächen für Regionalprodukte gesichert werden?

Ulm: Zum Beispiel durch die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorbehaltsflächen im Bayerischen Landesentwicklungsprogramm, in den Regionalplänen und in den Flächennutzungsplänen. Aber auch durch ein neues Flächenmonitoring-Tool der Metropolregion, das den Kommunen beim Flächenmanagement helfen soll. Außerdem soll es verschiedene Pilotprojekte geben, wie den Aufbau einer Online-Vermarktungsplattform für Regionalprodukte und die Einführung der Dachmarke "Streuobst aus der Metropolregion".

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