Dienstag, 24.11.2020

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Reisen in Corona-Zeiten: Deutschland-Reiseführer als Verkaufsschlager

Michael Müller Verlag aus Erlangen kommt allmählich aus der Krise - 25.08.2020 05:52 Uhr

Früher Kreta oder Sardinien, jetzt die Mecklenburgische Seenplatte: In der verlagsinternen Bestsellerliste des Michael Müller Verlag steht der Reiseführer zur Mecklenburgischen Seenplatte auf Rang eins.

20.08.2020 © Bernd Wüstneck, dpa


Herr Müller, im Frühjahr wurde Ihr Verlag voll von der Corona-Krise getroffen. Niemand hat mehr Reiseführer gekauft, Sie haben alle Druckaufträge gestoppt und die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Wie sehr war die Zukunft des Verlages bedroht, den Sie 1979 gegründet haben?

Michael Müller: Die Existenzangst war sofort da. Ohne das Kurzarbeitergeld wäre das sehr schwierig geworden. Man hatte aber auch einfach Angst, dass Mitarbeiter oder Familien-Mitglieder krank werden. Aber man gewöhnt sich auch an Ausnahmesituationen. Und die ersten zehn Jahre des Verlages waren auch Krisenjahre. Vielleicht hilft so was jetzt.

Großes Minus für den Verlag

Inwiefern?

Müller: Man muss optimistisch bleiben und lernen, mit der Krise zu leben. Sonst wird man ja depressiv. Wir haben zum Glück eine sehr treue, breite Leserschaft. Und jetzt geht es ja langsam wieder aufwärts. Aber man muss auch ganz klar sagen: Wenn wir mit 50 Prozent des Vorjahresumsatzes aus diesem Jahr rauskommen, dann ist es noch gut gelaufen. Es bleibt also ein großes Minus.

Michael Müller, Jahrgang 1953, wurde in Ebermannstadt geboren. Nach der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker zog es ihn für einige Jahre nach Neuseeland und Ecuador. Dort begegnete er dem Reisejournalisten Martin Velbinger, mit dem er Südamerika recherchierte - Initialzündung für die berufliche Neuorientierung, die 1979 in die Gründung des eigenen Verlags mündete. Müller startete er mit einem selbst recherchierten Portugal-Führer - damals noch mit comicartigen Illustrationen und handgemalten Karten.

20.08.2020 © Stefan Hippel


Sonst sind in der verlagsinternen Bestsellerliste Kreta, Sardinien, Korsika, Sizilien oder der Gardasee ganz vorne zu finden. Anfang des Jahres war der Berlin-Städtereiseführer auf Rang 22 der erste Deutschland-Titel. Jetzt kommt mit „Südschweden“ auf Platz 19 das erste Nicht-Deutschland-Buch. 22 der Top 30 sind Deutschland-Reiseführer. Da hat sich gewaltig was verändert...

Müller: Ja, es ist ganz umgekehrt wie sonst. Das Reiseverhalten ist völlig anders. Die Deutschland-Titel laufen zwei- bis dreimal so gut wie sonst, das hätten wir uns nie erträumen lassen. Ich bin gerade sehr froh, dass wir kein Fernreise-Verlag sind. Städte gehen aber momentan noch ganz schlecht, auch in Deutschland. Dabei sind die Städte so leer wie sonst nie und die Preise entsprechend günstiger… Doch auch Ziele, zu denen man fliegen muss, haben es schwer. Wie Griechenland zum Beispiel. Da sind die Infektionszahlen eigentlich relativ niedrig. Aber die Leute haben einfach momentan Angst zu fliegen. Sie fürchten das Infektionsrisiko im Flugzeug.

Spanien- oder Italien-Autoren gar nicht erst losgefahren

Die Deutschland-Autoren profitieren natürlich. Aber den Autoren von zuvor erfolgreichen Reiseführern fehlen jetzt die eingeplanten Einnahmen. Wie kommen sie damit zurecht?

Müller: Viele der Autoren, die Italien, Frankreich oder Spanien bearbeiten, sind gar nicht erst losgefahren. Unsere Stammautoren, die seit 30 Jahren dabei sind und viele erfolgreiche Titel bearbeiten, haben sich schon ein kleines Pölsterchen angespart. Die überstehen das noch ganz gut. Manche haben auch gut bezahlte Hauptberufe. Bei den Autoren, die später dazugekommen sind, schaut`s aber schon anders aus. Die leiden teilweise schon sehr. Momentan wird sehr viel darüber diskutiert, welche Recherchereisen und Veröffentlichungen Sinn machen, wird bei manchem noch mal ein paar Monate abgewartet oder sich umentschieden. Das ist natürlich sehr zeitraubend und unproduktiv.

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Was planen Sie für das nächste Jahr? Es ist ja völlig unklar, wohin man dann reisen kann und wie groß die Bereitschaft der Menschen dazu ist.

Müller: Normalerweise würden wir etwa 60 Titel rausbringen. Für 2021 haben wir jetzt 40 Bücher geplant. Das ist sehr ambitioniert angesichts der Situation. Das werden vor allem Aktualisierungen sein, aber auch Neuerscheinungen wie Edinburgh, Oslo und die Stadtabenteuer-Bücher zu München und Paris. Fernreisetitel wie Costa Rica werden erst mal verschoben. Das Programm wird auch von der Finanzierung her sehr spannend. Da müssen wir mächtig in Vorleistung gehen. Aber trotzdem wollen wir unsere digitalen Projekte forcieren.

Reiseführer-App wurde verboten

Was genau haben Sie da vor?

Müller: Beim digitalen Workflow sind wir weiter als jeder andere Reiseführer-Verlag der Welt. Die Reiseführer können mit überschaubarem Aufwand auch in eine App überführt werden.

Sie haben ja schon einmal ihre Bücher mit App angeboten. Dann wurde das verboten.

Müller: Ja, wegen des unterschiedlichen Mehrwertsteuersatzes. Jetzt ist es aber wieder erlaubt – und wir machen es wieder. Es werden ab Winter alle neu aufgelegten Städte-Reiseführer mit App angeboten. Und im kommenden Jahr wird es nicht mehr nur für Städte, sondern für ganze Regionen die App geben. Auch meinen Nordportugal-Reiseführer soll es so geben.


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Apropos Nordportugal: Auch Sie selbst als Autor sind betroffen. Eigentlich sollte Anfang 2020 ihr Portugal-Reiseführer neu erscheinen, dazu die Erstausgabe eines Porto-Reiseführers. Beides musste gestoppt werden. Wie geht es jetzt weiter?

Müller: Mitte September werde ich an die Algarve fliegen und anschließend nach Nordportugal fahren, um so gut es geht nachzurecherchieren und das Buch zu aktualisieren.

Mit Maske und Abstand auf Portugal-Reise

Wie viel Angst haben sie vor einer Ansteckung während der Reise?

Müller: Ich gehöre ja schon zur Risikogruppe, ich muss da schon vorsichtig sein. Als Reiseführerautor redet man ja sehr viel mit Menschen und kommt mit vielen Leuten in Kontakt. Da ist das Infektionsrisiko schon erhöht. Da muss man sehr darauf achten, genug Abstand zu halten und Maske zu tragen. Aber ich will das jetzt durchziehen.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder vergeblich versucht, auf dem internationalen Markt Fuß zu fassen. Gibt‘s da neue Pläne?

Müller: Bei den bisherigen Versuchen war das sehr schwierig. Man brauchte einen Übersetzer, musste drucken und einen Vertrieb im Ausland haben. Man musste sich mühsam in die Regale der Buchhändler und auf die Tische der Rezensenten vorkämpfen – von Deutschland aus sehr schwierig. Jetzt kann man das automatisch übersetzen lassen und muss es danach nur noch lektorieren. Damit schafft man es in einem Viertel der Zeit und mit deutlich geringeren Kosten. Meinen Nordportugal-Reiseführer will ich so übersetzen und als App international auf den Markt bringen. Mal sehen, ob es damit besser klappt als in der Vergangenheit. International Beachtung zu finden, wird aber eine große Herausforderung.

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